Dienstag, 27. September 2022

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Dokumentarfilm "Im Keller"
Sexueller und politischer Extremismus

Ein österreichischer Film mit dem Titel "Im Keller" weckt bestimmte Erwartungen. Zumal der Regisseur Ulrich Seidl heißt, dessen Arbeitsprinzip das Überschreiten von Schmerzgrenzen ist. "Im Keller" ist ein radikaler Film, der die Banalität des Bizarren zeigt - in den Kellern von Seidls Landleuten.

Von Christoph Schmitz | 29.11.2014

    Das ist Manfred Ellinger aus Niederösterreich. Man versteht ihn nur schwer bei seiner endlosen Aufzählung von Wildtieren, die er rund um den Globus abgeschossen hat. Weil Herr Ellinger in einem Raum steht, an dessen Wänden die Köpfe der erlegten Exemplare als Jagdtrophäen dicht an dicht hängen, kapieren wir nach und nach, was er da sagt. Und zum Schluss ergänzt er noch, dass seine Frau ihm aus dem Fleisch einigen Tiere Schnitzel nach Wiener Art zubereitet hat. Einen kauzigeren Großwildjäger hat man noch nicht erlebt.
    Kellerbewohner sind wohl inszeniert
    Biederer geht es auch nicht, was die Blicke der erstarrten Bestien noch unterstreichen. Dem österreichischen Filmregisseur Ulrich Seidl folgen wir in die Hobbyräume, vor allem in die Keller seiner Landsleute. Die Begegnungen sind alles andere als spontan mitgefilmt, als wäre beim Besuch zufällig und überraschend eine Kamera dabei gewesen. Die Selbstdarstellungen des Großwildjägers und all der anderen Kellerbewohner, die uns Seidl anbietet, sind wohlinszeniert.
    Perfekte Tableaux, gleichmäßig und schattenlos ausgeleuchtet, frei von kommentierenden Stimmen aus dem Off - die Leute aus dem Volk allein kommen an Ort und Stelle ihrer Sammlungen und ihrer privaten Vorlieben zu Wort. Sie sprechen meist direkt ins unbewegliche Auge der Kamera. So auch Alfreda Klebinger. Wir begleiten die Frau im Morgenmantel in mehreren Schnitten ein steriles Treppenhaus in ihren Kellerraum hinunter. Aus einem der vollgestopften Regale zieht sie eine Pappkiste heraus und öffnet den Deckel.
    Babykeller gibt Rätsel auf
    Die Frau hebt mit beiden Händen wie eine liebende Mutter ein Neugeborenes aus der Kiste. Vorsichtig, als sei das Kind gerade erst aufgewacht, drückt sie es an sich. Im ersten Moment glaubt man tatsächlich, das Baby lebt, weil die Nachbildung so naturgetreu ist. Noch weitere Male wird Frau Klebinger während des Films in ihren Babykeller gehen und immer wieder andere Puppen an ihr Herz drücken.
    Was das soll, warum sie das tut, was dahinter steckt, erfahren wir nicht. Ulrich Seidl enthält sich jeglicher psychologischer Deutung und auch jeder moralischen Bewertung. Er bildet mit kaltem Blick einfach nur ab. Auch wenn es politisch wird, wie beim Burgenländer Josef Ochs. Herr Ochs scheint in seinen Kellerräumen zu leben zwischen Wehrmachtsuniformen samt Hakenkreuzbinde, König-Ludwig-Bildnis und Hitler-Porträt.
    Unausgesprochene Dauergefahr
    Das schönste Hochzeitsgeschenk war also das Führergemälde, das Herr Ochs in einer der späteren Szenen mit einem Staubwedel säubern wird. In seinem Stammtischkellerraum sieht man ihn noch mit seinen Männerfreunden in geselliger Runde. Dazu gehört auch ein Blasmusikständchen vor dem Garagentor. So skurril, so trübe das alles wirkt und so schrecklich normal - insofern kommentiert Seidl doch -, so wittert der Zuschauer eine unausgesprochene Dauergefahr.
    Als könnte sich die vermeintlich harmlose Spießerwelt jederzeit in etwas sehr Gefährliches verwandeln und etwas sehr Böses ausbrechen, wie ein Alien aus dem Ei. Dabei irritiert Seidls Collage bizarrer Alltagsgeschichten auch damit, dass er neben den politischen Sumpf extreme sexuelle Spielplätze setzt.
    "Ich bin eine Masochistin. Ich liebe Schmerzen jeder Art."
    Das Seil schnürt der nackten älteren Frau ins Fleisch, später wird sie sich mit einer Gerte schlagen lassen, bis ihr Gesäß rot aufleuchtet. Eine andere Frau wird ihren "Ehesklaven" mittels Schlinge an den Hoden hochziehen und ihn das Klo mit der Zunge ablecken lassen. Sexueller und politischer Extremismus im Milieu einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Ein gruseliges Kabinett. Wobei schwer auszumachen ist, ob der Extremismus die Mitte der Gesellschaft frisst oder die Mitte den Extremismus und damit unschädlich macht. Seidls radikaler Film "Im Keller" gibt keine Antworten. Er zeigt und bietet heftige Bilder, die Fragen provozieren.