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StartseiteCorsoDiktatoren-Tourismus in Rumänien24.09.2013

Diktatoren-Tourismus in Rumänien

Wie die jüngste Geschichte in Rumänien vermarktet wird

Die Bilder der Ceausescus - wie sie erschossen im Innenhof einer Militärkaserne lagen, hingerichtet nach einem Eilprozess - gingen um die Welt. Jahrelang stand die Kaserne in der südrumänischen Stadt Targoviste leer. Jetzt flanieren Touristen durch Räume und Innenhof.

Von Annett Müller

Geburtshaus und Villen des ehemaligen rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu sind Touristenattraktionen (picture alliance / dpa /Robert Ghement)
Geburtshaus und Villen des ehemaligen rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu sind Touristenattraktionen (picture alliance / dpa /Robert Ghement)

Andrei Kemenici weiß wie kein anderer, wie das Mobiliar in seiner früheren Militärkaserne zu stehen hat. Der einstige Garnisonskommandant bewachte dort drei Tage lang das im Volk verhasste Ceausescu-Ehepaar - kurz vor Weihnachten 1989.

"Kein König eines westlichen Landes hatte soviel Prunk wie die Ceausescus. Sie besaßen zahlreiche Residenzen und Jagdhäuser. Doch als wir sie festnahmen, hatten sie nicht einmal Geld bei sich. Sie hatten immer alles gratis bekommen. Alles, was sie sich wünschten."

In der Militärkaserne im südrumänischen Targoviste kann man eine Zeitreise unternehmen. In einem Saal stehen gusseiserne Feldbetten mit durchgelegenen Matratzen, die das luxusverwöhnte Diktatoren-Paar vorgefunden hatte. Statt zu meutern, wähnten sich die beiden in Sicherheit.

"Wir haben Ceausescu selbst auf der Toilette überwacht und ihm erklärt, dass wir mit unseren Leben bürgen, dass ihm nichts zustößt. Dann sah er unsere türkischen Hocktoiletten und war sauer, wie primitiv das alles war. Schließlich sagte er: ‚Wenn der Aufstand vorbei ist, lass ich Euch hier erst einmal bessere WCs einbauen’."

Ceausescu ahnte damals nicht, dass er nur noch von Verrätern umgeben war. Kemenici gehörte dazu. Er täuschte seinem Staatschef vor, ihn zu beschützen. In Wirklichkeit hatte er den Diktator bis zum Gerichtsverfahren gefangen zu halten – auf Befehl der neuen Machthaber aus Bukarest.

Im einst improvisierten Gerichtssaal in der Kaserne tönt jetzt aus Lautsprechern die Originalverhandlung, in der das Präsidentenpaar kurzerhand zum Tode verurteilt wurde. Es war ein Schauprozess, meint Historiker Stelian Tanase:

"Rumänien hatte gerade eine Diktatur hinter sich. Ein Gespür für Recht und Justiz gab es nicht. Zudem drängte eine Gruppe an die Macht. Es war wie beim Schach: Sie stürzten den König. Heute wissen die Rumänen, es ging bei diesem Prozess nur um politische Machtinteressen."

Über die Drahtzieher des Ceausescu-Sturzes erfährt man in der Militärkaserne nur wenig. In Rumänien sind es prominente Figuren, die jahrelang hochrangige Posten in Politik, Wirtschaft, Geheimdienst und Militär besaßen. Museumsdirektor Ovidiu Carstina will ihre Namen in der Ausstellung lieber nicht nennen:

"Die Revolutionsereignisse sind ein sensibles Thema, das museal bislang wenig aufgearbeitet wurden. Viele der Leute, die damals am Prozess oder am Hinrichtungskommando beteiligt waren, sind noch am Leben. Wir wollen sie weder zum Reden drängen noch sonst belästigen."

Trotz stockender Aufarbeitung: Erinnerungen und Legenden rund um die machtbesessenen Ceausescus werden in Rumänien längst vermarktet. Nicolae Ceausescus Geburtshaus - eine Bauernkate - steht Besuchern offen, ebenso sein Mega-Palast in Bukarest, das Symbol für Größenwahn und Personenkult schlechthin. Über 100.000 Touristen kommen jährlich. Ihr Motiv?

"Schauen sie sich Versailles an. Dort ist es auch wunderschön. Und wie hier ist nicht alles gerecht zugegangen. Aber man kann sich daran erfreuen, was zurückgeblieben ist."

"Ich war auch schon in Nordkorea, wo der Diktator noch lebt. Tourismus kann diesen skurrilen Plätzen nur gut tun, sie verändern sich dadurch. Und außerdem sind solche Orte aufregender, als jeden Sommer nur nach Spanien zu fahren."

"Diktatoren-Tourismus? Ich weiß nicht, ob ich es so nennen würde. Ich versuche immer, die Leute und ihre Geschichte zu verstehen."

Was keiner gern zugibt: Voyeurismus schwingt beim Besuch der Prunkstätten von Diktatoren wohl immer mit. In der Hinrichtungsstätte von Targoviste wird jetzt sogar das Grauen vermarktet. Moralisch sei das nicht, meint Historiker Stelian Tanase:

"Eigentlich müssten wir uns an Genies der Geschichte orientieren. Doch auf was setzt beispielsweise Hollywood, um einen Film an den Mann zu bringen? Auf Monster. So machen wir es auch. Die Leute kommen, um die Plätze der Monster zu sehen."

In der Militärkaserne in Targoviste hat man selbst die verputzten Einschüsse an der Hinrichtungsmauer freigekratzt, wo die beiden Ceausescus mit Gewehrsalven getötet wurden. Nur eines will man nach 24 Jahren Revolution den Touristen nicht anbieten: die Hocktoiletten, über die schon Ceausescu moserte.

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