Birgit Wentzien ist Chefredakteurin des Deutschlandfunks.
Thilo Kößler ist Leiter der Abteilung "Hintergrund" im Deutschlandfunk.
Thilo Kößler ist Leiter der Abteilung "Hintergrund" im Deutschlandfunk.
Thilo Kößler: Birgit Wentzien, "1914/2014" heißt ein Projekt, ein internationales Symposium, das der Deutschlandfunk am 5. April veranstaltet, Untertitel "Ein europäisches Jahrhundert". Eingebettet ist dieses Symposium in eine Vielzahl von Sendungen, von Sendereihen, und damit ist entstanden ein ausgeprägter Programmschwerpunkt. Warum guckt der Deutschlandfunk so auf diesen Jahrestag?
Birgit Wentzien: Weil 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg eigentlich niemand sicher sein kann, ob die richtigen Lehren aus dieser Katastrophe gezogen wurden. Die wechselseitigen Abhängigkeiten heute machen einen Krieg weniger wahrscheinlich, aber sie machen nicht immun gegen einen Krieg. Und wir wollen an diesem 5. April in den Sendungen des Deutschlandfunks an den Ersten Weltkrieg erinnern, und wir schalten zum Symposium, das wir veranstalten bei uns im Haus, mit europäischen Historikern, mit Politologen und jungen Wissenschaftlern. Auf drei Podien geht es um die Folgen des Krieges, um nationale und europäische Erinnerungen, um alte und neue Kriege und um Kriegsbegeisterung und Pazifismus. Alles, sagen wir mal, eigentlich längst vergangen und aktuell eigentlich wie nie.
Kößler: Der Erste Weltkrieg ist wissenschaftlich dokumentiert, aufgearbeitet – allein im angelsächsischen Raum gibt es 25.000 Publikationen. Was ist denn eigentlich noch an neuen Erkenntnissen und Aspekten zu erwarten in so einem Symposium? Was erwarten Sie sich von diesem europäischen Gedankenaustausch?
Wentzien: Ich ganz persönlich muss immer an einen Satz denken, den mir ein Historiker in Berlin, der Initiator und Einrichter der Wannsee-Konferenz, mal gesagt hat. Der sagte, Frau Wentzien, wenn man sich und wie man sich erinnert, sagt eigentlich mehr über diejenigen aus, die sich erinnern, als über die Zeit, an die erinnert wird. Darum geht es, und das zu erreichen, das wäre schön, in diesen Tagen hier in Köln. Denn so betrachtet wird in diesem Jahr der Erste Weltkrieg, meine ich, nach einem Jahrhundert von uns Deutschen erst so richtig entdeckt. Und das in einer Zeit neuer Ungewissheiten, neuer Herausforderungen. Meine Erwartung ist, dass wir begreifen, untereinander besprechen, dass Erinnerung ja nicht nur ein nationalgeschichtliches Ereignis ist. Wir sollten uns nicht nur der positiven europäischen Grundlagen vergewissern – die sind da, beileibe –, sondern vielleicht auch der Gefährdung dieser Grundlagen, sollten auch geteilte Geschichte in ihren Unterschieden wahrnehmen und besprechen. Und es geht um Lücken, und die sehen wir ja all überall. Um uns herum, aber auch ein wenig im eigenen Land. Um Lücken, in die sich Anti-Europäer hineinbegeben und kräftig Stimmen machen, und das in einem Europawahljahr. Also eigentlich sind wir aktuell wie nie.
Kößler: Das Symposium ist eingebettet in das internationale Werkstattfestival "Forum neuer Musik", das dieses Jahr den Titel trägt, "1914/2014, die wilden Jungen". Das ist eine Verschränkung von Kultur und Politik im Deutschlandfunk – und beabsichtigt was?
Wentzien: Das "Forum neuer Musik" ist zum 15. Mal in Folge in diesem Jahr Gastgeber für Musik, für Austausch und für Kultur. Und Frank Kämpfer, der Organisator dieses Forums und der Kulturchef des Hauses, Dr. Matthias Sträßner, haben dieses Jahr uns von der Politik quasi dazugebeten zum Tanz, und der Programmdirektor, Andreas Weber, hat dem Tanz, dem präsentierten, geplanten Duett zugestimmt und grünes Licht gegeben. Das heißt also, wir wollen eine Koproduktion wagen an dieser Stelle, in diesem Haus, im Atrium. Wir wollen am 5. April so politisch und so europäisch und so perspektivisch sein wie möglich. Wir haben Lyriker zu Gast, junge Lyriker von unserer Reihe "Lyrics". Wir haben die Premiere zu vergegenwärtigen, das allererste Mal in Deutschland präsentiert sich das Haus der europäischen Geschichte aus Brüssel. Und wir haben dann noch eine kleine Ausstellung zu Gast, die auch etwas für die Augen bieten sollen hier im Hörfunkhaus am Raderberggürtel, und unser Wunsch ist, dass wir zusammen denken, zusammen streiten und zusammen sprechen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft, so wie es sich für den Deutschlandfunk gehört.
Kößler: Danke, Birgit Wentzien.
100 Jahre Erster Weltkrieg
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