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StartseiteCampus & Karriere"Was wir hier machen, könnte Modellcharakter haben"15.06.2016

Doktortitel an der FH "Was wir hier machen, könnte Modellcharakter haben"

Bislang haben Studierende an Fachhochschulen nur eingeschränkte Möglichkeiten, einen Doktortitel zu erwerben. Ein neues Graduierteninstitut möchte das zumindest für Nordrhein-Westfalen ändern. Dessen Vorsitzender Professor Martin Sternberg sagte im Deutschlandfunk: "Da, wo hervorragend geforscht wird, sind junge Leute tätig, und diesen jungen Leuten muss man auch die Perspektive einer Promotion bieten können."

Martin Sternberg im Gespräch mit Kate Maleike

Ein Mikroskop (picture alliance / dpa - Martin Schutt)
Auch die bereits etablierten Forscher an Fachhochschulen müssten die Möglichkeit erhalten, Doktoranden zu betreuen, meint Martin Sternberg. (picture alliance / dpa - Martin Schutt)
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Kate Maleike: Dass bei einer Promotion Zusammenarbeit gefordert ist, nämlich zwischen Doktorand oder Doktorandin und Doktorvater oder Doktormutter, das ist nichts Neues. So funktioniert schließlich traditionell die Promotion. Dass sie aber in einer Kooperation, in einer strukturierten Kooperation zwischen Universität und Fachhochschule nun passieren soll, das ist wirklich was Neues. Das Ganze soll heute gestartet werden am Graduierteninstitut Nordrhein-Westfalen, das seinen Sitz in Bochum hat, und Professor Martin Sternberg ist der Vorsitzende des Instituts. Guten Tag, Herr Sternberg!

Martin Sternberg: Guten Tag, Frau Maleike!

Maleike: Was ist denn genau das Neue an diesem Institut?

Sternberg: Das Neue ist, dass die Fachhochschule, die Lehrenden, die Forschenden vor allem an den Fachhochschulen über eine Institution an dem Promotionsgeschehen beteiligt werden. Wir haben ja das Privileg der Promotion an den Universitäten. Es hat auch bisher schon kooperative Promotionen gegeben. Das waren aber alles Einzelfälle. Da kannte man sich dann wissenschaftlich oder war persönlich befreundet, und dann hat das schon mal geklappt. Das soll jetzt mit dem Graduierteninstitut NRW auf eine ganz neue Basis gestellt werden. Hier soll es wirklich um die Qualifikation gehen. Das heißt, die wirklich hervorragenden Forschenden an den Fachhochschulen, die in der anwendungsorientierten Forschung wirklich nachweislich große Leistung erbringen, die sollen problemlos die Möglichkeit erhalten, auch Doktorandinnen, Doktoranden zu betreuen, gemeinsam mit den Universitäten.

Maleike: Und wie funktioniert das dann praktisch?

Sternberg: Praktisch organisieren wir uns in Fachgruppen. Das sind interdisziplinär aufgestellte Gruppen, in denen über ganz Nordrhein-Westfalen von den Fachhochschulen die Forschenden zusammenarbeiten in ihren Gebieten und auch Universitätskolleginnen und Kollegen mit beteiligen an dieser Zusammenarbeit. Hier entsteht also ein ganz dichtes wissenschaftliches Umfeld, und in diesem Umfeld werden Doktorandinnen und Doktoranden betreut, und die Akzeptanz ist durch die Universitäten dann gegeben. Das ist natürlich unsere Erwartung, dass in diesem Kreis die Kolleginnen und Kollegen von Fachhochschulen als gleichwertige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anerkannt werden und es daher auch in dem Promotionsverfahren zu keinen Problemen kommt, wie sie nicht im Promotionsgeschehen normal sind.

Maleike: Sie haben das vorhin schon angedeutet, das Privileg der Universitäten. Bislang dürfen hauptsächlich die Universitäten promovieren, und die Fachhochschulen waren so ein bisschen am Katzentisch. Das wollen Sie jetzt verändern. Das heißt, das Institut ist im Grunde ein Verbund von allen, wo auch Universitäten drin sind, die sich dann gemeinsam verständigt haben, dass sie Fachhochschulabsolventen die Promotion ermöglichen ohne Probleme und ohne großes Klinkenputzen?

Sternberg: Ja, so kann man es sagen, wobei es nicht so sehr darum geht, den Fachhochschulabsolventinnen und Absolventen das zu ermöglichen – natürlich auch –, sondern es geht darum, dass diese auch ihre Forschungsarbeiten, also die Doktorandinnen und Doktoranden, an Fachhochschulen, in Forschungsinstituten der Fachhochschulen machen und auch von Professorinnen und Professoren der Fachhochschulen betreut werden. Das macht für uns das Wesen der kooperativen Promotion aus.

"Es geht uns nicht darum, mehr Promotionen zu ermöglichen"

Maleike: Die Promotion hat ein bisschen gelitten in den letzten Jahren in Deutschland durch die vielen Plagiatsfälle, die wir hatten. Es gibt auch immer wieder die Klage, dass wir eigentlich zu viele Doktoranden haben, weil die Beschäftigungsmöglichkeiten zum Beispiel an den Hochschulen eher mau sind. Wollen Sie, dass jetzt auch Fachhochschulabsolventen mehr promovieren, als das bislang der Fall ist?

Sternberg: Also es geht ganz klar nicht um die Quantität. Es geht uns nicht darum, mehr Promotionen zu ermöglichen. Es geht tatsächlich um die Qualität. Da, wo hervorragend geforscht wird, sind junge Leute tätig, und diesen jungen Leuten muss man auch die Perspektive einer Promotion bieten können. In den Gebieten, um die es hier geht, die anwendungsorientierte Forschung, in diesen Gebieten ist auch tatsächlich ein gesellschaftlicher Bedarf da. Das heißt, wir sind davon überzeugt, dass diese jungen Leute, die dann also mit einem Doktorgrad abschließen, nicht nur in eine wissenschaftliche Karriere gehen können, sondern dass die auch sehr wohl in Unternehmen und Organisationen mit besonders anspruchsvollen Aufgaben betreut werden können. Das sind ja die meisten Promovierten. Die allerwenigsten gehen heute in die reine Wissenschaft. Mit unserer Anwendung, mit unserem anwendungsorientierten Ansatz glauben wir, dass die Promovierten tatsächlich auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebes ganz hervorragende Berufschancen haben.

Maleike: Wollen Sie damit auch zeigen, dass die Forschungsleistung der Fachhochschulen gestiegen ist?

Sternberg: Ich würde es mal so sagen: Die Forschungsleistung ist gestiegen, das kann man nachweisen. Da gibt es Parameter, da gibt es Drittmittel, Publikationen und so weiter, und dies ist eine natürliche Folge. Wenn man forscht, dann braucht man auch Leute, die das machen, und diese jungen Leute wollen auch eine Perspektive haben, und die Perspektive ist im wissenschaftlichen Bereich die Promotion. Also das hängt alles miteinander zusammen. Die gestiegene Forschungsleistung und auch jetzt die stärkere Beteiligung an dem Promotionsgeschehen durch das Graduierteninstitut NRW.

Maleike: Das Land Nordrhein-Westfalen ist mit diesem Institut quasi bundesweit Vorreiter bei dieser Art der Promotionsmöglichkeit, und in der Pressemitteilung dazu heißt es, "es könnte ein Modell für andere werden". Glauben Sie das auch?

Sternberg: Es ist ein guter Ansatz. Es gibt ja auch andere Ansätze: Es gibt in Baden-Württemberg einen Ansatz, in Bayern einen Ansatz, in Hessen gibt es noch mal einen etwas anderen Ansatz. Ich glaube, was wir hier machen, könnte Modellcharakter haben. Das hängt ganz wesentlich davon ab, wie jetzt wirklich alle mitspielen, ob die wirklich guten Forschenden der Fachhochschulen hier mitziehen, und vor allem aber auch auf die Universitäten, die Intention auch des Paragrafen 67 a Hochschulgesetz zu erkennen und tatsächlich diese Kooperation auf Augenhöhe ermöglichen. Also wenn das alles der Fall ist, dann muss ich sagen, kann das durchaus Modellcharakter haben, ja.

Maleike: Professor Martin Sternberg war das, er ist der Vorsitzende des neuen Graduierteninstitutes NRW, das heute offiziell an den Start geht. Viel Erfolg für diese Arbeit!

Sternberg: Danke sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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