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StartseiteInterview"Von heute auf morgen ist da noch nichts geregelt"21.02.2019

Digitalpakt an Schulen"Von heute auf morgen ist da noch nichts geregelt"

Der Digitalpakt soll nach langem Gezerre an die Schulen kommen. Doch zunächst müssten 85 Prozent der Lehrkräfte für die neue Digitaltechnik fortgebildet werden, sagte Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), im Dlf. Die Schulen bräuchten auch aus anderen Gründen Zeit.

Marlis Tepe im Gespräch mit Christiane Kaess

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Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
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Christiane Kaess: Sind Sie auch so begeistert wie die Politiker?

Marlis Tepe: Es ist jetzt erst mal ein Kompromiss da. Das ist besser als nichts. Wir haben für diese Frage eine Umfrage unter unseren Mitgliedern gemacht. 94 Prozent unserer Mitglieder wünschen sich - und das ist hoffentlich jetzt möglich -, dass technische Wartung und Betreuung der digitalen Ausstattung ermöglicht wird. Ich hoffe, dass in dieser Kompromissfindung Steigerung der Leistungsfähigkeit, auch Personal wie Systemadministratoren enthalten sind. Der FDP-Politiker hat es ja so interpretiert. Ich vermute, dass Herr Kretschmann das nicht so sieht. Das werden wir jetzt sehen, wie sich das in Wahrheit herausstellt.

Kaess: Das ist ja auch gerade in dem Bericht von Frank Capellan angesprochen worden. Systemadministratoren, die müssten eigentlich eingestellt werden. Sind die Schulen denn organisatorisch darauf vorbereitet?

Tepe: Die Schulen wissen ja seit langem, dass es dieses Geld geben soll. Leider war ja nicht den Schulen bekannt, wie sie Mittel beantragen können. Deswegen müssen die Schulen natürlich jetzt ihre Konzeptionen vorlegen und danach ausrichten, dass sie auch Mittel abgreifen können.

"Schulen brauchen dafür Zeit"

Kaess: Da haben Sie Zweifel, dass das schnell gehen könnte mit diesen Konzepten dazu?

Tepe: Ja. Natürlich ist das nicht von heute auf morgen gemacht, ein Konzept zu schreiben. Bislang heißt es ja, dass die Schulträger die Konzepte einreichen. Das heißt, ein Schulträger, der vielleicht zehn oder 15 Schulen in seinem Feld hat, wie eine Kreisstadt das hätte, der bekommt dann von seinen Schulen die verschiedenen Konzepte, die da natürlich über Schulkonferenzen laufen müssen. Da braucht man natürlich erst mal Zeit, um das Konzept zu besprechen. Das, denke ich, wird in der Regel weitgehende Vorlage sein. Nur wenn man vorher nicht weiß, was man davon bezahlen kann, hat man natürlich unterschiedliche Wünsche.

Kaess: Das heißt jetzt, Frau Tepe, es ist erst einmal gut, dass das Geld zur Verfügung gestellt wird, aber eventuell in der organisatorischen Umsetzung wären die Schulen eventuell an der einen oder anderen Stelle auch überfordert sein?

Tepe: Sie brauchen dafür Zeit. Und dann ist es natürlich so, dass die Schulträger, so wie ich das jetzt verstanden habe, dann gewichten müssen, an welche Schule geben sie jetzt zuerst Geld, und dann muss das Land das Geld passieren. Von heute auf morgen ist da noch nichts geregelt.

Kaess: Sie haben ja selbst als Lehrerin gearbeitet. Haben Sie Sorgen, dass das Geld gleichberechtigt an den verschiedenen Schularten verteilt wird?

Tepe: Das darf nicht so sein. Ich würde allerdings schon verstehen, wenn man bei den beruflichen Schulen startet, was am dringlichsten ist, dann zu den Sekundarstufen rübergeht und dann in die Grundschulen geht. Dass man so eine Hierarchisierung als Schulträger vornimmt, könnte ich mir vorstellen.

Kaess: Müssen denn auch die Lehrer geschult werden, um mit diesen ganzen Neuerungen, die da jetzt kommen, umgehen zu können?

Tepe: Wir haben ja eine Mitgliederbefragung unserer eigenen GEW-Mitglieder gemacht, die mehr als repräsentativ ist, und 85 Prozent der Kolleginnen und Kollegen haben gesagt, dass sie Zeit für Lehrkräfte-Fortbildung für dieses Thema für dringend geboten halten.

Kaess: Das heißt, da gibt es auch gewisse Befürchtungen?

Tepe: Ja. Es muss ja auch Personal vorhanden sein, das die Kolleginnen und Kollegen qualifizieren kann. Dann muss es schulinterne Lehrkräfte-Fortbildung sein, um miteinander zu besprechen, wie gestalten wir das alles, denn es soll ja nicht in einem Fach, das dafür speziell eingerichtet wird, erarbeitet werden, sondern in allen Fächern sollen die digitalen Medien genutzt, verstanden, durchschaut werden, und da müssen natürlich die Kolleginnen und Kollegen Absprachen treffen, wer macht welche Grundinformationen, die man noch mal besprechen muss, und wie wollen wir es in der Schule nutzen.

Man könnte ja auch als Schule sagen, ich habe eine Schule gesehen, die hat in Klasse acht angefangen, acht, neun, zehn, und sich da ein Konzept erarbeitet. Das werden die Verwaltungsrichtlinien bestimmen und das werden die Kollegien dann bestimmen müssen.

Kaess: Haben Sie eine Einschätzung, in welchem zeitlichen Rahmen das Ganze umgesetzt werden könnte? Sprechen wir da jetzt wirklich von einem halben Jahr, oder von mehreren Jahren, bis das Ganze erst richtig angekommen ist?

Tepe: Nach meiner Wahrnehmung werden wir von mehreren Jahren sprechen.

"Schüler müssen weiterhin durch Begreifen lernen, Dinge anfassen"

Kaess: Jetzt wird der Umgang mit digitalen Medien ja durchaus auch kritisch gesehen. Was ist denn Ihrer Meinung nach an einer App besser als an einem Buch, oder an der digitalen Tafel besser als an einer herkömmlichen?

Tepe: Das sind im Grunde genommen zwei Dinge. Das eine ist: Schülerinnen und Schüler müssen weiterhin durch Begreifen lernen, Dinge anfassen. Ich sage mal als Beispiel Mathematik: Einen Kubikmeter kann ich am besten begreifen, wenn ich mit Stangen einen Kubikmeter erstelle und ihn mir dann vorstellen kann. Oder Quadratmeter auf ähnliche Art und Weise. Das heißt, Kinder insbesondere im Grundschulalter, aber auch noch in Klasse fünf und sechs müssen durch Begreifen Dinge lernen.

Kaess: Das heißt, die Digitalisierung wird da nur begleiten, aber sie wird letztendlich nicht alle herkömmlichen Mittel ersetzen?

Tepe: Sie kann nicht alles ersetzen. Das ist in jedem Fall klar. Aber natürlich müssen die Schülerinnen und Schüler gut vorbereitet sein auf das Leben in der digitalisierten Welt und sie werden alle eine Reihe von Kenntnissen erwerben müssen. Natürlich kann man sich zum Beispiel im Feld Biologie mit den heutigen Techniken Dinge besser vorstellen und die Schülerinnen und Schüler können lernen, Videoclips und kleine Filme zu erstellen, in denen sie Dinge erklären, die sie verstanden haben. Es ist ja immer gut, wenn man etwas, was man lernen sollte, anderen wieder erklärt. Solche Dinge kann man natürlich mit diesen Medien hervorragend erarbeiten.

Kaess: Sagen Sie uns noch kurz zum Schluss: Hat die Politik hier einen richtigen Schwerpunkt gesetzt in der Bildungspolitik mit der Digitalisierung der Schulen? Es wird ja auch immer der Mangel an qualifizierten Lehrern genannt. Oder auch gerade die GEW hat diese Forderung aufgestellt, mehr Schulen zu bauen. Ist das jetzt erst mal das wichtigste Problem gewesen, oder war der Schwerpunkt vielleicht gar nicht so richtig gesetzt?

Tepe: Da kann man nicht das eine oder andere ausschließen. Zu allererst brauchen wir qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer, und deswegen müssen natürlich die Länder - und die sind ja als Länder dafür zuständig - in ihren Haushalten mit ihren Mitteln die Universitäten beeinflussen, dass mehr Stellen für Lehrkräfte in allen Fachrichtungen vorgehalten werden. Sie müssen den Beruf attraktiver machen. Dazu haben sie jetzt in der Tarifrunde Zeit, damit mehr Schülerinnen und Schüler den Beruf der Lehrerin oder des Lehrers ergreifen.

Dann muss immer Zeit für Fortbildung vorgehalten werden. Die Zeit für Fortbildung ist zu stark gestrichen worden, um Unterrichtsausfall zu vermeiden. Die Länder sind verpflichtet, Reservezeiten für Krankheitsvertretung und für Fortbildung vorzuhalten, damit das besser klappt. Das wäre ein wichtiger Punkt. Das ist der eine wichtige Punkt.

Der andere wichtige Punkt ist natürlich das Lernen in inklusiven Settings und die Integration der EU-Bürger, die hier leben und unsere Sprache nicht kennen, und der Geflüchteten und Zugewanderten. Das ist natürlich auch ein wesentlicher Schwerpunkt.

Kaess: Wir müssen an der Stelle einen Punkt setzen, Frau Tepe. Vielen Dank! Da bleibt noch viel zu tun. Wir werden sicherlich noch mal darüber sprechen.

Tepe: So ist es, Frau Kaess!

Kaess: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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