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StartseiteHintergrundAmbitionen einer Regionalmacht16.07.2021

Die Türkei in Afrika Ambitionen einer Regionalmacht

Die Außenpolitik vieler afrikanischer Staaten hat sich geändert. Früher richtete sie sich vor allem auf die ehemaligen europäischen Kolonialmächte aus, doch deren Bedeutung nimmt ab. Schon seit Jahren ist China ein wichtiger "Player", aber auch die Türkei unter Recep Tayyib Erdogan gewinnt an Gewicht.

Von Bettina Rühl

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (R) begrüßt im November 2018 den somalischen Präsidenten Mohamed Abdullahi "Farmajo" Mohamed  (dpa / Kayhan Ozer / Anadolu Agency)
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der somalische Präsident Mohamed Abdullahi "Farmajo" Mohamed (dpa / Kayhan Ozer / Anadolu Agency)
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November 2020. Ein Hubschrauber der Bundeswehr kreist über einem türkischen Container-Frachter im Mittelmeer – rund 200 Kilometer vor der libyschen Küste. Dann seilen sich deutsche Marinesoldaten ab, entern das Schiff, wie Bilder der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu zeigen. Die Deutschen verdächtigen die türkische Besatzung, Waffen oder Kriegsgerät an Bord zu haben und nach Libyen liefern zu wollen - ein Verstoß gegen das UN-Waffenembargo, das gegen das Bürgerkriegsland seit 2011 in Kraft ist. Deutschland ist Teil der EU-Mission Irini, die das Waffenembargo gegen Libyen durchsetzen soll.

Türkei einer der wichtigsten Akteure in Libyen

Mehrfach wurde die Türkei in den vergangenen Jahren verdächtigt, das für Libyen geltende Waffenembargo zu verletzen. In dem nordafrikanischen Bürgerkriegsland ist die Türkei einer der wichtigsten politischen und militärischen Akteure. Und nicht nur da strebe Präsident Recep Tayyip Erdoğan nach machtpolitischer Größe, meint Annette Weber. Sie ist die EU-Sonderbeauftragte für das Horn von Afrika.

"Für die Türkei war wichtig, außerhalb ihres Wirkungskreises seit Erdoğan so ein Empire wiederaufzubauen. Also das Wiedererstarken eines osmanischen Empires, das eben weit über die begrenzten Wirkungskreise, die direkt neben der Türkei liegen, hinausreichen."

Die neuen außenpolitischen Ambitionen lassen sich besonders gut auf dem afrikanischen Kontinent beobachten, und dort nicht nur in Libyen. In Libyen ist die türkische Präsenz aber vielleicht besonders bedeutend, weil sie auch die Interessen vieler anderer Mächte berührt. Nicht zuletzt die Belange Europas, das am Mittelmeer in direkter Nachbarschaft liegt. Europa interessiert sich unter anderem wegen der Migration durch Libyen und der reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen für das ehemalige Reich von Diktator Muammar al-Gaddafi.

Dichter Raum steigt vor der Küste von Tripolis auf, wo ein mit waffen beladenes türkisches Schiff im Februar 2020 zerstört worden sein soll  (imago / Hamza Turkia / Xinhua)Dichter Raum steigt vor der Küste von Tripolis auf, wo ein mit waffen beladenes türkisches Schiff im Februar 2020 zerstört worden sein soll (imago / Hamza Turkia / Xinhua)

Bei dem Vorfall im Mittelmeer wurden die deutschen Marinesoldaten nicht fündig. Sie mussten die Durchsuchung des Frachters abbrechen, die Türkei hatte gegen die Operation protestiert.

Die Türkei hat ungewöhnlich stark in den Libyen-Konflikt eingegriffen, und zwar zugunsten der von den Vereinten Nationen unterstützten Regierung im Westen des Landes. Russland und einige andere Mächte standen auf der Gegenseite, unterstützten General Khalifa Haftar im Osten. Wie Russland bediente sich auch die Türkei nicht nur eigener Soldaten. Sie heuerte Söldner an, aus Syrien, viele aus islamistisch-extremistischen Kreisen, wie die Gegenseite ihr vorwirft. Und auch die Türkei setzte bewaffnete Drohnen ein.

Ansprüche im östlichen Mittelmeer

Damit konnte sie das Kriegsgeschehen 2020 überraschend zugunsten der Regierung im Westen entscheiden. Der Türkei ging es nicht zuletzt darum, gegenüber den russischen Verbündeten Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten Macht zu demonstrieren. Und ihrerseits vermeintliche Ansprüche im östlichen Mittelmeer geltend zu machen, vor allem wegen der dortigen Gasvorkommen.

Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar und der somalische Verteidigungsminister Hassan Ali Mohamed 2019  (dpa / Arif Akdogan / Anadolu Agency)Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar und der somalische Verteidigungsminister Hassan Ali Mohamed (dpa / Arif Akdogan / Anadolu Agency)

Gut 7.000 Kilometer von der libyschen Hauptstadt Tripolis entfernt, sitzt Ahmed vor dem Computer eines Reisebüros in Mogadischu, der Hauptstadt Somalias und schaut sich einen Werbefilm der türkischen Armee an. Das sogenannte Horn von Afrika ist eine weitere Region, in der etliche internationale Mächte um Einfluss konkurrieren, darunter die Türkei. Zumindest in Somalia hat sie die Nase vorn.

Über seinen Computer bucht Ahmed normalerweise die Flüge der Reisewilligen, aber 2021 hat er wegen der Corona-Pandemie nur wenig zu tun. Also nutzt er die freie Arbeitszeit, um Türkisch zu lernen - inzwischen versteht er sogar schon einige Filmdialoge.

"Wir gucken oft diese türkischen Armee-Filme. Oder wir machen einen online-Türkisch-Kurs. Wir haben sehr viele türkische Kunden, es gibt Direktflüge von Turkish Airlines. Das Verhältnis zwischen der somalischen und der türkischen Regierung ist gut, deshalb haben wir hier viele türkische Einrichtungen. Unter anderem ein großes Militärcamp. Die türkische Sprache ist wichtig geworden. Immer mehr Somalier wollen sie lernen, denn sie eröffnet viele Möglichkeiten."

Ein Portrait von Mustafa Kemal Atatürk, dem Begründer der modernen Türkei, hängt in einem somalischen Restaurant in Ankara (dpa / Altan Gocher / NurPhoto)Ein Portrait von Mustafa Kemal Atatürk, dem Begründer der modernen Türkei, hängt in einem somalischen Restaurant in Ankara (dpa / Altan Gocher / NurPhoto)

Für die Türkei ist Somalia der mit Abstand wichtigste Partner in Afrika. Das Land am strategisch günstigen Horn im Osten des Kontinents hat nach dem Zusammenbruch aller staatlichen Strukturen 1991 an praktisch allem Bedarf. Regierung und Armee sind erst im Wiederaufbau, die islamistische Shabaab-Miliz und ihre Terroranschläge eine tägliche Gefahr.

In der Hauptstadt Mogadischu hat der Besitzer des Reisebüros, in dem Ahmed arbeitet, nichts dagegen, dass sich seine beiden Angestellten während der Arbeitszeit die türkische Serie "Savaşçı" anschauen, auf Deutsch: Krieger. Mohamed Abdullah schätzt, dass zwei Drittel der Flüge, die er verkauft, in die Türkei gehen. Meist ist er neugierig, was seine somalischen Kunden dort vorhaben und fragt sie danach.

Enges Verhältnis Türkei-Somalia

"Die meisten Somalier studieren in der Türkei. Oder sie machen eine Weiterbildung. Einige reisen aus geschäftlichen Gründen. Und ein paar Touristen gibt es auch. In den vergangenen Jahren ist das Verhältnis zwischen der Türkei und Somalia immer enger geworden. Für mein Geschäft war das ausgesprochen gut."

Für das türkisch-somalische Verhältnis war das Jahr 2011 von besonderer Bedeutung. 

Sommer 2011: Frauen und Kinder drängeln sich um große Töpfe mit dampfendem Hirsebrei und einer roten Soße. Andere Flüchtlinge sind mit Plastiktüten oder Bechern gekommen, um etwas von der wertvollen Nahrung mitnehmen zu können. Zu dieser Zeit sind in Ostafrika zwölf Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. Die Bevölkerung in Somalia ist besonders betroffen. Dort werden die Folgen einer extremen Dürre durch jahrzehntelange Konflikte verstärkt. Im August 2011 sind bereits Zehntausende gestorben. Weil die Shabaab-Miliz, die der Terrororganisation al-Kaida nahesteht, Mogadischu und den Rest Somalias zu weiten Teilen beherrscht, wagen sich kaum Ausländer ins Land. Die westliche und internationale Nothilfe wird vom benachbarten Kenia aus organisiert.

Somalische Polizisten bei einer Anti-Terror-Schulung durch türkische Soldaten in Izmir  (dpa / Evren Atalay / Anadolu Agency)Somalische Polizisten bei einer Anti-Terror-Schulung durch türkische Soldaten in Izmir (dpa / Evren Atalay / Anadolu Agency)

Anders der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan: Er fliegt direkt nach Somalia und landet am 19. August 2011 zusammen mit seiner Frau und fünf Ministern in der umkämpften Hauptstadt Mogadischu. Ein Somalier filmte den offiziellen Empfang am Flughafen und lud das Video anschließend auf Youtube hoch.

Wenige Tage zuvor hatten die Türkei und einige andere islamische Staaten 240 Millionen Euro an Soforthilfe angekündigt. Die Türkei wolle ihre Glaubensbrüder und -schwestern nicht alleine lassen, betonte Erdoğan: in Somalia und der Türkei leben fast ausschließlich Muslime. Die somalische Bevölkerung ist der Türkei bis heute für die Überlebenshilfe und die Geste der Verbundenheit zutiefst dankbar - Erdoğans Besuch mitsamt seiner Frau war damals durchaus mutig zu nennen. Und das sei nur der Anfang gewesen, meint der somalische Politikwissenschaftler Hassan Sheikh Ali. "Nachdem die Hungerkrise vorbei war, begann die Türkei damit, die kriegszerstörte Infrastruktur wiederaufzubauen. Darunter den Flughafen und den Hafen, außerdem die wichtigsten Straßen. Sie unterstützen auch viele nationale Institutionen. Und das ist gut für die somalische Bevölkerung."

Ausbildung somalischer Soldaten

2016 eröffnete die Türkei ihre weltweit größte Botschaft in Mogadischu - und zwar in der Nähe der Altstadt, während sich westliche Diplomaten und die Vereinten Nationen bis heute in einer Hochsicherheitszone neben dem Flughafen verschanzen, um im Krisenfall möglichst schnell evakuieren zu können.

"Außerdem trainiert die Türkei eine große Zahl von Soldaten der somalischen Armee. Entweder in der Türkei oder hier in Somalia - in ihrem neuen Militärcamp."

Die Türkei schickt medizinische Hilfsgüter nach Somalia (dpa / Metin Aktas / Anadolu Agency)Die Türkei organisiert ihre Hilfen direkt in Somalia und nicht aus den Nachbarstaaten, so wie das Europa macht (dpa / Metin Aktas / Anadolu Agency)

Das so genannte "Camp Turksom" wurde im September 2017 eröffnet, es ist die größte türkische Militärbasis außerhalb der Türkei. Der Bau der Basis hat nach Schätzungen 50 Millionen US-Dollar gekostet, die Anlage ist etwa vier Quadratkilometer groß. Das Ziel: ein Drittel der somalischen Streitkräfte hier zu schulen, bis zu 16.000 Soldaten. In der Türkei wird außerdem eine Eliteeinheit trainiert.

"Was die Türkei in Somalia leistet, können die Somalier sehen, beispielsweise die Infrastruktur. Dabei haben uns die Europäer als erste unterstützt, aber die Bevölkerung sieht nichts davon."

Türkei investiert schlau

Beispiel Sicherheit: Somalische Soldaten exerzieren unter den Augen der Europäer. Die Europäische Union hat ihre militärische Ausbildungs- und Trainingsmission EUTM Somalia schon 2010 begonnen, sie dauert bis heute an. Außerdem finanziert die EU die afrikanische Stabilisierungsmission in Somalia namens AMISOM.

Hussein Sheikh Ali leitet den Think Tank Hiraal Institute in Mogadischu. "Ich denke, die Türkei ist das Land, das sich am aggressivsten in Somalia engagiert. Und deshalb hat sie hier einen guten Ruf. Die Türkei macht das sehr geschickt. Dabei wissen ich und alle anderen, die informiert sind, dass die Türken nur einen Bruchteil des Geldes zahlen, das beispielsweise Europa für die Unterstützung Somalias zahlt. Aber sie machen das schlau und ein bisschen aggressiv."

Humanitäre Projekte sehr geschätzt

Somalia ist zwar der wichtigste afrikanische Partner der Türkei, aber es gibt viele andere: Äthiopien und Kenia in direkter Nachbarschaft, Senegal im äußersten Westen, Südafrika, Ghana und die Demokratische Republik Kongo, um nur einige zu nennen.

Welche Ziele genau die Türkei in Somalia verfolgt, ist trotz wochenlanger Nachfrage an verschiedenen Stellen von keinem Vertreter des türkischen Staates oder türkischer Institutionen in Mogadischu zu erfahren. Nicht einmal die Organisation der türkischen Entwicklungszusammenarbeit TIKA ist zu einem Interview bereit - dabei werden die humanitären Projekte von der somalischen Bevölkerung hochgeschätzt. Die Strategie, von der sich die Türkei in Somalia und im Rest des Kontinents leiten lässt, erschließt sich aus Reden von Präsident Erdoğan und aus Veröffentlichungen der türkischen Regierung.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der somalische Justizminister Abdulkadir Mohamed Nur  (dpa / Murat Kula / Anadolu Agency)Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (rechts) und der somalische Justizminister Abdulkadir Mohamed Nur (dpa / Murat Kula / Anadolu Agency)

Mit diesem Teaser wirbt die türkische Regierung im Oktober 2020 für das Türkisch-Afrikanische Wirtschaftsforum. Wegen der Corona-Pandemie findet es online statt. Auf dem Forum wird deutlich: Ankara will seine Wirtschaft diversifizieren, will weg von der Konzentration auf den Nahen Osten und Europa, will neue Partnerschaften in Afrika erschließen. Und das auf allen Ebenen: der humanitären Hilfe, der Wirtschaft, der militärischen Kooperation.

Im Teaser für das Türkisch-Afrikanische Wirtschaftsforum erklärt die damalige türkische Handelsministerin Ruhsar Pekcan: "Die Türkei hat sich immer für die Rechte der am wenigsten und wenig entwickelten Länder eingesetzt. Gleichzeitig hat die Türkei ihre eigenen wirtschaftlichen Rechte und Interessen gewahrt. Unser Verhältnis mit Afrika ist eher durch wirtschaftliche Zusammenarbeit gekennzeichnet als durch Wettbewerb. Ziel der Türkei im Verhältnis zu Afrika ist eine "Win-Win-Situation."

Machtpolitische Interessen in Afrika

Diese Terminologie ähnelt dem Wortgebrauch Chinas, wenn das asiatische Land sein Verhältnis zu Afrika beschreibt. Beide, die Türkei und China, stellen sich den Afrikanern als eine brüderliche Alternative zu den europäischen Mächten dar, die Afrika einst kolonialisiert hatten. Tatsächlich ist aber auch die Geschichte der Türkei von Machtpolitik und Eroberung geprägt. Dass sie mit ihrem Engagement in Afrika ebenfalls nicht zuletzt machtpolitische Interessen verfolgt, erwähnt die Regierung aus naheliegenden Überlegungen nicht. Ebenso wenig, dass auch sie die afrikanischen Länder nicht immer auf Augenhöhe sah. Das jedenfalls meint Federico Donelli, der Geschichte und Politik des Nahen Ostens an der Universität Genua lehrt.

"Die Wahrnehmung Afrikas, vor allem der Staaten südlich der Sahara, hat sich allmählich geändert. Anfangs galt Subsahara-Afrika als eine rückständige Region, ohne internationale Beziehungen und ohne Möglichkeiten." Mittlerweile sieht die Türkei Afrika als "Chancenkontinent". Das schlägt sich in den Wirtschafts- und Handelszahlen nieder, die Präsident Erdoğan im Teaser für das Wirtschaftsforum im Oktober 2020 detailliert vorträgt - trockene Materie auf Werbe-Musik.

Handel mit Afrika wächst deutlich

Das Wichtigste in Kürze: Im Jahr 2002 betrug das Handelsvolumen der Türkei mit Afrika rund 5,5 Milliarden Dollar. Bis 2019, dem Jahr vor der Corona-Pandemie, hat es sich verfünffacht. Aus Erdoğans Sicht ist diese rasante Entwicklung erst der Anfang. Sein Ziel: Eine Verdopplung des Handelsvolumens bis 2025 auf rund 50 Milliarden Dollar.

Die Handelsoffensive begleitet die Türkei mit einem Ausbau ihres diplomatischen Netzes: Die Zahl ihrer Botschaften hat sich in den vergangenen Jahren auf 44 mehr als verdreifacht.

Die Türkei schickt medizinische Hilfsgüter nach Somalia (dpa /  Halil Sagirkaya / Anadolu Agency)Die Türkei schickt medizinische Hilfsgüter nach Somalia (dpa / Halil Sagirkaya / Anadolu Agency)

Das Horn von Afrika ist militärisch und wirtschaftlich auch für andere Mächte eine äußerst interessante Region. Gemeint ist der östlichste Teil des Kontinents, der keilförmig in den Indischen Ozean ragt und an seiner Nordseite den Golf von Aden einschließt. Der wiederum liegt zwischen Afrika und der arabischen Halbinsel, geht erst in das Rote Meer und dann in den Suezkanal über. Durch den trichterförmigen Meeresgolf läuft fast der gesamte Warenaustausch zwischen Europa, der Arabischen Halbinsel und Asien. Die EU-Sonderbeauftragte Annette Weber: "Das ist natürlich insgesamt ganz spannend, dass wir schon sehen, dass das Rote Meer zunehmend wieder zu so einem geopolitischen Schauplatz wird, wo sich alle Pfründe sichern wollen, Zugangswege sichern wollen." 

Militärische Interessen am Golf von Aden

Das gilt besonders für den Zwergstaat Dschibuti, er liegt zwischen Eritrea, Äthiopien und Somalia ebenfalls am Golf von Aden. Er hat gerade mal eine Million Einwohner. Doch wegen der strategisch günstigen Lage buhlen die Großmächte um das kleine Land: die USA, China, Frankreich und Japan haben hier Militärbasen. Im Rahmen der EU-Mission "Atalanta" zum Kampf gegen Piraterie ist auch die Bundeswehr in Dschibuti präsent. Wie im Brennglas zeigt sich hier, wie sich die politischen Außenbeziehungen afrikanischer Länder verändert haben.

Wolfgang Lacher von der Stiftung Wissenschaft und Politik: "Ich glaube, dass wir im Allgemeinen auf dem Kontinent eben eine zunehmende Bandbreite von Akteuren haben, die intervenieren in Konflikten. Es sind eben nicht mehr die klassischen, sagen wir mal westlichen Mächte, die überall eine dominante Rolle spielen, sondern es ist eben eine zunehmende Bandbreite von Akteuren, ob es jetzt Russland, die Türkei, die Emirate oder andere sind. Und ich glaube, das ist schon eine neue Dynamik, die wir auch am Horn, auch in Zentralafrika und auch in Libyen sehen."

Die Bedeutung Europas in Afrika nimmt ab

Die vielfache Konkurrenz setze jedoch Schranken, auch für die Türkei, meint der italienische Politikwissenschaftler Federico Donelli: "Ich denke, dass wir die Leistungsfähigkeit der Türkei nicht überschätzen sollten. Einige türkische Regierungsmitglieder versuchen natürlich in ihrer Rhetorik, die Türkei als einen ernsthaften Konkurrenten für den Einfluss Chinas oder Frankreichs auf dem afrikanischen Kontinent darzustellen, aber das halte ich für übertrieben."

Eines ist dennoch offensichtlich: Die Bedeutung Europas für Afrika hat in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. Die ehemaligen Kolonien haben sich faktisch immer mehr von Europa emanzipiert - auch, weil der alte Kontinent das Potenzial Afrikas unterschätzt. Die afrikanischen Länder suchen sich nun weltweit die Partner aus, die ihnen die attraktivsten Angebote machen. Das gilt schon seit langem für China, zunehmend auch für Russland und die Türkei. Dass aus diesen Beziehungen neue Abhängigkeiten entstehen können, steht auf dem nächsten Blatt.

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