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StartseiteCampus & Karriere"Wir brauchen einen gemeinsamen Fundus an Erkenntnissen, auf die wir uns beziehen können"27.08.2018

Diskussion über einen neuen Bildungskanon "Wir brauchen einen gemeinsamen Fundus an Erkenntnissen, auf die wir uns beziehen können"

In seinem Buch "Was unsere Kinder wissen müssen" hat Thomas Kerstan 100 Werke aufgelistet, die helfen sollen, unsere Kultur und Identität zu verstehen. Als Gesellschaft sei es gut, einen gemeinsamen Fundus an Kunstwerken, Büchern und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu haben, auf den man sich beziehen könne, sagte Kerstan im Dlf.

Thomas Kerstan im Gespräch mit Jörg Biesler

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Grundschüler und eine Lehrerin während einer Unterrichtsstunde in einem Klassenzimmer (imago/photothek)
Thomas Kerstan: "Ich würde mich freuen, wenn wir in der Schule darüber nachdenken würden, welche Werke auch Thema sind und wenn man so eine gewisse gemeinsame Grundlage in ganz Deutschland hätte" (imago/photothek)
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Jörg Biesler: Thomas Kerstan ist Redakteur der "Zeit" und hat noch intensiver nachgedacht für sein heute erscheinendes Buch "Was unsere Kinder wissen müssen". Guten Tag, Herr Kerstan!

Thomas Kerstan: Schönen guten Tag!

Biesler: Die Menge des Wissens, daran besteht kein Zweifel, die wächst beständig. Die Folge ist Spezialisierung. Viele suchen darin Orientierung. Sie offensichtlich auch. Warum brauchen wir die?

Kerstan: Ein Grund, warum ich mir darüber Gedanken gemacht habe, ist mein Bild, dass unsere Gesellschaft gemeinsame Kenntnisse von Werken, von wissenschaftlichen Erkenntnissen, von Büchern, Filmen und so weiter haben muss, um überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen. Also wir wissen ja nicht, was die Zukunft bringt, aber klar ist, dass wir uns als Gesellschaft darüber verständigen müssen, und dazu ist es gut, einen gemeinsamen Fundus an Kunstwerken, Büchern, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu haben, auf die wir uns beziehen können.

"Durch sehr viele Wissensgebiete gearbeitet"

Biesler: Die Problematik ist Ihnen klar bei der Auswahl. Das schreiben Sie auch im Vorwort. Sie erläutern dann jeweils auch bei den einzelnen Werken, warum Sie die für wichtig halten und im Kontext sozusagen gesellschaftlichen Weltverständnisses irgendwie denen eine Rolle zusprechen würden. Man könnte natürlich auch ganz andere Werke auswählen als die 100, die Sie ausgewählt haben. Was waren Ihre Kriterien?

Kerstan: Klar. Also ich habe mich bemüht, objektiv zu sein, aber natürlich ist das subjektiv gefärbt. Ich habe einmal gesehen, was nach Meinung der Lehrpläne Schüler so bis zum Ende Sekundarstufe II Abitur lernen müssen, habe sozusagen die ganze thematische Breite auch mit reingenommen, also auch naturwissenschaftliche Themen, die sind in Kanons meistens nicht vertreten in Deutschland. Dann habe ich Experten gefragt, was muss man in Physik unbedingt mal gehört haben, wissen, was sollte man mitnehmen, und so habe ich mich quasi durch alle Wissensgebiete oder durch sehr viele Wissensgebiete gearbeitet und dann immer Bücher oder Filme oder auch ein Computerspiel identifiziert, wo ich sagen würde, das müsste jeder wissen, um unsere Kultur zu verstehen, um unsere Identität zu verstehen, aber auch – das war mir wichtig – neue Entwicklungen aufzunehmen, also die Globalisierung oder die Einwanderung, also zum Beispiel Werke von Einwanderern, die unsere Kultur bereichern, sollten mit drauf sein, was zu Digitalisierung.

Biesler: Das Computerspiel, das Sie gerade erwähnt haben, das ist "Minecraft", eines, das sehr, sehr verbreitet war, vor allen Dingen unter jungen Leuten natürlich. Bei denen sind Computerspiele naturgemäß weiter verbreitet. Sie haben aber auch Beethovens neunte Symphonie zum Beispiel drin, einen Teil der "Krieg der Sterne"-Saga als Film, Goethes "Faust I" und Werner Heisenbergs "Der Teil und das Ganze", also da geht es in die Naturwissenschaften. Ein ganz, ganz breites Feld, das Sie versuchen abzudecken. Warum gerade mit 100 Werken? Das ist eigentlich doch jedem gleich plausibel, dass das Wissen der Welt nicht in 100 Werken steckt.

Kerstan: Wenn man das handwerklich betrachtet, muss man irgendwie einen Rahmen schaffen. Da könnte man sagen, mit zehn Werken kann man ein bestimmtes Wissen nicht abbilden, und dann ist meine Idee ja, dass wir als Gesellschaft darüber ins Gespräch kommen. Wenn man jetzt eine Liste von 1.000 Werken aufstellen würde, wäre das schon zu anonym. Man würde sich nicht mehr dran erinnern. Ich finde, 100 ist ganz simpel eine runde Zahl und eine Menge, über die man reden kann. Das war handwerklich einfach die Idee.

Idee: unsere Gesellschaft zusammenzuführen

Biesler: Aber mir scheint dann doch am Ende, dass das eine Auswahl ist, die doch wieder eher bildungsbürgerlich orientiert ist. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass es da ganz andere Sichtweisen gibt, vielleicht auch welche, die in ganz anderen kulturellen Umfeldern entstehen.

Kerstan: Ich habe bewusst eigentlich einen Kanon des Allgemeinwissens vorgeschlagen, in dem man arbeiten kann. Ein Bildungsbürger würde vielleicht sagen, man muss die "Ilias" und die "Odyssee" im Original gelesen haben von Homer oder zumindest in einer guten deutschen Übersetzung. Ich finde, man muss die kennen, aber empfehle die schöne Nacherzählung von Walter Jens dazu, weil ich nicht glaube, dass jeder wirklich die "Ilias" und "Odyssee" im Original liest. Ich empfehle zum Beispiel auch "Die Zauberflöte" als Oper, weil die sehr populär ist, und sicher würden Opernexperten, sage ich mal, härteren Stoff fordern.

Biesler: Ja, "Das Rheingold" ist ja immerhin auch drin von Wagner, aber das zeigt irgendwie, wie wir alle in Bildungsfragen tänzeln. Es gibt die Hardliner, die sagen, nein, ad fontes, zu den Quellen, wir müssen das Original lesen, gerade in Zeiten, die so bewegt sind. Sie versuchen zu vermitteln in beiden Positionen sozusagen.

Kerstan: Ja, auf jeden Fall. Also meine Idee ist schon zusammenzuführen, unsere Gesellschaft. Also das ist natürlich jetzt übertrieben. Ich kann da vielleicht einen ganz kleinen Beitrag zu leisten, aber deswegen sollten auch die verschiedenen Ansätze drin sein. Also mein "Minecraft" ist ein wichtiges verbreitetes Computerspiel. Das sind heute kultur-, teilweise auch künstlerische Werke, die teurer sind als Filme in der Produktion. "Krieg der Sterne" ist ein Riesenfundus an Geschichten, Charakteren, Verrücktheiten und so weiter. Das sind alles Themen, über die man gemeinsam reden kann oder wo man sich Beispiele draus ziehen kann, wenn man miteinander diskutiert.

Biesler: Aber das Ziel ist eine Vergleichbarkeit, eine Gemeinsamkeit vielleicht auch herzustellen?

Kerstan: Ja, schon. Also wir haben ja in der … Die Bildungsdiskussion ist meiner Meinung nach viel zu abstrakt. Es kann keiner nachvollziehen. Ich finde das gar nicht schlecht, dass es Bildungsstandards gibt und Lehrpläne und so. Das muss alles sein, aber die sind oft so formuliert, dass ein Normalsterblicher da gar nicht drüber reden kann, aber über die Frage, muss jeder Abiturient "Faust" gelesen haben oder nicht, darüber kann jeder mitreden, und das ist sehr konkret. Man kann auch sagen, okay, wenn die nicht "Faust" gelesen haben sollen, was würdest du denn vorschlagen, was sie gelesen haben sollen. Ich sehe natürlich die Schule in der Pflicht, aber selbstverständlich auch die Familien. Man kann ja auch mal gemeinsam ins Theater gehen oder meinetwegen "Minecraft" spielen. Das kann man auch zu Hause machen. Ich würde mich aber schon freuen, wenn wir in der Schule darüber nachdenken würden, welche Werke auch Thema sind und wenn man so eine gewisse gemeinsame Grundlage in ganz Deutschland hätte.

"Ich hoffe, dass ich einlade, sich den Werken zuzuwenden"

Biesler: Das heißt ein Abitur, wo man nachher sagen kann, man kann eigentlich davon ausgehen, dass Schülerinnen und Schüler, wenn sie das Abitur haben, so ungefähr das wissen?

Kerstan: Ja. Ich meine, da gehört sicher noch mehr zu, aber wenn sie das wüssten, das wäre eine bestimmt verdammt gut Grundlage, würde ich mal behaupten, und ich finde schon, dass wir – Sie hatten gesagt, das ist nur für Bildungsbürger –, ich finde, wir sollten beim Nachwuchs die Ansprüche nicht zu niedrig legen, sondern lieber zu fordern, und ich glaube, dass wir zu oft unterfordert werden und zu wenig gefordert werden oft.

Biesler: Apropos unterfordern und gefordert werden: Besteht nicht ein bisschen die Gefahr oder sehen Sie, dass jetzt der eine oder andere Ihr Buch zur Hand nimmt, Ihre kurzen Texte über die einzelnen Werke liest und es dann zur Seite legt und recht zufrieden ist?

Kerstan: Ich kann ja keinem vorschreiben, was er macht. Wenn er schon mal eine Idee davon hat, ist es ja gut, das ist ein erster Schritt, und der zweite Schritt wäre, sich an das Werk ranzumachen. Ich hoffe, dass ich mit dem Buch sozusagen einlade, sich den Werken zuzuwenden und nicht davon abschrecke. Das finde ich oft auch bei so bildungsbürgerlichen Kanons ein Problem, dass sie die Latte so hoch legen, dass man eigentlich nur noch drunter durchgehen kann.

Biesler: Und es sind tatsächlich auch Werke dabei, die herausfordernd sind. Sie verlangen auch etwas, dass man sich intensiv und auch zeitintensiv mit den Dingen beschäftigt.

Kerstan: Auf jeden Fall. Ich meine, die Kinder gehen 12, 13 Jahre zur Schule. In der Zeit sollte man schon das eine oder andere Buch gelesen haben oder das eine oder andere Musikstück gehört haben.

Biesler: Thomas Kerstan, "Zeit"-Redakteur für Bildung hat sich an einen Kanon getraut, an einen neuen Bildungskanon. "Was unsere Kinder wissen müssen" heißt sein Buch, das heute erscheint. Danke, Herr Kerstan!

Kerstan: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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