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Die Türkei im Staudammwahn

In keinem anderen Land der Welt werden so viele Staudämme geplant wie in der Türkei: in den nächsten 25 Jahren Ankara sind mehr als 1.500 geplant. Die Folgen für den Naturschutz, die Menschen und die gefluteten Kulturgüter sind für die Verantwortlichen unerheblich. Jetzt plant die Regierung ein neues Umweltschutzgesetz, das den Namen nicht verdient.

Von Gunnar Köhne | 28.12.2010

Eine malerische Schlucht, tief unten windet sich ein wilder, blau-grün schimmernder Fluss. Wieder und wieder kehrt Zafer Kecin an diesen Aussichtsplatz zurück. Es ist, findet er, die schönste Ecke seiner Heimat, das Loc-Tal an der türkischen Schwarzmeerküste. Ein Naturparadies, wie es sie nur wenige gibt:
"Hier haben wir, als wir klein waren, Fische gefangen, wir haben gebadet und erst vor einem Jahr sahen wir hier am Ufer des Flusses eine Bärin mit ihren Jungen. Worte können nicht beschreiben, was dieser Ort für uns bedeutet. Es ist der Mittelpunkt unseres Lebens."
Doch die Idylle droht unterzugehen. Links und rechts des Flusses graben sich Bagger in die Landschaft. Das Loc-Tal ist eines von mehreren hundert Tälern in der ganzen Türkei, das sich die Regierung zur Energiegewinnung ausgeguckt hat. Schon in drei Jahren soll der Fluss Strom liefern. Dafür soll zwischen zwei Felshängen eine 30 Meter hohe Staumauer gezogen werden. Das Wasser wird danach in Röhren weiter abwärts zu einer Turbine geleitet. Unterirdische Wasserleitung statt natürlicher Wasserlauf: Umweltschützer Kecin ist wütend über die Pläne der Regierung:
"Jeden Sommer kommen hier die Urlauber her, um zu picknicken, zu angeln oder zu baden. Weiter unten im Tal dient dieser Fluss den Menschen auch als Trinkwasserreservoir. Das wird auch nicht mehr möglich sein. Entweder er wird verdreckt bei ihnen ankommen oder er fließt unerreichbar unter der Erde in Röhren."
Ein Teil der Talbewohner wehrt sich heftig gegen den Kraftwerksbau – sie demonstrieren in der Hauptstadt Ankara oder stellen sich den Baufahrzeugen in den Weg. Dafür wurden sie von der Polizei und den Bauarbeitern verprügelt.

Doch es gibt auch Befürworter des Staudamms. Und der Streit über Sinn und Unsinn des Projekts entzweit das Dorf. Im örtlichen Teehaus geraten die Fraktionen immer wieder heftig aneinander:
"Wenigstens 25 Leute aus unserem Dorf haben bei denen Arbeit gefunden. Und ich verkaufe mehr Tees. Ist das nichts?"
In der zuständigen Baufirma kann man die Aufregung nicht verstehen. Sie sieht ihren Auftrag darin, an der Entwicklung des Landes mitzuarbeiten. Das enorme Wirtschaftswachstum verlange nach mehr Strom, sagt der leitende Ingenieur Bekir Esendir:
"Es werden hier allein 70 Millionen Kilowatt Strom jährlich produziert werden – damit verdienen wir als Betreiber nach derzeitigem Strompreis etwa 2,5 Millionen Euro jährlich. Und wir werden weiter Wasser in das Flussbett leiten, wenn wir mit den Bauarbeiten fertig sind – das steht ja in den Auflagen."
1500 Staudämme sind im ganzen Land geplant. Einsprüche dagegen will die Regierung durch ein neues Umweltschutzgesetz erschweren. Das Gesetz soll den bisherigen Status von Naturschutzgebieten aufheben und die Entscheidung über deren Zukunft künftig einem neuen Gremium überlassen: dem Nationalen Rat für Biologische Vielfalt. Dessen Vorsitzender wäre Umweltminister Veysel Eroglu – ein erklärter Fan von Wasserkraftwerken. Güven Eken, Vorsitzender des türkischen Naturschutzvereins nennt den Gesetzentwurf ein "Umweltzerstörunggesetz":
"Das geplante neue Gesetz bedeutet praktisch, dass die türkischen Naturschutzbestimmungen hinter den Standard Chinas oder eines afrikanischen Landes zurückfallen werden. Alle Schutzgebiete der Türkei würden damit zur Disposition gestellt. Die EU hat mehrfach klargestellt, dass dieser Gesetzentwurf für den Beitrittsprozess der Türkei nicht hinnehmbar ist und den EU-Kriterien widerspricht."
Nicht nur im Loc-Tal wehren sich die Menschen gegen die gigantischen Staudammpläne der Regierung. "Unser Tal soll nicht untergehen". Dieses Transparent haben Zafer Kecin und seine Freunde in großen Buchstaben an die Dorfstraße gehängt. Hier und in anderen Tälern wird sich entscheiden, ob die Türkei für ihren wirtschaftlichen Aufstieg ihre letzten Naturschutzgebiete opfern will.