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StartseiteKulturfragen"Wenn wir Identität leben, verändern wir sie"21.07.2019

Diversität und Migration"Wenn wir Identität leben, verändern wir sie"

Diversität heiße, viele Zugehörigkeiten zu haben und sie ständig zu wechseln. Das sei das Gegenteil vom starren Konzept der Identitären, sagte der Historiker Jan Plamper im Dlf. Historisch betrachtet sei Deutschland ein Land der Dazugekommenen.

Jan Plamper im Gespräch mit Michael Köhler

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Eine Illustration zeigt stilisierte Porträts unterschiedlicher Menschen. (imago images / Panthermedia / scusi)
Diversität gibt der Gesellschaft positive Impulse (imago images / Panthermedia / scusi)
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"Wir sind gerade in einem Moment, wo von rechter Seite gesagt wird, Identitätspolitik und das Einfordern von Diversität bedeutet die Diskriminierung von weißen Männern, der sogenannten Mehrheitsgesellschaft. Lange war es aber nur die Einforderung desselben, was die Mehrheitsgesellschaft bekam, für Minderheiten." Der Begriff Diversität komme aus der anglo-amerikanischen Diskussion und bedeutete das Einfordern der Bürgerrechte für alle, auch für Minderheiten. Es gehe dabei wesentlich um Teilhabe und Anerkennung, erklärte der Historiker Jan Plamper, der am Londoner Goldsmith College lehrt.

Wir leben Mehrfachzugehörigkeiten

Nach dem Zweiten Weltkriege kamen über zwölf Millionen vertriebene Deutsche aus den Ostgebieten. "Die wurden als radikal anders wahrgenommen", so Plamper, "die Rassismen aus der NS-Zeit wurden für sie verwandt." Die Aufgabe bestand damals darin, Partikularismus und Universalismus auszutarieren: "Du gehörst zur deutschen Staatsbürgernation und pflegst deine Tradition und Herkunft aus Schlesien. Das nannte man Brauchtumspflege."

Für dieses vergleichsweise moderne Konzept wurde in den USA gern das Bild der Salatschüssel benutzt. Die bunten Salatblätter sind die unterschiedlichen Menschen und die Schüssel ist die Nation, die sie aufnimmt.

Auch heute sei das die kritischste Frage, so Plamper: "Wie schaffen wir es, eine Vorstellung von unserer Staatsbürgernation Bundesrepublik Deutschland zu entwickeln, in der die Differenz, auch die Herkunft aus verschiedenen Kulturen, gut zusammengeht mit dieser bedingungslosen Zughörigkeit zu der Staatsbürgernation." Die Vertriebenen damals wären dann eine von vielen Partikularismen, die wir eigentlich immer lebten. "Wir, Sie und ich, wir switchen innerhalb eines Tages hunderte Male hin und her zwischen verschiedenen Identitäten, ohne übrigens Konflikte zu haben." Das sei der Zustand der vielen Zugehörigkeiten, der "Super-Diversity", der Hypervielfalt. "Das ist ein performatives Konzept, das mir gefällt. Jedes Mal, wenn wir Identität leben, verändern wir sie dadurch, wie wir sie leben," so der Historiker. Es gehe nicht um Körpergröße oder Hauptfarbe, um etwas, das man nicht ablegen kann. Das performative Identitätskonzept sei das Gegenteil vom starren Konzept der Identitären.

Diversität trainieren, Demut wagen

Auf die Frage, ob sich Diversität einüben, trainieren lasse, antwortete Jan Plamper: "Ja, selbstverständlich!" An seiner Universität, dem Goldsmith College in London, hätten sie einen Studiengang für queere Geschichte eingerichtet. Ein mögliches Berufsfeld sei Diversity Management. Auf die weitergehende Frage, ob unsere Gesellschaft darauf schon vorbereitet sei, antwortet Jan Plamper: "Nein, sind wir nicht. Leute wie Sie und ich, wir haben schon in einer Blase gelebt. Für viele Leute ist es gar nicht möglich, postnational zu sein. Das ist ein Elitendiskurs für Leute, die sich erlauben können, global zu leben." Nation begreift Plamper deshalb auch als eine wichtige Identitätsressource, die man nicht den Rechten überlassen dürfe oder jenen, die das als ethno-national definieren, wie Putins Russland oder Erdogans Türkei.

Der Autor des Buches "Das neue Wir. Warum Migration dazugehört. Eine andere Geschichte der Deutschen" erinnerte daran, wie viel die Menschen, gerade auch die Deutschen in historischer Langzeitperspektive, gewandert seien. Und wie ähnlich die Diskriminierungserfahrungen waren, die sie gemacht haben. Der Zustand der Sesshaftigkeit könne durchaus auch enden, so Plamper. "Ein bisschen mehr Demut wäre schon gut."

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