Sonntag, 15.09.2019
 
Seit 20:05 Uhr Freistil
StartseiteCorsoDie Kunst der Manipulation09.09.2019

Doku über PropagandaDie Kunst der Manipulation

"Propaganda ist überall - und wir sind alle potenzielle Opfer", sagt der kanadische Filmemacher Larry Weinstein. In seinem Dokumentarfilm "Propaganda - Wie man Lügen verkauft" zeigt er in assoziativer Montage, dass auch Kunst immer Propaganda ist. Der Film ist Höhepunkt einer neuen Arte-Themenreihe.

Von Achim Hahn

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ausschnitt aus der Doku "Propaganda - Wie man Lügen verkauft": Militärparade in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea, bei der Soldatinnen im Gleichschritt marschieren (Arte/Getty Images)
Ausschnitt aus der Doku "Propaganda - Wie man Lügen verkauft": Militärparade in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea (Arte/Getty Images)
Mehr zum Thema

Kino und Propaganda "Wir reden hier von vermeintlich guter Propaganda"

Comic-Kultur in China Unterhaltung, Subversion und Propaganda

Ausstellung "Im Zweifel für den Zweifel" Die große Weltverschwörung

Dokumentarfilmer in der Türkei "Zensur ist gang und gäbe"

Internetphänomen "Mem-Kampagnen schaffen eine Subkultur"

Schon zu Beginn: eine unglaubliche Bilderflut. Streiflichter durch die Geschichte visueller Manipulationen. Durchbrochen von ersten programmatischen Interview-Statements:

Ausschnitt: "Es ist ein gezielter Angriff auf das Denken der Menschen." / "Sie ist unsichtbar. Sie unterwirft einen, ohne, dass man sich dessen bewusst wird."

Dann der erste Hinweis darauf, dass auch diese Dokumentation über die Kunst, Lügen zu verkaufen, Propaganda ist und natürlich manipuliert, indem zum Beispiel Aufnahmen offen wiederholt und so als inszeniert enttarnt werden.

Ausschnitt: "Können Sie nochmal zurückgehen? Wir müssen das nochmal drehen!"

Momente der Manipulation

In "Propaganda - Wie man Lügen verkauft" befasst sich der kanadische Dokumtarfilmer Larry Weinstein mit gezielt ausgewählten, beispielhaften Momenten der Manipulation: von der religiösen Kunst bis zur aktuellen Street-Art, von der nationalsozialistischen und sowjetischen Film- und Plakatpropaganda bis zur rechtslastigen Provokation eines überzeugten Trump-Fans. Er besucht den Erfinder des Begriffs "fake news" ebenso wie Ai Wei Wei oder Jim Fitzpatrick, den Schöpfer des ikonenhaften 68er-Plakats von Che Guevara.

Jim Fitzpatrick: "Als ich das Che-Guevara-Bild entwarf, wollte ich es bewusst als Propaganda einsetzen. Ich wollte es so einfach wie möglich gestalten, damit jeder es kopieren konnte. Ich druckte Flugblätter und Poster und verteilte sie an alle. Ich verlangte kein Geld dafür. Ich verfügte mit großer Geste, dass es ohne Copyright für alle linksrevolutionären Zwecke verwendet werden dürfe."

Larry Weinstein geht sogar zurück bis in die Steinzeit - die Manipulation von Menschen lässt sich nämlich bereits in den ersten Höhlenmalereien nachweisen. Denn:

Adam Philips: "Propaganda nutzt aus, dass der Mensch an etwas glauben möchte."

Weinsteins Dokumentation ist eine assoziativ gelenkte Geschichte über die Instrumentalisierung von Bildern im Laufe der Jahrhunderte.

Larry Weinstein: "Ich wollte zwar einen chronologischen Faden, aber ich wollte es auch wieder verwischen, so wie es die Impressionisten auf der Leinwand machten. Ich wollte nicht, dass man genau weiß, wohin wir jetzt gehen oder wen wir treffen oder was das Thema sein wird, in welchem ​​Jahrhundert wir sein werden. Ich will den Zuschauer ein wenig desorientieren. Fast so, wie gute Propaganda Menschen fängt. Es sollte nicht zu offensichtlich werden. Ich wollte das Gefühl vermitteln, Propaganda ist überall und die Leute verwirren, ob Propaganda böse oder gut ist."

Kunst ist Propaganda

Und über allem schwebt George Orwells Vision von 1984, der gesagt hat:

Larry Weinstein: "All art is propaganda!"

Alle Kunst sei Propaganda. Die obendrein meist mit den modernsten ästhetischen und digitalen Mitteln arbeitet, wie zum Beispiel der IS zeigte.

Larry Weinstein: "Propaganda durch Kunst haben wir in den Mittelpunkt gestellt, weil es in der Kunst sehr viel um Emotionen geht, und wir so sehr davon beeinflusst werden; und Propaganda zielt eben eher auf emotionale als auf rationale Gedanken ab. Daher denke ich, dass es sehr zentral ist. Kunst besiegelt sozusagen die politische Botschaft, und im Rückblick erinnert man sich auch mehr an Kunstwerke. Ich denke, wir können die Funktion der Kunst in all dem nicht überschätzen."

Und so setzt auch Larry Weinstein in seiner Dokumentation weniger auf Analyse als auf emotionale Erkenntnisse, auf eine künstlerische Montage, die wie ein Bewußtseinsstrom auf die Zuschauer wirkt.

Larry Weinstein: "Und es gibt sicher manchmal das Gefühl, dass er nicht strukturiert ist oder dass er etwas diffus ist. Aber ich hoffe, die Zuschauer erkennen, dass Propaganda überall ist und, dass wir alle potenzielle Opfer davon sind."

Ausschnitt: "Dieser Film will Warnruf in einer schwierigen Zeit sein!"

Keine klaren Antworten

Aber die Dokumentation gibt keine klaren Antworten. Sie vermittelt ein Gefühl allgegenwärtiger Manipulation. Ein sehenswerter, bildmächtiger Streifzug über die Macht der Bilder ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn:

Auschnitt: "Heute werden wir mit Bildern und Nachrichten bombardiert wie nie zuvor. Sie brüllen uns aus unseren Computern und Mobiltelefonen an, als wäre die düstere Vision George Orwells alltägliche Wirklichkeit geworden. Wie können wir uns also gegen den Irrsinn von Politikern, religiösen Führern, von Demagogen zur Wehr setzen?"

Larry Weinstein: "Es ist sehr schwierig, Propaganda zu widerstehen. Wir müssen die Dinge ironisch betrachten. Wir müssen die Dinge gewissenhaft betrachten. Wir müssen uns Dingen widersetzen, die eindeutig mit Hass zu tun haben. Es geht nicht um die Frage, ob es Propaganda ist oder was Propaganda ist. Die Frage ist eher, welche Absicht steckt dahinter? Was ist der Sinn dieser Propaganda? Und ist sie böswillig? Ist sie homophob, fremdenfeindlich oder rassistisch? Spaltet es uns als Menschen? Und dann ist es unsere Aufgabe, das abzulehnen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk