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StartseiteInterview"Arbeitslosigkeit bekämpft man damit, dass man Jobs schafft"06.03.2017

Diskussion um Agenda 2010"Arbeitslosigkeit bekämpft man damit, dass man Jobs schafft"

In der von der SPD geplanten Reform der Agenda 2010 sieht Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit einen Rückschritt. Arbeitslose zu Weiterbildungsmaßnahmen zu verpflichten, sei der falsche Weg, sagte er im DLF. Stattdessen müssten Arbeitslose schnell in Arbeit gebracht werden, um Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden.

Hilmar Schneider im Gespräch mit Daniel Heinrich

Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik, Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Hilmar Schneider, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
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Daniel Heinrich: Über die Reformpläne für die Agenda 2010 aus der SPD spreche ich mit Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Herr Schneider, die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt sagt, die SPD will Deutschland zum "kranken Mann Europas" machen. Würden Sie diesen Satz unterstreichen?

Hilmar Schneider: Zumindest bewegt sich die SPD im Augenblick wieder dahin, wo wir mal vor der Hartz-Reform waren, und das ist zwar alles gut gemeint, aber im Ergebnis tatsächlich problematisch, weil Arbeitslosigkeit beseitigt man ja nicht dadurch, dass man die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld ausweitet, sondern Arbeitslosigkeit bekämpft man damit, dass man Jobs schafft. Und wenn man Menschen dafür alimentiert, dass sie lange arbeitslos bleiben, dann darf man sich nicht wundern, wenn sie dann auch länger arbeitslos bleiben.

Heinrich: Sie sprechen es schon an, Herr Schneider. Die Pläne, die Andrea Nahles ausgearbeitet hat, sehen vor, dass Arbeitslose, die an Weiterbildungen teilnehmen, 48 Monate lang Maximum das ALG Q – so nennt sich das Ganze – erhalten dürfen. Werden denn somit nicht Menschen unterstützt, die wahrscheinlich gezwungenermaßen einen Neuanfang in ihrem Leben wagen müssen?

"Eine Menge Spreu unter dem Weizen"

Schneider: Gegen eine Weiterbildungsmaßnahme, die Menschen substanziell weiterqualifiziert und ihnen bessere Chancen einräumt, spricht überhaupt nichts. Das Problem ist nur, dass der Vorschlag der SPD, der jetzt auf dem Tisch liegt, quasi eine Zwangsweiterbildung vorsieht, und das zwingt dann im Grunde die Arbeitsagentur, auf Teufel komm raus Menschen in Weiterbildungsmaßnahmen zu schicken, und da wissen wir aus der Vergangenheit: Immer dann, wenn das zur Methode gemacht wird, dann gibt es jede Menge an Qualifizierungsmaßnahmen, deren Sinnhaftigkeit in Frage gestellt werden muss. Und das war mit einer der Gründe, warum damals im Zuge der Hartz-Reform die Weiterbildungsmaßnahmen auf den Prüfstand gestellt worden sind, und da stellte sich raus, dass da eine Menge Spreu unter dem Weizen war, und das würde jetzt auch wieder passieren.

Heinrich: Muss man denn nicht Menschen, die vielleicht 20, 25 Jahre in einem Betrieb gearbeitet haben, dann unverschuldet arbeitslos geworden sind, aus welchen Gründen auch immer, muss man denen nicht genügend Zeit geben, in, sagen wir mal, ausreichenden Weiterbildungsmaßnahmen sich auch auf ein neues Berufsleben einzustellen? Ich rede nicht von Leuten, die Mitte, Anfang 20 sind; ich rede von Leuten, die vielleicht Mitte 40, vielleicht älter sogar sind.

Schneider: Im Einzelfall macht eine Weiterbildungsmaßnahme durchaus Sinn, aber das ist einzelfallbezogen. Aber man kann es nicht zur Methode machen. Wenn Sie es zur Methode machen – der SPD-Vorschlag sieht ja vor, dass man nach drei Monaten einen Anspruch darauf hat, in eine Weiterbildungsmaßnahme geschickt zu werden – dann sorgt das dafür, dass der Druck auf die Arbeitsagentur enorm groß wird, denn die hat dann alle Hände voll damit zu tun, Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Und da kann ich Ihnen garantieren: Da wird eine Menge Unfug entstehen und das ist vergleichbar mit der Situation vor der Hartz-Reform.

Damals sind etwa 20 Prozent der Gelder, die die Bundesagentur zur Verfügung hatte, in solche Maßnahmen geflossen, und mit der Hartz-Reform wurde dann eine Evaluation all dieser Maßnahmen vorgenommen und das Ergebnis war, dass man einen großen Teil dieser Maßnahmen eingestellt hat, weil man feststellen musste, dass sie einfach nichts bringen. Das Ausmaß an Weiterbildungsmaßnahmen, das sinnvoll ist, ist seitdem drastisch eingeschränkt worden, und das wird nicht besser dadurch, dass man jetzt einen Anspruch auf Weiterbildung festschreibt.

Heinrich: Wie würden Sie es denn machen, Herr Schneider?

"So wie es im Augenblick gemacht wird, ist es gar nicht so verkehrt"

Schneider: So wie es im Augenblick gemacht wird, ist es gar nicht so verkehrt. Wichtig ist vor allen Dingen, dass Menschen schnell wieder in Arbeit kommen, dass man nicht einen Zustand erzeugt, wo Menschen in die Illusion gebracht werden, sie könnten sich Zeit lassen mit der Jobsuche. Das ist nämlich genau der Teufelskreis, der zu Langzeitarbeitslosigkeit führt. Gerade deswegen kommt man in die Situation, wo man plötzlich stigmatisiert wird. Wenn Sie acht oder zehn Monate lang arbeitslos sind und immer noch keinen Job gefunden haben, dann wird das schwierig bei dem nächsten Vorstellungsgespräch, weil sich jeder fragt, wieso haben Sie so lange noch keinen Job gefunden.

Und dann entsteht eine Situation, wo Menschen feststellen, dass sie immer mehr Ablehnungen bekommen, und das ist für die Psyche ganz schrecklich, weil diese Zurückweisung, die Sie da erfahren, das ist ein Schlag ins Gesicht und Menschen fangen an, diese Erfahrung zu vermeiden. Das heißt, sie entwickeln eine Angst davor, wieder in so eine Situation zu kommen, und dann entsteht die groteske Situation, dass Menschen aktiv Jobangebote sogar zerstören. Das klingt absurd, aber das ist so. Die Drohung, dass man wieder zurückgewiesen wird, die ist dann so schrecklich, dass man lieber in der Situation bleibt, an die man sich dann gewöhnt hat, und wenn Sie da einmal drin sind, dann kommen Sie ganz schwer wieder raus.

Heinrich: Sie sagen, die beste Methode ist, sofort wieder in einen neuen Job?

Schneider: Absolut. Und die Erfahrung zeigt auch, dass das gelingt. All diese Beispiele, die so spektakulär dann durch die Medien gehen – nehmen Sie den Schlecker-Fall oder nehmen Sie andere Fälle –, zeigen ja, dass die Menschen durchaus in relativ kurzer Zeit auch wieder Jobs finden.

Heinrich: Herr Schneider, sollte es denn nicht auch der Anspruch der Politik sein zu sagen, man versucht, den Leuten den Job zu vermitteln, den sie denn auch gerne haben möchten, oder in dem sie gut sind, als einen Job, der vielleicht gerade verfügbar ist, aber den Ansprüchen dieser Leute oder der Qualifikation dieser Leute überhaupt nicht entspricht?

Stigmatisierung vermeiden

Schneider: Das ist ja ein ganz fatales Argument. Es ist doch nicht verboten, wenn Sie einen Job angenommen haben, dass Sie dann weiter noch nach dem besseren Job suchen. Das ist viel besser, als wenn Sie Jobangebote ablehnen, weil Sie denken, das ist nicht das, was meiner Qualifikation entspricht, oder das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe, oder das ist mir zu weit weg, da muss ich zu lange Autofahren für. Wenn Sie so an die Sache herangehen, dann werden Sie schnell feststellen, dass Sie die Jobs, die Sie gerne hätten, vielleicht gar nicht kriegen. Aber was spricht denn dagegen, einen Job anzunehmen, den man bekommen kann, und von da aus dann weitersucht? Das ist doch für die Biographie viel besser und es ist auch für zur Vermeidung der Stigmatisierung, die ansonsten einsetzt, das ideale Rezept.

Heinrich: Das sagt Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Herr Schneider, vielen Dank für das Gespräch.

Schneider: Danke Ihnen, Herr Heinrich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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