Donnerstag, 09. Dezember 2021

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"Diese Menschen sind in der Politik nicht vorhanden"

Der Buchautor Claus Fussek hat die Ankündigung von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), erst nach der Bundestagswahl am 27. September die Weichen für einen Umbau der Pflegeversicherung zu stellen, als zynisch bezeichnet. Angesichts der Notstände im Pflegewesen dürfe keine Zeit verloren werden.

Claus Fussek im Gespräch mit Jasper Barenberg | 27.05.2009

Jasper Barenberg: Alte und hilfsbedürftige Menschen werden am Bett fixiert oder mit Medikamenten ruhiggestellt, man legt ihnen Magensonden, um sie nicht füttern zu müssen, sie bekommen zu wenig zu essen und zu trinken, liegen sich wund, weil die Pflege nicht ausreicht. Immer wieder sorgen Missstände in Pflegeheimen wie diese für Empörung, aber auch in den vielen guten und fürsorglichen Heimen hält man eine Reparatur des Pflegesystems für dringend nötig. Viele Bedürftige und ihre Angehörige warten auf grundsätzliche Verbesserungen.

Die verspricht jetzt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und vertröstet die Betroffenen zugleich auf die Zeit nach der nächsten Bundestagswahl. - Am Telefon ist jetzt Claus Fussek, Praktiker in der Pflege und Autor von kritischen Büchern über die Zustände in vielen deutschen Pflegeheimen. Guten Morgen, Herr Fussek.

Claus Fussek: Guten Morgen!

Barenberg: Herr Fussek, nicht weniger als einen Paradigmenwechsel verspricht die Ministerin mit ihren Plänen, mit ihren Vorschlägen. Zurecht?

Fussek: Ja, natürlich zurecht. Das Faszinierende ist nur im negativen Sinne, dass sie da offensichtlich glaubt, dass die alten Menschen noch so viel Zeit haben zu warten bis nach einer Bundestagswahl. Das ist schon eigentlich fast zynisches Denken, vor allem wenn ich den Beitrag zugrunde lege, den Sie gerade gesendet haben. Überall fehlt das Geld und das ist der alleinige Grund. Man weiß genau, dass eine grundlegende Reform teuerer sein wird, und deshalb verschiebt man sie.

Barenberg: Darüber sprechen wir gleich noch im Detail. Zunächst noch mal zurück zu den Plänen der Ministerin. Was sind denn die wichtigsten Änderungen, die sie vor hat?

Fussek: Na ja, es sind ja eigentlich keine Änderungen. Das was dort geplant ist, da war man sich seit Einführung der Pflegeversicherung klar, dass das gemacht werden muss, weil Minutenpflege war immer schon unmenschlich, ist unmenschlich, ist auch lebensfern. Man wird jetzt zwei neue Stufen einführen und man erhofft sich damit ein weg von der Minutenpflege. Ich kann es mir noch nicht vorstellen, aber allein die Tatsache, dass man das Problem erkannt hat, ist in der Pflege schon ein Fortschritt.

Barenberg: Außerdem soll ja sozusagen die Definition von Pflegebedürftigkeit grundlegend verändert werden - mit dem Ziel, zum Beispiel Demenzkranke und ähnliche Betroffene stärker einbeziehen zu können. Ist das ein guter Schritt in die richtige Richtung?

Fussek: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber wissen Sie, wir können so ein grundlegendes Problem aufgrund der bekannten demographischen Entwicklung nicht immer mit dem Satz "besser als gar nichts" und "Weg in die richtige Richtung" begleiten. Grundlegend hieße das Problem, tatsächlich das System auf den Kopf zu stellen. Da müsste man zum Beispiel die Kranken- und die Pflegekasse zusammenlegen, man müsste mal genau und ehrlich sagen, wo werden Milliarden im System verschwendet, man müsste zum Beispiel Prävention und Rehabilitation praktizieren, damit eben die Pflegebedürftigkeit erst später eintritt, aber an dieses heiße Eisen geht keine Politik ran.

Barenberg: Warum nicht?

Fussek: Ich will es mal salopp sagen. Pflegebedürftige Menschen haben keine Traktoren. Pflegebedürftige Menschen in den Betten, muss ich sagen, haben auch keine Lobby und ich denke, da fehlt der Aufschrei. Ich weiß nicht, ob Ulla Schmidt oder Frau Merkel - - Frau Merkel, glaube ich, war überhaupt noch nie in einem Pflegeheim, vielleicht mal zu einer Einweihung. Das sind keine Autos. Wir diskutieren draußen über Abwrackprämien, da werden Milliarden vergeben. In den Pflegeheimen, in vielen Pflegeheimen - Sie haben es gerade in der Anmoderation gesagt - fehlt die elementarste Grundpflege. Wir haben überall zu wenig Personal, das Personal ist überfordert, das wissen wir alles, und das was dort geplant ist, das erinnert mich daran, als wenn man versucht, mit einer Wasserpistole einen Waldbrand zu löschen.

Barenberg: Nun hat sich die Koalition ja schon in ihren Koalitionsvertrag vor vier Jahren geschrieben, dass sie die Pflegebedürftigkeit neu definieren, dass sie eine Reform angehen will. Wer hat da geschlafen?

Fussek: Alle haben geschlafen, weil man das Problem ja schöngeredet hat. Der medizinische Dienst hat ja vor ein paar Jahren die Probleme benannt und die Reaktionen reflexartig aus allen Parteien waren, es ist nicht so schlimm. Man hat sich mit Zahlen verstiegen. Zum Beispiel über 100.000 Leute sind mangelernährt - man muss sich das vorstellen in Deutschland -, und daraufhin hat die Ministerin gesagt, nur 10 Prozent, das sei nicht so schlimm, in den anderen Häusern sei alles in Ordnung. Das Problem wurde jahrelang schöngeredet und alle haben weggeschaut, nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft vor Ort. Das weiß ja jeder. Jeder, der in ein Pflegeheim geht, kann sich ja selber überzeugen. Ich denke, es ist ein gesellschaftliches Problem. Wir verdrängen dieses Thema massiv und man reagiert eigentlich erst, wenn man selber davon betroffen ist.

Barenberg: Und da hat auch die Reform vor einem Jahr aus Ihrer Sicht nicht weitergeholfen?

Fussek: Das war ja ein Reförmchen. Das, glaube ich, weiß inzwischen jeder. Das war ja an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Stellen Sie sich vor, Sie würden den Landwirten oder der Firma Opel irgendein paar Minuten anbieten. Man hat Menschen, die rund um die Uhr pflegen, umgerechnet fünf, sechs Minuten mehr Entlastung angeboten. Das ist ja zynisch.

Barenberg: Lassen Sie uns über Kosten reden. Die Vorschläge, die die Experten vorgelegt haben und die die Ministerin gutgeheißen hat, sie verursachen höhere Kosten. Werden wir uns also, sollte es zu dieser Reform kommen, auf steigende Versicherungsbeiträge einstellen müssen?

Fussek: Wenn man so in diesem System weitermacht, natürlich. Aber solange in diesem System niemand bereit ist, mal zu fragen, wie viele Milliarden werden an schlechter Pflege verdient, wie viele Milliarden werden verdient mit Magensonden, mit Menschen, die stürzen, weil nicht genügend Personal da ist. In unserem Buch "Im Netz der Pflegemafia" haben wir mal beschrieben, wie viele Milliarden im System verschwendet werden. Man könnte es verkürzt sagen: Verbessern wir die Pflege und wir sparen Geld. Aber es kann ja wohl nicht wahr sein, dass wir alte Menschen vorrechnen und sagen, ihr seid zu teuer. Die alten Menschen leben länger, die medizinische Entwicklung ist so, dass Menschen überleben, und dann muss sich eine Gesellschaft ja wohl eine würdevolle Pflege auch leisten. Also man kann doch allen Ernstes nicht die Grundversorgung von alten Menschen unter Finanzvorbehalt diskutieren. Da fällt mir nichts mehr ein, muss ich ehrlich sagen.

Barenberg: Aber Sie sagen schon auch, es gibt Reserven im System, es gibt Milliarden von Verschwendung, und es ist nicht immer so oder es muss nicht immer so sein, dass bessere und mehr Pflege automatisch dramatisch steigende Kosten bedeutet?

Fussek: Es ist so: Wir betonen ja, in der Pflegebranche wird ja immer betont, dass es sehr gut geführte Häuser gibt. Und das muss man halt einfach auch der Wahrheit halber sagen: Gut geführte Häuser sind um keinen Euro teuerer als die schlechten Häuser. Aber es ist ganz klar: gut geführt heißt, wenn die Leitung funktioniert, wenn das Personal zufrieden ist, wenn das Personal gut bezahlt wird, wenn es Fort- und Weiterbildung gibt. Dann kann man auch sehr viel Geld sparen, weil man eine niedrigere Krankheitsquote hat, weil man eine niedrigere Personalfluktuation hat. Es gäbe schon Ressourcen im System; man weiß das aber auch. Aber da müsste man dann wirklich dieses Thema ernst nehmen und ehrlich nehmen. Es ist ja kein Thema im Wahlkampf. Sind wir doch mal ehrlich. Keine Partei interessiert sich dafür. Ist bei Herrn Köhler beim Thema "60 Jahre Grundgesetz" das Thema Pflege gefallen? - Nein. Diese Menschen sind in der Politik nicht vorhanden.

Barenberg: Einschätzungen von Claus Fussek, dem Buchautor und Praktiker der Pflege. Vielen Dank für das Gespräch.

Fussek: Gern geschehen.