Montag, 04. Juli 2022

Radka Denemarková: „Stunden aus Blei“
Die Unumerziehbaren

Eine tschechische Schriftstellerin gerät in Peking mitten in das korrumpierende Beziehungsgeflecht einer Überwachungsdiktatur. Und ermutigt eine junge Studentin zu kritischem Nachfragen und Widerstehen.

Von Marko Martin | 30.01.2022

Radka Denemarková: "Stunden aus Blei"
Radka Denemarková: "Stunden aus Blei" (Portrait: Stadt Graz, Foto Fischer / Cover: Hoffmann und Campe)
Die Protagonistin in Radka Denemarkovás Roman „Stunden aus Blei“ ist eine Prager Schriftstellerin, die einen Reisebericht über China veröffentlicht hat und daraufhin das Land nochmals mehrfach bereist. Rasch macht sie Bekanntschaft mit der dortigen Zensur, entdeckt aber auch, dass sie selbst - in bester Absicht, aus Naivität, vielleicht aus Ignoranz - zuvor mitten hinein getappt war in die Falle kulturalistischer Klischees.
„Der Reisebericht erscheint gestutzt, kastriert. Die Schriftstellerin beschleicht das unheilvolle Gefühl, sie habe ihn mit zusammengebundenen Händen geschrieben. Mit Bleigewicht ums Handgelenk. Sie hat über Landschaften und Berge geschrieben, über die tausendjährige Kultur, die Sommerpaläste und Lyrik des alten China. (…) Sie hat über buddhistische Tempel geschrieben; das Ziel sei Nirwana, Verwehen von jedem Wunsch und jeder Neuschöpfungslust, selige Nichtswerdung, jede Gewalt wühle den Weltenspiegel auf und verunreinige das Karma.“
Die Sprache gleicht einem Ritual
Die etwa 50-jährige Frau bleibt namenlos, ebenso wie ihr chinesischer Seelenfreund, ein vom Regime eingeschüchterter kunstsinniger Homosexueller, oder ihre chinesische Schülerin, die sie in moderner westlicher Literatur und Philosophie unterrichtet. Die junge Chinesin indessen betrachtet sie, die Ausländerin, zu Beginn mit beträchtlichem Misstrauen und erzählt davon auch ihrer Mutter. Diese, ein Mitglied der Kommunistischen Partei, ist als Ortskraft in der tschechischen Botschaft angestellt, wo jeder weiß, dass sie Berichte für die Pekinger Staatssicherheit verfasst.
Radka Denemarková hat an ihrem über 800-seitigen Buch ein halbes Jahrzehnt gearbeitet; 2017 wurde sie aufgrund ihrer Regimekritik und der Freundschaft zu Dissidenten mit einem lebenslangen Einreiseverbot für China bestraft. Und doch ist ihr romanesker Bericht alles andere als ein eindimensionales Abrechnungsbuch. Der permanente Wechsel zwischen Dialogen, beschreibenden und essayistischen Passagen ist keine Willkür und das Namenlose ihrer Figuren eine bewusste Entscheidung, um Charakterzüge umso deutlicher heraus zu modellieren. In einer Nachbemerkung schreibt die Autorin:
„Die Sprache gleicht einem Ritual und einer Beschwörung, besondere Betonung liegt auf der Komposition. Geplant war eine eigentümliche Reisebeschreibung der Seele Europas und Teilasiens in meiner Zeit. Und ich stelle mir die Frage, wobei bin ich hier die Zeugin, um welche Form von Manipulation und Diktatur geht es diesmal. Welcher neue Teufel bringt nun den Menschen in Versuchung. Wie nähert man sich dem faustischen, vieldeutigen und archetypischen Thema in neuer Kleidung, wie beschreibt man ein Wesen namens Gesellschaft, damit der Roman sowohl konkret reale als auch verwischt abstrakte Züge bekommt, damit er ähnlich wie die chinesische Schrift an Symbolcharakter gewinnt?“
Sie heuerten Personal Coaches an
Die Roman-Protagonistin ist eine „89-erin“, zutiefst geprägt von der friedlichen Revolution in Prag und den Ideen des Dissidentenkreises um Václav Havel und der Bürgerrechtsgruppe „Charta 77“. Nicht erst in Peking muss sie erkennen, dass ihr Ideal angstfreier Rede und einer freien Gesellschaft inzwischen nicht einmal mehr von gleichaltrigen Landsleuten geteilt wird. Längst geben in der Tschechischen Republik auch außerhalb der Präsidentenburg diverse Nachwende-Opportunisten in Politik und Wirtschaft den Ton an, voller Zynismus und Spott und mit einem quasi siebten Sinn für das Karrierefördernde von Lüge und Heuchelei.
„Sie heuerten Personal Coaches an und besprachen mit ihnen neue Firmenstrategien. Dann wurde die Bezeichnung Firmenstrategie durch den geistlosen Begriff Firmenphilosophie ersetzt. Ihre Aufmerksamkeit wandte sich allmählich Ländern wie Russland, Kasachstan oder Georgien zu. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war die Mehrheit von ihnen schon erstarrt und abgestumpft, im Beruf wie in der Ehe. (...) Und dann kam die Rettung. Sie entdeckten China und China entdeckte sie.“
Good old Europe
Einer von ihnen, genannt „der Programmierer“, wird dort zwar mit Eheproblemen zu kämpfen haben, mit Midlife-Crisis und der Präsenz einer nun bereits schon nachfolgenden jüngeren Generation alerter Anpasser. Aber: Seine IT-Kenntnisse sind in der totalitären Volksrepublik nicht zuletzt im digitalen Überwachungsbereich äußerst gefragt, und der Programmierer wird liefern. Hatte, was er dann in Peking der Schriftstellerin irgendwann in weinseliger Stimmung anvertraut, nicht auch sein eigener Vater zu realsozialistischen Zeiten effizient für die tschechoslowakische Staatssicherheit gearbeitet und für diese sogar eine Menschenwaage konstruiert, um das Gewicht hungerstreikender Oppositioneller exakt bestimmen zu können?
 Radka Denemarková gibt ihren Figuren Zeit und Raum, so dass all diese Verhaltensmuster und Verformungen psychologisch plausibel Kontur annehmen. Schließlich betritt sie mit dieser Thematik nicht nur in der tschechischen Gegenwartsliteratur Neuland, denn gibt es einen deutschen Roman zum Beispiel, der Vergleichbares wagen würde? Und das geschäftliche Treiben ostdeutscher Stasi-Sprößlinge in Putins Russland oder in Präsident Xi´s China beschriebe? Denemarková geht sogar noch weiter. Ihre verblüffende Detailkenntnis etwa aus dem Innenleben der Tschechischen Botschaft in Peking schrumpft keineswegs zur Schlüsselloch-Perspektive, sondern weitet sich pars pro toto zu einer Beschreibung von Machtstrukturen, in denen „good old Europe“ einen bedenkenlosen Kotau macht.
„Der Diplomat kratzt sich am Kopf. Auf Anweisung des Präsidenten, des Außenministers und des Botschafters seines Landes hat er alle unumerziehbaren Tschechen und unumerziehbaren Chinesen vom Körper der tschechischen Botschaft und von Mitgliedskörpern der offiziellen Delegationen fernzuhalten. In China verlaufen Gespräche freundschaftlich, in geselliger Druschba-Atmosphäre, und Dissidenten stehen doch außerhalb der Realität.“
Immer wieder: Václav Havel
Doch wer sind jene „Unumerziehbaren“? Mutige Einzelne, die sich nicht daran gewöhnen wollen, das als Wirklichkeit hinzunehmen, was ihnen die Heerschar der sogenannten „Realisten“ und „Patrioten“ zu dekretieren versucht, mehr oder minder gewaltsam. Da ist etwa der einstige Anwalt, der auch nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe ein massives Metallarmband tragen muss; die Schriftstellerin hält das rot blinkende Überwachungsgerät anfangs irrtümlich für eine besonders avancierte Armbanduhr. Die naheliegende, womöglich allzu naheliegende und konventionelle Assoziation mit Kafkas Welt aber versagt sich die Protagonistin; ihre gedankliche Referenz sind eher die bleiernen Jahre in ihrer Heimat nach der Niederschlagung des Prager Frühlings.
Und immer wieder: Václav Havel, der aufbegehrende und dabei denkbar unprätentiöse Opponent in jener Zeit der sogenannten „Normalisierung“. Inspirierten doch Havels Essays und philosophische Gefängnisbriefe dann späterhin in China auch den inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Im Unterschied zum tschechischen Dissidenten aber wird er das Gefängnis nicht überleben, und beim Anblick seiner Frau Liu Xia, der mit Hausarrest-Isolation abgestraften Künstlerin, fragt sich die Prager Schriftstellerin, wie hoch der Preis sein mag für solches Widerstehen.
„Der Schatten der Frau hinter dem Fenster weiß, dass die halsbrecherischen tschechischen Satzreihen ihr den Ehemann genommen haben, dem sie nicht über eine luftige Brücke einen Teller mit Nudeln und eine Schüssel heiße Brühe bringen kann. (...) Nach Jahren im Hausarrest sind Zeit und Raum eins geworden. Jeden Abend trägt sie eine Lampe im Haus herum. Sie stellt sie ans Fenster. Eine Katze mit rotem Fell läuft über die Straße. Ihre schrägen Augen glänzen gelb und werden immer größer. Spiegeln sich in der Fensterscheibe. Aus einem Auto steigen Männer in grauen Anzügen; sie werfen mit Walnüssen nach der Katze, jagen sie fort. Die Frau mit dem Kopftuch ist nicht in den Hungerstreik getreten. Sie hat nur vergessen zu essen.“
Zu spät geboren
Und dann, inmitten dieser beklemmenden Atmosphäre, die von ihren Schöpfern als das „neue starke China“ oder gar als eine „Zukunftsvision für die ganze Welt“ ausgegeben wird: Jene junge Chinesin, deren Mutter in der tschechischen Botschaft für den chinesischen Geheimdienst spitzelt. Nicht allein aus Zwang, auch aus einer verqueren Dankbarkeit heraus. Da sie, die Mutter, doch zweifach Glück gehabt hatte: Zu spät geboren, um noch zu einer der von Mao millionenfach zu Gebärmaschinen herabgewürdigten Frauen geworden zu sein und gleichzeitig gehorsam genug, dem später folgenden Parteibefehl der „Ein-Kind-Politik“ wenigstens formell Genüge getan zu haben.
Zwar war ihrer Erstgeborenen noch ein zweites Mädchen gefolgt, doch konnte dieses geräuschlos zu Bauern aufs Land verkauft werden. Nun also soll ihr einzig verbliebenes Kind auch richtig Karriere machen können, wobei Kontakte zu gewissen westlichen Ausländern vermutlich nicht schaden können - solange sie kontrolliert bleiben. Aber was unterrichtet denn da diese seltsame, aus Prag kommende Schriftstellerin?
„Die chinesische Mutter findet es äußerst seltsam, dass sich die Schriftstellerin zu keiner Ideologie bekennt. Die chinesische Mutter ist nämlich der Meinung, wenn man sich zu der einen Ideologie nicht bekennt, bekennt man sich zu einer anderen. Sie kann sich nicht vorstellen, wie man ohne Ideologie leben soll. Der Schriftstellerin aber ist es egal. Sie möchte einzig und allein die ihr zur Verfügung stehende Zeit in Würde gelebt haben. Die junge Chinesin indessen lobt China und gibt stolze Sätze von sich.“
Auftrumpfend westliche Arroganz
Mitnichten ist es die Absicht der Schriftstellerin, ihre junge Schülerin von oben herab zu behandeln und ihr vermeintlich „westliches Gedankengut“ aufzuoktroyieren. Schon deshalb nicht, weil sie weiß, dass in konkreten Existenzfragen die Großbegriffe „Ost“ und „West“ schnell zu Nebelkerzen werden, und es vor 1989 auch nicht wenige selbstgewisse „Westler“ waren, die durch den Eisernen Vorgang hinweg einem „Ostler“ wie Václav Havel den vermeintlich freundlichen Ratschlag gegeben hatten, es mit der Opposition und dem Widersprechen doch bitte nicht zu übertreiben.
Denn wenn es wirklich eine westliche Arroganz gab und gibt, auch daran erinnert dieses passagenweise fast rhapsodische, weit in die Geschichte des 20. Jahrhunderts hinabführende Buch, dann buchstabiert sich diese auf folgende Weise, als auftrumpfende Ignoranz:
„Herr Sartre berichtete noch in den Fünfzigerjahren von kommunistischen Kühen, die mehr Milch gaben als die französischen und beschrieb eine Stadt, die ein normales Leben führte. Man ließ sich auch von der Romantik um Fidel Castro und Che Guevara blenden. (...) Und keiner der Unumerziehbaren konnte sich Hilfe von den westeuropäischen Linken erhoffen. Es ist immer dasselbe. Man besuchte die sozialistischen Länder; in der Tschechoslowakei saß Havel im Knast, doch in den Siebzigern bekam man dort Bier fast umsonst; in den Achtzigern ging man in die Kellertheater und sagte, wie schön ist es hier, die Stadt führt ein normales Leben, welch Überfluss an Billigbier, welch Überfluss an Kellerspaß. Und heute fährt man halt nach Peking. Von der Oberfläche lässt sich viel ablesen, aber nicht genug. Das 20. Jahrhundert ist eine hervorragende Lektion oktroyierter Propaganda und des Betrugs, das 21. Jahrhundert musste nur das technische Know-how aufpeppen; Menschenmengen lassen sich zuverlässig durch Technik beherrschen.“
Befreiung vom Kalksteinquader
Doch so viele Menschen auch in diesem Buch auf- und abtauchen; es sind keine „Mengen“ oder Massen, sondern stets Individuen mit eigenen Schicksalen. Als ein solches begreift sich dann irgendwann auch die junge Studentin, nachdem sie, wenn auch zuerst mit Abwehr, dann mit Zögern, schließlich doch in die chinesischen Übersetzungen von Václav Havels Büchern hineingeschaut hatte. Die tschechische Schriftstellerin hatte sich die Exemplare zuvor in einer Hongkonger Buchhandlung besorgt, ehe deren Besitzer vom Geheimdienst verhaftet und in die Volksrepublik verschleppt worden war.
Was wie übertriebene Kolportage klingen mag, hat indessen reale Hintergründe: der Fall von insgesamt fünf gekidnappten Hongkonger Buchhändlern war 2015 durch die internationale Presse gegangen. Dass die Buchhandlung inzwischen längst nicht mehr existiert und Hongkong jegliche Freiheit verloren hat, bezeugt dabei noch einmal mehr die Aktualität von Havels Denken und dessen Konsequenzen: Was ein einzelner Mensch tut oder unterlässt, hat Bedeutung; und vermutlich sogar Einfluss auf die gesamte Gesellschaft.
„Die Schriftstellerin bemerkt anfangs nicht, wie der Körper der jungen Chinesin auf einmal anders atmet; eine Luke hat sich geöffnet, ein anderes Universum scheint auf. Die junge Frau hätte nicht gedacht, dass ein neues Universum von bloßen Worten erschlossen werden werden kann. Zum ersten Mal begreift sie sich als Individuum. Etwas tut sich in ihrem Geist, etwas setzt sich in Bewegung, sie weiß nicht, was. Sie löst sich von der Masse, vom Kalksteinquader. Sie braucht nicht mehr auf einen autoritären Bildhauer zu warten, damit er sie aus dem Stein befreit.“
Eine mitteleuropäische Müdigkeit
Und sie beginnt Fragen zu stellen: über die verschwiegene Vergangenheit des Landes, über die Millionen Opfer von Maos „Großem Sprung“ und der Kulturrevolution, über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Diametral entgegengesetzt verläuft die Entwicklung eines weiteren tschechischen Expats, der den Namen „Murmel“ trägt. Auch er hat Kontakt zur Prager Schriftstellerin, doch muss man zumindest ihm nichts über verdrängte Vergangenheit und verbotene Bücher erzählen: Als Kind zweier Holocaust-Überlebender ist er aufgewachsen mit den überlieferten Erfahrungen von Nazismus, Flucht und einem paranoid-gewalttätigen Stalinismus, für den Juden stets unsichere Kantonisten waren. Auch hatten ihm seine Eltern von 1968 erzählt; in den darauf folgenden zwei Jahrzehnten der Lüge war er groß geworden. Und entscheidet sich schließlich, der Kommunismus ist inzwischen längst Vergangenheit, als weiterhin Sinn suchender Erwachsener für ein spätes Studium der Sinologie.
Nicht konfliktbeladene Verknüpfungen und deren intellektuelle Durchdringung sollen es jetzt sein, sondern Lehren von Harmonie, Ganzheit und einem vermeintlich „völlig anderen, fernöstlichen Denken“. Ohne wohlfeilen Spott beschreibt dieser Roman auch dies: Eine mitteleuropäische Müdigkeit angesichts von zu viel Geschichte, die nun freilich ihren Jungbrunnen ausgerechnet in der totalitären Volksrepublik China sucht, auf kulturalistische Folklore und tendenziöse Konfuzius-Zitate hereinfällt und die dortigen, geradezu Orwellschen Gedächtnislöcher nicht wahrzunehmen bereit ist.
Die existentielle Dringlichkeit
Ganz anders der Blick und das Schreiben der Schriftstellerin, die damit quasi zu einer Ästhetik des Widerstands findet:
„Über den Platz des Himmlischen Friedens haben sich alle Plätze der Welt ergossen, auch die der Tschechoslowakei vom August 1968. Pausenlos fahren die Panzer, in Peking kommen sie im Juni 1989 an. Tschechische Studenten stellten sich gegen die Panzer. Erklärten Unerklärbares auf Russisch. Chinesische Studenten stellten sich gegen die Panzer. Wiederholten Sätze, die in einem fernen Land der Dramatiker Havel geschrieben hatte und die sie sich angeeignet haben. Einfache Sätze über die Macht der Machtlosen.“ 
Die existentielle Dringlichkeit dieser suggestiven Prosa versöhnt mit manch rhetorischen Schlacken, die Übersetzung von Eva Profousová ist voller Sprachrhythmus und beweist selbst in langen Sätzen Eleganz. Umso mehr Radka Denemarková sich bis zur letzten Zeile bequemen Dichotomien verweigert. Als die Protagonistin aus China zurückkehrt, zelebriert sie dann in Prag mitnichten ein großes Aufatmen, sondern beschreibt ihr Entsetzen angesichts des lärmenden Rechtspopulismus und gewaltbereiter Xenophobie, die sich längst auf dem gesamten europäischen Kontinent ausbreiten.
„Die Schriftstellerin muss nicht nach China, um Totalität zu studieren. Sie braucht nur zu beobachten, was während ihrer Abwesenheit geschah. (...) Bei uns liegen Worte wie Freundlichkeit, Vertrauen, Opferbereitschaft im Tiefschlaf. Wir prahlen mit Schwejk und menschelndem Humor, aber unser Lachen klingt böse und zynisch. Was immer auf der Welt geschieht, es passiert mir. Mir tut es weh.“
Allgemeine Menschwerdung
Während all dies geschieht, beginnt in Peking die junge Chinesin Briefe zu schreiben, adressiert an die offiziellen Stellen ihres Landes. Langsam tastet sie sich aus einer formatierten Sprache heraus, stellt Fragen und wagt Kritik. Sogar ein Manifest mit dem Titel „Allgemeine Menschwerdung“ verfasst sie. Im Unterschied zu Václav Havel ist sie jedoch keine Prominente, so dass schließlich ihre Verhaftung ebenso wie ihr Tod in einem Arbeitslager fast ohne Echo bleiben. Denunziert von der eigenen Mutter ist sie zu dem geworden, was bereits vor über sechzig Jahren der Schriftsteller und Dissident Manés Sperber als Schicksal der „Unumerziehbaren“ beschrieben hatte: Eine Träne im Ozean.
Die Schriftstellerin jedoch, ein letztes Mal zurückgekehrt nach Peking, will sich mit diesem anonymen Verschwinden nicht abfinden. Gepeinigt von der Ahnung, dass sie womöglich zumindest indirekt Mitschuld trägt an der Ermordung der Studentin, vermag sie immerhin eines: Das grässliche Schweigen und die Entsolidarisierung beschreiben und die reale Geschichte dieser jungen Frau zu einer Literatur machen, die sich nicht im Fiktionalen einigelt und unbehaglich bleibt, uns allen als Warnung und Menetekel:
„Die letzten Worte der jungen Chinesin stammen von Havel. Gleichgültigkeit den anderen gegenüber und Gleichgültigkeit dem Schicksal gegenüber öffnen dem Bösen die Tür. (…) Die junge Chinesin hofft, mit einem Brief auch auf andere Gefangene aufmerksam zu machen. Zu Havels Zeiten gerieten die Namen der Gefangenen doch sofort in alle Tageszeitungen und Rundfunk- und Fernsehsendungen der ganzen Welt. Aber damals konnte man noch auf das Phänomen der Scham setzen. Heute nicht mehr. Auch in China wächst die Solidarität. Die mit den Reichen und Mächtigen.“  
Radka Denemarková: „Stunden aus Blei.“
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
880 Seiten, 32 Euro.