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StartseiteInterviewBildungsbericht 2020 "ist ein klarer Auftrag zum Handeln"24.06.2020

Digitaler UnterrichtBildungsbericht 2020 "ist ein klarer Auftrag zum Handeln"

Deutschland braucht nach Ansicht der Bildungsforscherin Anne Sliwka mehr Geräte und bessere Personalschulung für digitalen Unterricht - das zeige sich in der Coronakrise besonders. Geräte wie Tabletcomputer könnten auch helfen, Kinder mit Lernstandsdefiziten besser mitzunehmen, sagte sie im Dlf.

Anne Sliwka im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

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Ein Schüler, gebeugt über ein Tablet (picture alliance / Keystone / Gaetan Bally)
Tablets ließen sich prima zur individuellen Lernstandserhebung nutzen, sagt die Bildungsforscherin Sliwka (picture alliance / Keystone / Gaetan Bally)
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Mehr Schulabgänger ohne Abschluss, deutliche Defizite bei der Digitalisierung, und Bildung ist in Deutschland statistisch weiterhin sehr abhängig von der sozialen Herkunft - das sind einige der kritischen Befunde des am Dienstag (23. Juni 2020) vorgestellten nationalen Bildungsberichts.

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Für Anne Sliwka vom Institut für Bildungswissenschaft der Uni Heidelberg sind die Ergebnisse des Bildungsberichts ein klarer Auftrag zum Handeln. Eine große Gruppe der Schüler sei abgehängt, sagte Sliwka im Dlf-Interview. Die Professorin für Schulsystementwicklung geht von einer Risikogruppe von 20 bis 25 Prozent der Schüler aus, die als bildungsbenachteiligt gelten müssen.

Sliwka leitet aus dem Bericht mehrere konkrete Forderungen ab. Erstens müsse die Kita weg von der Betreuungsfunktion, stärker als Bildungsinstitution aufgebaut werden, um herkunftsbedingte Benachteiligungen möglichst früh auszugleichen.

"Die Schulen waren schlicht nicht vorbereitet"

Außerdem hätten die Schulschließungen wegen der COVID-19-Pandemie eklatante Defizite beim digitalen Unterricht offenbart. "Die Schulen waren schlicht nicht vorbereitet." Für Sliwka ist dieser Sommer die Zeit für die Politik, Handlungspläne zu erstellen und sich auch auf erneute Schul- und Kitaschließungen vorzubereiten. "Die Phasen des Präsenz- und Onlinelernens müssen sehr viel besser aufeinander abgestimmt sein als bisher."

Digitale Endgeräte sind nach Sliwkas Ansicht auch eine Lösung, um abgehängte Schüler besser mitzunehmen. Mit einem Tabletcomputer könnte man hervorragend Lernstandsdefizite diagnostizieren, um Kinder anschließend möglichst gut gezielt zu fördern.


Das Interview im Wortlaut:

Ann-Kathrin Büüsker: Der Bildungsbericht fällt ja eher durchwachsen aus, auch mit so mancher Sorgenfalte auf der Stirn, wenn man ihn liest. Ist das auch Ihre Bilanz, wenn Sie sich die groben Ergebnisse anschauen?

Anne Sliwka: Ja. Der Bildungsbericht bietet in diesem Jahr eine Bestandsaufnahme des Bildungssystems vor Corona. Da werden ja keine eigenen Daten erhoben, sondern Daten von vielen Stellen zusammengeführt, und insofern hat man da wirklich jetzt ein sehr gutes Bild unseres Bildungssystems vor der Corona-Krise. Er bietet positive und negative Nachrichten aus meiner Sicht, nach meiner Lektüre. Sie haben es schon erwähnt: Schulabgänger ohne Abschluss haben zugenommen von 5,8 Prozent 2014 auf 6,8 Prozent 2018. Das ist ein negativer Trend.

Insgesamt, muss man sagen, ist die Gruppe an Menschen mit einem sehr niedrigen Bildungsstand zu groß in Deutschland, auch im internationalen Vergleich. Das wissen wir auch aus anderen Studien. Zehn Prozent der Menschen in Deutschland haben gar keinen Berufsabschluss und wir gehen jetzt davon aus, auch aus anderen Studien, dass wir von einer Risikogruppe von 20 bis 25 Prozent sprechen müssen, die sehr stark bildungsbenachteiligt sind.

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"Schulsystem insgesamt durchlässiger geworden"

Büüsker: Wenn ich da mal anknüpfen darf, das klingt für mich nach einer sehr negativen Bestandsaufnahme, die wahrscheinlich durch Corona und die bedingten Schulausfälle nicht besser wird, oder?

Sliwka: Das kann man so sagen. Die positive Nachricht des Berichts ist ja, das zeigt er auch an mehreren Stellen, dass das Schulsystem insgesamt durchlässiger geworden ist. Es wechseln mehr Schülerinnen und Schüler nach der Grundschule auf Schularten mit mehreren Bildungsabschlüssen und machen dann auch entsprechend höhere Bildungsabschlüsse.

Aber natürlich hat Corona die Probleme unseres Bildungssystems jetzt viel sichtbarer gemacht. Auch für Menschen, die mit diesen Daten nicht so vertraut sind, sind diese Probleme jetzt sehr deutlich geworden. Insofern bietet das auch eine Chance aus meiner Sicht jetzt zum Aufwachen und tatsächlich zum Handeln und auch einen klaren Auftrag zu handeln.

Büüsker: Wo würden Sie diesen Auftrag am ehesten sehen und wie ihn erfüllen?

Sliwka: Ich denke, es gibt mehrere Dinge, die jetzt geschehen müssen. Aus meiner Sicht muss die Kita als Bildungsinstitution viel stärker ausgebaut werden, wirklich weg von der Betreuung hin zur Bildung, auch mit verbindlichen Bildungsstandards schon in der Kita. Je früher man anfängt desto besser für die Gruppe der Menschen, die aus familiärer Herkunft her sehr stark benachteiligt sind. Da geht es vor allem um die Kita und die Grundschule, die verstärkter Bildung ermöglichen müssen.

"33 Prozent haben extrem niedrige digitale Kompetenzen"

Es muss Standards geben für die Ausstattung der Schulen im Kontext der Digitalisierung. Das hat der Bericht auch sehr deutlich gezeigt. Nur zwei Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben die höchsten digitalen Kompetenzen und 33 Prozent haben extrem niedrige digitale Kompetenzen. Wenn man dann sieht, dass der Arbeitsmarkt der Zukunft sehr stark von diesen digitalen Kompetenzen abhängt, dann muss man sagen, eine große Gruppe der Schülerinnen und Schüler sind abgehängt.

Vor Corona haben 23 Prozent der Schülerinnen und Schüler gesagt, dass sie digitale Medien im Unterricht nutzen. Das ist im internationalen Vergleich sehr, sehr wenig. Das hat die Corona-Krise jetzt natürlich auch offengelegt. Die Schulen waren schlicht nicht vorbereitet auf diese Situation.

Büüsker: Jetzt ist ja der Plan der Bundesbildungsministerin wie aber auch der Landesbildungsminister*innen, nach den Sommerferien wieder in den regulären Schulbetrieb überzugehen. Wie ist da Ihre Einschätzung? Kann man jetzt nach all dem, was wir in den vergangenen Monaten erlebt haben, einfach nahtlos weitermachen mit dem nächsten Schuljahr?

Sliwka: Das ganz sicher nicht. Ich verfolge ja auch die internationalen Entwicklungen, und alle Bildungssysteme weltweit bereiten sich auf ein sehr, sehr ungewöhnliches Schuljahr vor. Überall werden gerade Pläne gemacht. Das ist ja keine Situation, die nur in Deutschland vorliegt. Es ist wirklich jetzt die Zeit, über den Sommer auch in den Ministerien die Handlungspläne zu erstellen für das nächste Schuljahr.

Gütersloh hat ja jetzt deutlich gezeigt, dass es jederzeit auch regional, ich denke nicht mehr in der gesamten Fläche der Bundesrepublik, aber doch lokal oder regional zu sofortigen Schulschließungen und Kitaschließungen kommen kann, und darauf muss man sich vorbereiten. Das bedeutet zum Beispiel, dass die digitale Ausstattung mit den Geräten da sein muss. Auch in den Familien müssen die digitalen Endgeräte vorliegen. Die Phasen des Onlinelernens und die Phasen des Präsenzlernens müssen sehr viel besser aufeinander abgestimmt sein als bisher.

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Ausbau digitaler Lernstandsdiagonistik gefordert

Büüsker: Da ist sehr, sehr viel Organisatorisches. – Muss man unter Umständen auch tatsächlich noch mal eine Bestandsaufnahme machen bei den einzelnen Schülerinnen und Schülern, was da vielleicht in den vergangenen Monaten auch an Lernlücken, an Wissenslücken entstanden ist?

!Sliwka: Ja! Das ist ja ohnehin etwas, was wir Bildungswissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon seit einiger Zeit fordern, nämlich einen deutlichen Ausbau der Diagnostik und eine, auf die Lernstandsdiagnostik abgestimmte Förderung, sogenannte Förderketten. Jetzt ist die Zeit, das auf jeden Fall einzuleiten. Das ist jetzt nicht ganz trivial.

Wir stellen uns da vor allem eine digitale Diagnostik vor, zum Beispiel mit Tablets, wo man die Kinder relativ schnell mit Hilfe von Tablets testen kann, um in Kernbereichen der Bildung wie zum Beispiel Deutsch und Mathematik zu sehen, wo sie gerade stehen, was sie können, was sie noch nicht können, um dann ganz gezielt zu fördern. Das setzt ja jetzt auch ein durch die Ferienakademien, die viele Bundesländer jetzt planen, und ich denke, jetzt ist der Punkt gekommen, an dem man das verstetigen muss, denn wir wissen ja schon seit der ersten Pisa-Studie, dass wir eine sehr große Risikogruppe haben, und Diagnostik und Förderung ist die Antwort darauf. Das zeigen uns auch die internationalen Systeme, die das geschafft haben, diese risikogruppe zu minimieren, wie zum Beispiel das kanadische Schulsystem.

"Jetzt ist die Zeit, eine Lehrkräftereserve aufzubauen"

Büüsker: Das setzt dann aber auch voraus, dass die Lehrerinnen und Lehrer entsprechend ausgestattet sind – A mit Kompetenzen und B, dass es auch genügend von ihnen gibt, um tatsächlich mit den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler umgehen zu können.

Sliwka: Ja, genau! Ausgestattet mit Kompetenzen. Wir brauchen klare Standards für die Lehrer-Aus- und Fortbildung. Ausgestattet mit technischen Geräten. Auch die Lehrkräfte benötigen technische Geräte. Das ist mittlerweile übrigens auch internationaler Standard, muss man sagen – zumindest in den Bildungssystemen, mit denen wir uns gerne vergleichen. Und natürlich brauchen wir ausreichend Lehrkräfte und jetzt ist die Zeit, um eine Lehrkräftereserve aufzubauen.

Ich denke, auch Studierende, Lehramtsstudierende als Förderkräfte zu gewinnen. Die gehören ja häufig nicht zur Risikogruppe, weil sie doch jung sind. Das planen auch einige Bundesländer aktuell. Und es geht natürlich auch darum, das Image des Lehrerberufs massiv aufzuwerten. Auch damit haben andere Bildungssysteme große Erfolge. Singapur hat das Image des Lehrerberufs einmal komplett umgedreht, hin zu die moderne Wissensprofession des 21. Jahrhunderts, und das ist natürlich etwas, was auch attraktiv sein kann. Wenn dann noch die Ausstattung des Arbeitsplatzes stimmt, dann ist das ein gutes Paket.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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