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StartseiteKalenderblattDie Wahrheit über Rom22.06.2005

Die Wahrheit über Rom

Vor 200 Jahren wurde der Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini geboren

Die Geschichte Italiens im 19. Jahrhundert ist eine Geschichte von Fremdherrschaft und Unterdrückung - und eine Geschichte des erbitterten Kampfes dagegen. Eine Hauptrolle in diesem Kampf um Unabhängigkeit und nationale Einheit spielte der am 22. Juni 1805 in Genua geborene Giuseppe Mazzini. Sein Traum war die Einheit Italiens im Zeichen der Republik. Verwirklichen konnte er ihn nicht, aber den Weg hat er bereitet.

Von Ruth Jung

Rom (AP)
Rom (AP)

Seine äußere Erscheinung rechtfertigte die Furcht nicht, die er seinen Feinden einflößte. Giuseppe Mazzini hatte nichts von jenem kühnen, stolzen Typus des Condottiere (...) er hatte etwas Bescheidenes, fast Gedrücktes, sein Kopf mit den edlen geistvollen Zügen und der gedankenvollen Stirn war der eines Philosophen (...). Nur aus den wunderbar schönen, dunklen Augen blitzte es zuweilen gewaltig auf und verriet die Flamme der Tat, die in seiner Seele brannte.

Die Frauenrechtlerin Malwida von Meysenbug erinnert in ihren Memoiren an den Mann, dessen "Name die Tyrannen zittern machte". Seit 1851 lebte er wieder im Londoner Exil. Wie sein Mitstreiter Giuseppe Garibaldi kämpfte der am 22. Juni 1805 in Genua geborene Giuseppe Mazzini leidenschaftlich für die nationale Einheit Italiens. Dafür riskierte er sogar sein Leben. Zwei Mal wurde Mazzini wegen "revolutionärer Umtriebe" in Abwesenheit zum Tode verurteilt, viele Jahre war er auf der Flucht.

" Genua war das Zentrum der politischen Ideen Mazzinis. Das heißt, Zentrum jenes Risorgimento, das sich nicht mit einem König, weder mit Carlo Alberto, noch mit Vittorio Emanuele und dem Hause Savoyen identifizierte. Man kämpfte für die nationale Einheit Italiens, die erst dann erreicht sein würde, wenn sie mit der Gründung einer Republik einherginge - was bis 1946 dauern sollte. "

Leo Morabito ist Leiter des Mazzini-Museums in Genua. "Unabhängig, frei und republikanisch", lautete die Losung des 1831 von Mazzini gegründeten Geheimbunds Junges Italien. Der junge Mann aus einer angesehenen Genueser Bürgerfamilie hatte Jura studiert; schon als Student engagierte er sich auf Seiten der Freiheitskämpfer, die das zersplitterte und unter der Fremdherrschaft leidende Land befreien wollten.

" Während Persönlichkeiten wie der liberale Politiker Cavour und der piemontesische König Vittorio Emanuele die Einheit Italiens erst um 1850 in ihre Pläne einbezogen, war Mazzini längst Vordenker eines geeinten republikanischen Italiens. Darüber hinaus war er ein Visionär, der von einem vereinten republikanischen Europa träumte. Schon 1834 hat Mazzini die Bewegung Junges Europa gegründet, eine Keimzelle unseres heutigen Europas. "

"Das war ein äußerst bedeutender Moment in den Erhebungen der Geschichte der revolutionären Bewegungen des 19. Jahrhunderts, weil hier zum ersten Mal versucht wurde, eine schlagkräftige demokratische Organisation zu schaffen, die europäisch ausgerichtet war",

schreibt der Historiker Franco della Peruta. Dass dann ausgerechnet französische Republikaner im Mai 1849 die römische Republik stürzten, war ein Schock. In Rom war im Februar die Republik ausgerufen und der Papst aller weltlichen Ämter enthoben worden. Mazzini und Garibaldi wurden bei den ersten allgemeinen freien Wahlen Anfang 1849 als führende Köpfe in die Assemblea romana gewählt. Inzwischen hatte der aus Rom geflohene Papst das republikanische Frankreich um militärische Intervention ersucht.

" Ich hielt es nicht für möglich, dass französische Republikaner die römische Republik stürzen wollen könnten, und so hielt ich Garibaldi von energischerer Verfolgung der Franzosen zurück",

bekannte Mazzini verbittert. "Die Wahrheit über Rom" überschrieb er seinen offenen Brief an Minister Alexis de Tocqueville, worin er die Niederschlagung der Römischen Republik und die Wiederherstellung der Macht des Papstes durch französische Truppen als Verrat anprangert:

" Ihr habt eine heilige und gerechte Revolution verleumdet, die ohne jede Exzesse verlaufen war, vorangetrieben von einem redlichen, braven Volk, das sich wie seine Ahnen durch Ordnungssinn und Disziplin auszeichnet. Ihr habt, studierte Männer des Geistes, von Euren Rednertribünen hinab unentwegt die üblichen Gemeinplätze von Anarchie, ausländischen Verschwörern und Terror benutzt, die die Journalisten weitergaben, um in aller Ruhe Eure schändliche Rom-Expedition vorzubereiten. Mit eiskaltem Lächeln habt Ihr der Reaktion den Weg bereitet. "

Nur wenige Pariser Oppositionsjournale druckten Mazzinis Anklage. Im Londoner Exil trafen sie sich schließlich wieder: namhafte italienische und französische Republikaner. Wie Mazzini es vorhergesagt hatte, wehte nach dem Staatsstreich Louis Bonapartes 1851 auch in Frankreich der eisige Wind der Reaktion.

Nachdem Italien - wenn auch nur als Königreich - 1861 die nationale Einheit erreicht hatte, kehrte Giuseppe Mazzini nach Hause zurück, wo er zehn Jahre später starb. Seine Heimatstadt Genua errichtete dem Freiheitshelden auf dem berühmten Friedhof Staglieno eine monumentale Grabstätte.

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