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Dirk von Lowtzow: "Aus dem Dachsbau"
Auf den Gipfeln der Verzweiflung ist immer noch was los

Seit 25 Jahren hat Tocotronic den Ruf, die klügste Rockband Deutschlands zu sein. Das liegt vor allem an den hintersinnig-poetischen, aber auch oft etwas rätselhaften Texten des Sängers Dirk von Lowtzow. Nun legt von Lowtzow eine Sammlung autobiografischer Skizzen vor.

Von Julia Schröder | 04.03.2019
Buchcover: Dirk von Lowtzow: „Aus dem Dachsbau“
Blick zurück ohne Zorn: Dirk von Lowtzow versucht sich an die Tage vor Tocotronic zu erinnern (Buchcover: Kiepenheuer & Witsch Verlag, Foto: Kiepenheuer&Witsch_Jutta Pohlmann)
Immer wieder hat Dirk von Lowtzow bekundet, er wolle niemanden mit seinem Privatleben belästigen. Die "Versessenheit darauf, woher man kommt", wie er es in einem Interview vor gut fünf Jahren nannte, finde er schrecklich. Ähnlich sehen das seine Bandkollegen von Tocotronic. Dennoch hat die Band vor gut einem Jahr das dezidiert "autobiografische" Album "Die Unendlichkeit" veröffentlicht, mit einem Dutzend Songs, die von Szenen aus Lowtzows Leben inspiriert sind.

Und nun erscheint unter dem Titel "Aus dem Dachsbau" ein Band mit Texten, die (ebenso wie das Album) von der "Schwarzwaldhölle" der Jugend des 1971 in Offenburg geborenen Sängers und Gitarristen berichten, vom Weggehen nach Hamburg, vom heutigen Leben, Schreiben und Rauchen in Berlin. Liegt hier nicht ein gewisser Widerspruch vor?
Schreiben und Rauchen in Berlin
Im Gegenteil. An Dirk von Lowtzows Texten kann man sehr schön zeigen, dass autobiografische Literatur zunächst vor allem eines ist, nämlich Literatur. Etwa an "Dezember", einem Stück beiläufig-kunstvoll verschachtelter Erinnerungsprosa. Hier löst eine Bahnfahrt von Hamburg zu den Eltern im Südwesten Mitte der Neunziger, kurz nach dem Tod des Jugendfreundes Alexander, eine Art hochkonzentrierte Gedankenflucht im Erzähler aus:

"Ich flüchte mich in die Bordtoilette. Umhüllt von der Plastikverschalung schließe ich für einen Moment die Augen und sehe kleine blaue Explosionen in der Dunkelheit. Ich erinnere mich, wie mir die farbigen Muster der Kinderzimmertapeten vor den Augen herumtanzten, wenn ich mit Mandelentzündung im Bett lag. Das Ticken der Wanduhr wiederholte unablässig ein und dieselbe Beschwörungsformel: Asterix und Obelix.
Asterix und Obelix. Asterix und Obelix. Asterix und Obelix.

Es war unheimlich, zwischen Möbelstücken aufzuwachsen, die über Jahrhunderte hinweg die gedämpfte Stimmung eines Sonntagnachmittags in sich konserviert hatten. Nachts entstiegen ihnen Gespenster."
Im stickigen Dickicht der Kindheit
Hier wird alles Überflüssige weggelassen und just so viel benannt, dass die Leser sich im stickigen Dickicht der Kindheit wiederfinden können. Wenn sie allerdings gerade glauben begriffen zu haben, worauf alles hinauslaufen soll, stellt sich angesichts der Landschaft vor dem Abteilfenster eine etwas bizarre Fantasie ein, die das Kindheitsbild bricht und ganz andere Perspektiven eröffnet:

"Die Stoppelfelder werden zu kinematischen Bildern, die permanente Beschleunigung wirbelt mich in die Vergangenheit. Hunderte von Menschen, zumeist Opfer von Raubüberfällen, müssen unter solchen Äckern verscharrt worden sein."

Die Komik des Abwegigen bewahrt die Geschichten wie die Gedichte und die abgedruckten Songtexte bei aller angstlos vorgetragenen Romantik vor dem Abdriften ins bloß noch Sentimental-Melancholische. Dazu tragen auch die eingestreuten Schwarzweiß-Schnappschüsse zu Geschichten über Aliens (die nämlich damals hinter den Bundesjugendspielen steckten) und Plüschtiere in Budapest bei, ebenso die Zeichnungen aus Lowtzows juvenilen Comics über einen murmelnd-sinnierenden Dachs namens Daniel.

"Daniel Dachs. DD, das passt immer."

Die Texte haben jeweils ein Schlagwort als Überschrift, was eine alphabetische Ordnung ermöglicht – von "Abba" über "Käse" und "Silberblick" bis "Zeit". Manches wirkt hermetisch, manches surrealistisch, manches ist Menschen gewidmet, die im Lowtzow-Kosmos als Sternbilder kreisen, die Filmemacherin Jutta Pohlmann, der das Buch gewidmet ist, und die beiden anderen Gründungsmitglieder von "Tocotronic" natürlich, Jan Müller und Arne Zink. Die Künstlerin Cosima von Bonin hat wie der früh verstorbene Jugendgefährte Alexander eine eigene Porträtskizze, unter dem Buchstaben C, Zeugnis einer freundschaftlichen Zugewandtheit voller Liebe und Vertrauen:

"Ihr Selbstbewusstsein und ihre Aura färben auf mich ab, wenn ich in ihrer Nähe bin. Ich denke dann, komme was wolle, mir kann nichts passieren. Cosima wird mich beschützen und meine Feinde notfalls verschlägern. Danach wird sie ihre Sonnenbrille zurechtbiegen, den Mantel glatt streichen und sich eine Zigarette anstecken, während ich ihre Platzwunden verarzte."
Trost der Musik, Paradoxien der Rebellion
Der Hintersinn ist eine der Qualitäten dieses fraktalen Selbstporträts, so, wenn unter dem Titel "Diskurse" die Besiedlung eines nächtlichen Schlossparks mit Theorie-verliebt quasselnden Eichhörnchen ausgefabelt und mit Versatzstücken der Abenteuererzählung "Held verirrt sich in der Wildnis" angereichert wird. Das Sich-Verirren im Wald, eine allgemeine Orientierungslosigkeit sind wiederkehrende Motive in diesen Texten, dazu Fremdheitserfahrungen, das Anderssein, der Trost der Musik und die Paradoxien der Rebellion, die sich im Offenburg der Achtziger in auffälliger Kostümierung ausdrückt:
"Ich möchte testen, wie weit ich gehen kann, und ich will dafür geliebt werden. Stattdessen ziehe ich Hass auf mich. Doch die von den Bänken gezischten Beleidigungen genieße ich nun fast. Sie geben mir Gewissheit (…): Es gibt kein Zurück mehr."
Bündiger ist der Geist des Punk selten formuliert worden. Es bezaubert und nötigt Bewunderung ab, wie Dirk von Lowtzow alle möglichen Schwächen im Leben sehr gelassen in erzählerische Stärken verwandelt. Sein Treibstoff besteht aus Einbildungskraft, Sound und Timing. So werden aus autobiografischen Anlässen Sprungschanzen, von denen das Schreiben abheben kann. Nicht alle Texte fliegen auf derselben Höhe. Aber in den gelungeneren – und davon gibt es reichlich - ist das Ergebnis Literatur, die auf ihre Leser wirkt: berührend, verstörend, erheiternd, erhellend.
Dirk von Lowtzow: "Aus dem Dachsbau"
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln. 192 Seiten, 20 Euro.