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StartseiteDeutschland heuteEiscreme vom Bauernhof09.08.2019

DirektvermarktungEiscreme vom Bauernhof

Um mehr zu verdienen verarbeiten viele Landwirte inzwischen ihre Produkte selbst und machen aus der Milch dann beispielsweise Quark, Jogurt oder Käse. Eine Bauernfamilie aus dem osthessischen Sinntal-Oberzell hat sich auf Eiscreme spezialisiert.

Von Ludger Fittkau

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Ein Eiswagen steht vor einen Stallgebäude, mehrere Menschen stehen bei einem Hoffest am Wagen und unter einem Schirm. (Ludger Fittkau)
Beim Hoffest kommt das selbstgemachte Eis vom Eiswagen gut an. (Ludger Fittkau)
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Eine Kuh auf zwei Beinen hält ein Hörnchen mit drei Eiskugeln in einer Hufe. Das ist das Logo, dass sich die Bauernfamilie Hölzer-Jost für ihr Eis ausgedacht hat. Gemacht wird es schon seit 2006 direkt auf dem Bauernhof im osthessischen Sinntal-Oberzell am Rande der Rhön. Die Milch kommt  von 40 Fleckvieh-Kühen in ihrem Stall. Ein Drittel  geht inzwischen direkt in die Eisproduktion, sagt Bäuerin Kirstin Jost.

"Wir haben angefangen mit dem holländischen Bauernhof-Eis, einem Franchise-Unternehmen. Da kriegt man dann eigentlich alles erklärt, da kommt ein Konditor, hat man Rezepte und so weiter. Aber wir haben uns dann nach zwei Jahren davon verabschiedet. Und haben uns dann unsere eigenen Rezepte erstellt. Und so sind wir halt dann zu unseren Eisrezepten gekommen und vermarkten das."

Mit eigenem Eiswagen ins Rhein-Main-Gebiet

Die Vermarktung des Speiseeises vom Bauernhof ist aufwändig. Ein eigener Eiswagen fährt täglich rund 100 Kilometer aus Sinntal ins Rhein-Main-Gebiet, um dort das Eis an die Kunden zu bringen. Außerdem verkauft die Bauernfamilie ihr Eis auch an Supermärkte in den Städten:

"Wir haben dann auch in 2007 angefangen über "Landmarkt", das sind die hessischen Direktvermarkter, die eigentlich mehr über den Einzelhandel – wie Rewe- das Eis dann vermarkten."

Die Eissorten, die im Keller des Bauernhofes hergestellt werden, sind die Klassiker: Schokolade, Vanille oder Stracciatella. Doch in diesem heißen Sommer hat Kirstin Jost sich eine neue Sorte einfallen lassen: Joghurt- Sanddorn. Die Nachfrage am Eiswagen ist hervorragend:

"Schmeckt sehr gut. Wir haben schon mehrmals von denen gehabt. Wir kennen die Leute und das schmeckt sehr gut." - "Oder dann ist noch die Sorte Kaffeeeis  -Ist auch sehr lecker." - "Es ist Geschmackssache. Manche Leute sagen, mir schmeckt es nicht. Mir schmeckt es."

Bauerhöfe brauchen zusätzliche Standbeine

Der Eiswagen steht heute bei einem kleinen Hoffest neben einem neuen Kuhstall, den die Bauernfamilie Hölzer-Jost vor drei Jahren am Rande von Sinntal-Oberzell errichtet hat.  Das Land Hessen hat den sogenannten "Boxenlaufstall"  gefördert, weil die Tiere dort mehr Auslauf als früher haben und nicht mehr angebunden werden müssen.  Bei ihrer Sommerreise macht die grüne hessische Landwirtschaftsministerin Priska Hinz deshalb hier Station. Auch sie muss am Eiswagen die neue Sorte "Joghurt-Sanddorn" probieren:

"Das ist wichtig, dass sich landwirtschaftliche Betriebe, wie es so schön heißt, diversifizieren. Mehrere Standbeine aufbauen. Zum Beispiel durch Direktvermarktung hier über Eis vom Bauernhof. Oder aber durch Ferien auf dem Bauernhof oder Ähnliches. Denn alleine von Milchkuh-Haltung oder von Mutterkuh-Haltung oder von Schweinehaltung alleine können Bauern heute nicht mehr leben. Sie brauchen unterschiedliche Standbeine."

Das Standbein "Eisproduktion" habe es im Grunde erst möglich gemacht, den neuen Stall zu bauen, in dem die Milchkühe artgerechter gehalten werden können als früher. Dass sagt Bäuerin Kirstin Jost. Sie wird die erste Nacht nie vergessen, die die Kühe im neuen Stall verbracht haben:

"Ich habe die erste Nacht auch hier übernachtet, wir haben da oben auch eine Übernachtungsmöglichkeit. Die Kühe sind hergekommen, die sind dann erstmal rum überall, haben alles ausprobiert. Und abends hat dann alles angefangen "Muh, Muh, Muh." Als wollte jede sagen: Bleiben wir jetzt hier oder gehen wir jetzt wieder heim? Die haben wirklich die ganze Nacht gemuht, als wollten sie wirklich sagen: Was ist denn jetzt hier?"

Regionale Herkunft als Verkaufsargument

Heute sorgen die Kühe dafür, dass die Eisproduktion in Sinntal das ganze Jahr hindurch läuft. Dadurch ist das Eis immer frisch. Für die hessische Landwirtschaftsministerin Priska Hinz ist gerade die Nähe zu den Kunden ein großer Wettbewerbsvorteil gegenüber industrieller Eisproduktion:

"Ja, das hier schmeckt natürlich besonders gut von Hölzer und Jost. Und natürlich ist es so, dass regionale Vermarktung unheimlich gut ankommt. Wenn die Verbraucherinnen und Verbraucher wissen, dass kommt hier aus Hessen, aus der Region und ich kann den Betrieb auch besuchen. Weiß also, wo das Produkt herkommt, dann gibt es auch mehr Vertrauen."

Am nächsten Morgen wird der Eiswagen wieder die 100 Kilometer vom Fuße der Rhön in Osthessen ins Rhein-Main-Gebiet fahren.  Elke Spill, die heute am Kuhstall das Eis verkauft, wird dann nicht dabei sein. Sie arbeitet lieber an der Eismaschine:

"Es ist wie Kuchen backen. Die Zutaten werden gemischt, dann wird das alles gekocht, dann wird’s gefroren, dann tun wir es raus. Ich glaube das kann jeder!"

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