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"Diesel-Gate" bei VWDobrindt lässt auch andere Hersteller überprüfen

Die Affäre um manipulierte Abgas-Werte bei VW bringt die gesamte Branche unter Druck. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) lässt auch Dieselmotoren anderer deutscher und europäischer Autobauer überprüfen. Die weisen jeden Verdacht von sich.

Von Theo Geers | 24.09.2015

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Am Mittag wurde die Vermutung zur Gewissheit: VW hat auch in Europa die Software in Automotoren eingebaut, mit der sich die Abgaswerte auf Prüfständen so manipulieren lassen, dass sie besser ausfallen als im Straßenbetrieb. Und es war nicht etwa der VW-Konzern in Wolfsburg, sondern ein hörbar um Formulierung wie Fassung ringender Verkehrsminister Alexander Dobrindt in Berlin, der diesen Verdacht bestätigte: " Es wurde uns da mitgeteilt, dass auch in Europa Fahrzeuge der 1,6- und der 2-Liter-Dieselmotoren betroffen sind von den in Rede stehenden Manipulationen."
Elf Millionen Fahrzeuge sind von den Manipulationen weltweit betroffen. Noch gestern hatte VW versichert, die fragliche Software sei in Europa inaktiv. In wie vielen deutschen oder europäischen Autos sie nun doch aktiv ist – diese Frage konnte auch der Verkehrsminister nicht beantworten, noch nicht: "Wir haben noch keine Zahlen darüber, wie viele jetzt von diesen elf Millionen Autos, die offensichtlich betroffen sind, in Europa stehen. Das wird sich in den nächsten Tagen klären."
Die Software ist auch in Modellen von Audi, Skoda und Seat verbaut
Fest steht: Der fragliche Motor vom Typ EA189 wurde von Audi in den Modellen A1, A3, A4 und A6 verbaut, die VW-Tochter Skoda bestätigte am Nachmittag, bei ihr seien Fahrzeuge der Modelle Fabia, Roomster, Octavia und Superb aus den Jahren 2009 bis 2013 teilweise betroffen, die spanische VW-Tochter SEAT bestätigte ebenfalls den Einbau dieser Motoren. Derzeit wird bei VW, Audi, Skoda und Seat fieberhaft untersucht, wie viele Fahrzeuge tatsächlich betroffen sind.
Zeitgleich stellt sich der VW-Konzern personell neu auf, und es rollen die ersten Köpfe. Neuer VW-Chef soll der derzeitige Porsche-Chef Matthias Müller werden. Das melden übereinstimmend die Nachrichtenagentur Reuters und das Handelsblatt. Entschieden werden soll dies auf der morgigen Sitzung des VW-Aufsichtsrates, womit die Nachfolge für den gestern zurückgetretenen Martin Winterkorn geregelt wäre.
Zugleich werden nach Informationen der Bild-Zeitung die Entwicklungschefs von Audi und Porsche, Ulrich Hackenberg und Wolfgang Hatz, gefeuert. Beide waren zuvor bei VW in Wolfsburg als Entwicklungschef bzw. als oberster Motorenentwickler tätig. In diese Zeit soll der Bildzeitung zufolge der Einbau der Manipulationssoftware fallen, die den Konzern nun an den Abgrund und die gesamte Autoindustrie unter Generalverdacht gebracht hat.
Andere Hersteller weisen Verdächtigungen zurück
Verkehrsminister Dobrindt lässt durch das Kraftfahrbundesamt inzwischen auch die Dieselmotoren von anderen deutschen wie europäischen Herstellen untersuchen: "Auch da werden sowohl Nachprüfungen auf der Rolle als auch auf der Straße vollzogen." Die Autokonzerne weisen solche Verdächtigungen zurück. Daimler, Opel und Fiat betonten, sich strikt an die Regeln zu halten. BMW und Ford erklärten sogar ausdrücklich, dass bei der Abgasbehandlung nicht zwischen Test- und Straßenbetrieb unterschieden werde.
Auf genau solche Abweichungen weisen wiederum der ADAC oder auch Umweltverbände seit langem hin. Im Alltagsbetrieb lägen die Stickoxidwerte um ein Vielfaches über den zulässigen Grenzwerten. Anton Hofreiter, der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, wirft Dobrindt deshalb vor, versagt zu haben: "Wenn Herr Dobrindt sich hier hinstellt und behauptet, von all den Problemen der Abgasmanipulationen nichts gewusst zu haben, dann ist das inkompetent oder dreist oder beides zusammen. Denn es ist schlicht Stand des Wissens, dass die großen Hersteller die Motoren für die Tests optimieren und nicht für die Realität."
VW selbst soll dabei im April in den USA noch versucht haben, das Bekanntwerden der Abgasmanipulationen durch eine verdeckte Rückrufaktion bei Dieselfahrzeugen noch zu verhindern. Dies könnte die Lage des Konzerns in den USA noch verschlimmern. Seit dem Beginn von "Dieselgate", so der Name des Skandals in den sozialen Netzwerken, sind in den USA mindestens zwei Dutzend Klagen eingereicht worden, die im Extremfall in die Milliarden gehen könnten.