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Diskussionen um Feierlichkeiten"Am Ende bestimmt Familie Kohl, was passieren soll"

"Die Familie Kohl versucht alles, um ihm einen strahlenden Abschied zu sichern", sagte der ehemalige WDR-Intendant Friedrich Nowottny im Dlf über die Diskussionen um die Feierlichkeiten zum Tod des ehemaligen Bundeskanzlers. Dabei spielten auch die schwierigen Beziehungen der Nachfolgeregierungen zu Kohl eine Rolle.

Dirk-Oliver Heckmann im Gespräch mit Friedrich Nowottny | 21.06.2017

Friedrich Nowottny, Journalist (09.05.2014).
Friedrich Nowottny, ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks, hat Helmut Kohl noch selbst erlebt. (dpa / picture-alliance / Oliver Berg)
Dirk-Oliver Heckmann: Wie ehrt und verabschiedet die Bundesrepublik den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl? Kommissionspräsident Juncker hatte die Idee eines europäischen Trauerakts in Straßburg ins Spiel gebracht, und den wird es auch geben am 1. Juli. Das wurde gestern festgelegt. Auf keinen Fall aber soll es zusätzlich einen deutschen Staatsakt geben. Die "Bild"-Zeitung hatte unter Berufung auf einen engen Vertrauten Kohls gemeldet, Kohl habe einen solchen nicht haben wollen, auch aus Enttäuschung darüber, wie nach seinem Rücktritt die rot-grüne Bundesregierung mit ihm umgesprungen sei. Die hatte Kohl nämlich vorgeworfen, im großen Umfang Daten gelöscht zu haben. Allerdings konnte der Vorwurf nicht belegt werden. Neben dem europäischen Trauerakt steht auch eine Überführung der sterblichen Überreste Kohls von Straßburg nach Speyer in Rede, ähnlich wie beim Tode Adenauers 1967. Damals überführte die Bundesmarine den Sarg auf dem Rhein nach Bad Honnef-Rhöndorf. Tausende Deutsche verabschiedeten sich damals.
Ich habe vor der Sendung gesprochen mit Friedrich Nowottny, ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks und jahrzehntelanger Beobachter der politischen Szene in Bonn und in Berlin. Und ich habe ihn gefragt: Können Sie uns für die, die die Begräbniszeremonie für Adenauer nicht erlebt haben, sagen, was ist Ihnen da noch besonders gut in Erinnerung, welche Bilder kommen da bei Ihnen hoch.
Dirk-Oliver Heckmann: Können Sie uns für die, die die Begräbniszeremonie für Adenauer nicht erlebt haben, sagen, was ist Ihnen da noch besonders gut in Erinnerung, welche Bilder kommen da bei Ihnen hoch.
Friedrich Nowottny: Da kommt eine Fülle von Bildern hoch. Wenn ich daran denke, dass Konrad Adenauer zu Grabe getragen wurde, kann ich nur sagen, alle haben ihn zu Grabe getragen über die Parteien hinweg. Sie haben schon von der Reise des Sarges auf dem Rhein gesprochen; das war ein unglaubliches eindrucksvolles Bild. Auf einem weißen Schiff der Marine wurde der Leichnam überführt. Es gab ein Pontifikalamt im Kölner Dom; auch das mit jener Feierlichkeit, die im Dom aufkommt und mit Konrad Adenauer natürlich in besonderem Maße. Es war die Versammlung aller Staatsmänner der westlichen Welt am Ufer des Rheins, im Bundestag, am Bundestag. Das waren eindrucksvolle Bilder.
Abschied von Konrad Adenauer: Am 25.04.1967 wird der Sarg des ehemaligen Bundeskanzlers aus dem Kölner Dom getragen.
Feierlicher Abschied von Konrad Adenauer am 25. April 1967 im Kölner Dom. (picture alliance / Roland Witschel)
Tausende nahmen am Rhein Abschied von Adenauer
Heckmann: Und die Bevölkerung? Wie hat die reagiert?
Nowottny: Tausende von Menschen standen an den Ufern des Rheins - es war ein sonniger Tag, als das Schiff vorbeifuhr mit dem Sarg – und haben stumm Abschied genommen von Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler der Bundesrepublik, einem großen, auch europäisch bedeutenden Staatsmann.
Heckmann: Eine würdige Veranstaltung, sagten Sie gerade. Auch bei Kohl wird jetzt darüber nachgedacht. Einen Staatsakt der Bundesrepublik selbst aber wird es nicht geben. Das war wohl der ausdrückliche Wunsch Kohls. Und das ist ja, wenn ich das richtig sehe, wirklich einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Ist das dennoch kein Grund zur Aufregung, oder ist das ein Zeichen für das zerrüttete Verhältnis zwischen Kohl und Teilen der politischen Elite, die ihm nachfolgten?
Nowottny: Es kann ein Zeichen sein. Es kann auch ein Zeichen dafür sein, dass die Familie, die ja am Ende darüber bestimmt, was passieren soll, beschlossen hat, das so zu machen, wie es jetzt allgemein veröffentlicht wird. Es kann natürlich auch trotzdem ein Staatsakt stattfinden, aber wenn die Familie den auch nicht will – denken Sie an Richard von Weizsäcker; Richard von Weizsäcker hatte kein Staatsbegräbnis, aber es gab trotzdem einen Trauerstaatsakt für ihn. Und der letzte, glaube ich, der ein Staatsbegräbnis hatte, war Roman Herzog und Genscher, soweit ich das in Erinnerung habe und soweit ich das übersehen kann.
Familie Kohl lehnt nationalen Staatsakt ab
Heckmann: Hat Sie das überrascht, Herr Nowottny, als Sie das gehört haben, dass Kohl beziehungsweise seine Familie bewusst einen nationalen Staatsakt ausschließt?
Nowottny: Nein, das überrascht mich nicht, zumal man weiß, dass die Beziehung zwischen der Familie Kohl, Kohl selbst und den jeweils amtierenden Bundesregierungen seit dem Ausscheiden aus dem Amt und diesen Folgejahren, die sehr unerfreuliche Dinge mit sich brachten, als nicht sehr geordnet bezeichnet werden kann.
Heckmann: Die "Bild"-Zeitung, die zitiert einen Kohl-Vertrauten wörtlich, und zwar zitiere ich diesen Vertrauten Kohls: "Bei seiner Entscheidung gegen einen deutschen Staatsakt habe eine Rolle gespielt, wie die rot-grüne Nachfolgeregierung unter Gerhard Schröder mit ihm umgegangen sei." Die Regierung Schröder hatte Kohl ja vorgeworfen, im großen Umfang Daten und Akten vernichtet zu haben. Das Ganze ging unter dem Schlagwort "Bundeslöschtage" ja in die Geschichte ein. Das Ganze verlief allerdings im Sande. Der jetzige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war damals Kanzleramtsminister unter Schröder und hatte einen Sonderermittler in der Sache bestellt. Können Sie sich vorstellen, dass diese Vorgänge eine Rolle gespielt haben?
Nowottny: Ich kann mir vorstellen, dass all die Vorgänge, die Sie aufgelistet haben, eine Rolle gespielt haben. Helmut Kohl war einer, der ein Elefantengedächtnis hatte, und dieses Elefantengedächtnis hat wohl ganz gut funktioniert bis auf die letzten Jahre, in denen er in einem nicht gerade strahlenden Zustand war, wie man weiß. Er war nach seinem schweren Sturz auch schwer gezeichnet. Aber seine Familie, die sich ja als Sachwalter von Helmut Kohls Interessen geriert, und unterstützt von der "Bild-Zeitung, versucht nun alles zu tun, um einen möglichst strahlenden Abschied für Helmut Kohl zu sichern, ohne dass die Bedeutung der Bundesrepublik Deutschland, für die er so viel getan hat – und das ist ohne Zweifel –, ihr Gewicht noch einmal voll zum Tragen bringen kann – eine merkwürdige Situation.
Heckmann: Eine merkwürdige Situation. Merkwürdig war auch und bemerkenswert, dass Kohl ja bis zum Schluss die Namen seiner anonymen Spender nicht genannt hat. Das ist ein klarer und fortgesetzter Verstoß gegen das Parteiengesetz gewesen und war ja auch Anlass für Angela Merkel, ihn damals vom Sockel zu stoßen. Und Kohl, der hegte bis zum Schluss einigen Groll gegen seine Nachfolger, zurecht eigentlich aus ihrer Sicht. Ist er ungerecht behandelt worden?
Parteispendenaffäre: "Fragen wurden nicht juristisch geklärt"
Nowottny: Das kann ich nicht beurteilen. Das ist eine Frage, die juristisch zu klären ist. Man hat sich ja nicht die Mühe gemacht, das zu tun, soweit ich mich erinnere. Diese Angelegenheit jedenfalls ist nie als erledigt bezeichnet worden. Man kann nur sagen, sie sei im Ablauf der Jahre als erledigt in die Geschichte eingegangen, aber nie aus dem Geschichtsbuch gelöscht worden. Das ist ohne Frage so und es ist traurig genug, dass man jetzt sich der Sache immer wieder noch erinnert. Es gibt unzählige Menschen, die ihre Geldgeber und diejenigen, die ihnen geholfen haben, Geld zu verschleiern, verschweigen, ohne dass es ihnen bis an das Ende ihrer Tage nachgetragen wird, sondern die gehen großartig als freie Menschen auch in Fußballstadien zu bewundern durch die Welt.
Heckmann: Das heißt, da wird mit zweierlei Maß gemessen?
Nowottny: Ich habe den Eindruck.
Heckmann: Wie haben Sie Helmut Kohl selbst erlebt?
Nowottny: Als einen Mann, der immer wusste, was er wollte, der keine Schwäche gezeigt hat. Wo das möglich war, überspielte er die leichten Rückschläge, die er hinzunehmen hatte, auf seine besondere Weise. Er war schon durch seine Statur ein Mann, an dem man nicht so leicht vorbei kam und der das wusste. Er war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, die eindrucksvollste der deutschen Politik der letzten 50 Jahre jedenfalls.
Kohls Verhältnis zu Journalisten: von Geringschätzung geprägt
Heckmann: Und wie hat er sich Ihnen gegenüber als Journalist verhalten?
Nowottny: Er hatte ein merkwürdiges Verhältnis zu Journalisten. Es war geprägt von einer ungewöhnlichen Art von Geringschätzung, die er damit kompensierte, dass er ein Verhältnis herstellte zwischen Journalisten und der Regierungsmacht, auf dem beide spazieren gehen konnte – eine sehr merkwürdige Situation.
Heckmann: Und wie sind Sie damit umgegangen?
Nowottny: Gelassen.
Heckmann: … sagt Friedrich Nowottny, ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks, zur Diskussion um die Frage, wie in Zukunft Helmut Kohls gedacht werden soll. Herr Nowottny, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Nowottny: Ich danke Ihnen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.