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StartseiteCorso"Der Ton ist essenziell bei einem Film über Blindheit"18.01.2017

Dokumentation "Shot in the dark""Der Ton ist essenziell bei einem Film über Blindheit"

Der Dokumentarfilm "Shot in the dark" porträtiert die erblindeten US-amerikanischen Fotokünstler Sonia Soberats, Bruce Hall und Pete Eckert. Ihre Bilder seien für ihn wie eine Offenbarung gewesen, sagte der Regisseur Frank Amann im DLF. Doch auch die Tonperspektive sei bei seinem Film enorm wichtig gewesen, damit auch Blinde ihn genießen können.

Frank Amann im Corsogespräch mit Adalbert Siniawski

Der Regisseur Frank Amann, in ein Mikrofon sprechend, bei der Vernissage zu der Ausstellung "Shot in the dark" in Berlin (mit Sonia Soberats und Moderatorin Kate Brehme im Hintergrund) (Jürgen Keiper)
Regisseur Frank Amann zeigt in seinem Dokumentarfilm "Shot in the dark" die faszinierende Arbeit von drei blinden Fotografen. (Jürgen Keiper)
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Workshop Wie Blinde fotografieren

Adalbert Siniawski: Blinde spielen Fußball, Blinde – ja, das gibt es – fahren Auto, blinde und begnadete Sänger kommen zu Weltruhm, etwa Stevie Wonder oder Andrea Bocelli, und blinde Künstler gibt es auch unter den Fotografen. Auch diese Hürde wird von Sehbehinderten überwunden und zwar mit Eifer, Einfallsreichtum und Erfolg.

Der Dokumentarfilm "Shot in the dark" porträtiert die drei erblindeten US-amerikanischen Fotokünstler Sonia Soberats, Bruce Hall und Pete Eckert, wie sie arbeiten, wie sie leben. Darüber und wie es zu dieser Filmidee kam, möchte ich mit Regisseur Frank Amann sprechen. Herzlich Willkommen zum Corsogespräch!

Frank Amann: Ja, ich freue mich!

"Sie baut das Bild nach ihren Vorstellungen und gibt strenge Anweisungen"

Siniawski: Sonia Soberats hat zwei Kinder verloren und anschließend ihr Augenlicht. Was ihr geblieben ist, ist die Erinnerung an das Licht. Das setzt sie ein bei dem sogenannten Lightpainting. Das muss man jetzt kurz erklären. Da wird ein Raum komplett verdunkelt, eine Kamera mit Langzeitbelichtung aufgestellt, und mit verschiedenfarbigen Lichtquellen werden Bewegungen ausgeführt, die dann ein buntes Muster auf dem Foto ergeben. Wie bringt die blinde Sonia Soberats das zustande?

Amann: Ja, vielleicht muss man sagen, es geht nicht nur um Muster – also manche haben mich auch gefragt, sieht man da nur so Farbkleckse –, sondern es sind ja Szenen. Also bei Sonia Soberats – ich habe das mal genannt ein Theater des Lichts, was sie da veranstaltet –, bei Sonia Soberats, sie stellt sich vor ihrem geistigen Auge eine Szene vor, eine Situation, etwas, was sie in ihrer Fantasie hat, was sie sich erträumt oder an was sie sich erinnert, und das inszeniert sie dann vor der Kamera.

Also sie sucht sich ein Modell, sie sucht sich Kostüme, Requisiten, und sie arbeitet mit einem sehenden Assistenten, der die Kameratechnik macht und ihr dann auch die Kamera ausrichtet, aber sie baut dieses Bild nach ihren Vorstellungen und gibt da auch – das sieht man auch im Film sehr schön – ganz strenge Anweisungen. Also wenn die Assistenten nicht spuren, dann sorgt sie dafür, dass das so wird, wie sie sich das vorstellt.

Es ist eine Langzeitbelichtung. Die Kamera ist manchmal, zehn Minuten, fünfzehn Minuten belichtet sie ein Bild. Also nicht so, wie wir das kennen, klack, und das Bild ist da, sondern das Bild dauert zehn bis fünfzehn Minuten, und das beleuchtet sie dann so, wie sie sich das vorstellt. Sie ist vom Licht getrennt als Blinde, und mit ihren Lampen verfügt sie plötzlich wieder über das Licht.

Das heißt, wenn sie sich etwas hell vorstellt in dem Bild, dann beleuchtet sie das stärker oder länger oder in einem anderen Rhythmus. Wenn sie sich etwas dunkler vorstellt, dann beleuchtet sie das kürzer, und so entstehen diese Bilder. Es ist eigentlich eine Art eher Konzeptkunst, wenn man so möchte, viel mehr als eine dokumentarische Fotografie.

"Man sieht in dem Film sehr schön, wie er sich die Räume erobert"

Siniawski: Sie haben gesagt – und das sieht man auch wunderbar in dem Film – wie aufwendig und penibel diese Aufnahmen geplant werden. Sie kann die Resultate dann aber nicht abgleichen mit der ursprünglichen Idee. Wie kann sie dann sagen, so und so wollte ich es haben, ich bin zufrieden?

Amann: Na sie sagt – hat sie gestern Abend auch gesagt bei der Finissage zu unserer Ausstellung, wir haben ja hier auch die Fotos gezeigt von den drei Protagonisten hier in Berlin mit großem Erfolg –, sie hat gestern bei der Finissage gesagt, ich sehe meine Bilder auch mit Augen, aber mit den Augen von anderen. Sie lässt sich hinterher die Bilder beschreiben, und das sieht man auch in den Film: Wenn es dann nicht so geworden ist, wie sie sich das eben vorgestellt hat, dann macht sie es noch mal.

Siniawski: Ganz anders geht Pete Eckert vor: Er fotografiert ohne Assistenz und nach Gehör. Wie funktioniert das?

Amann: Pete Eckert arbeitet mit einer Mittelformatkamera, also richtig noch analog, und hat sein Objektiv mit Braillepunkten so markiert, dass er das fühlen kann, und wenn er die Blende einstellt, dann macht es eben klack, klack, und dann hört er, wie oft er gedreht hat, und er hat einen Belichtungsmesser, da hat er das Glas abgenommen, sodass er mit seinem Finger den Zeiger fühlen kann, und die Entfernung, um die Schärfe einzustellen, die schreitet er ab.

Man sieht auch in dem Film sehr schön, wie er sich die Räume erobert: Er schnipst zum Beispiel in einer Kirche, um über den Schall zu hören, wo die Wände sind. Im Wald, er macht Fotos im Wald, und tastet dann mit seinem Blindenstock die Bäume ab, und er arbeitet sehr stark mit Doppelbelichtung, mit Mehrfachbelichtung auch. Die Wirklichkeit ist da … Also man muss sich vorstellen, es gibt schon das, was Fotografie auch ausmacht, eine Anbindung zur Wirklichkeit, aber durch seine Doppelbelichtung, durch seine Langzeitbelichtung, bekommen die Bilder zugleich irgendwas "Geistiges" – in Anführungsstrichen –, also das, was er so vor seinem geistigen Auge eben sieht.

Er malt sich teilweise … Es gibt ein Bild mit einem Bahnübergang, wo er so wie ein Knochenmann aussieht – das ist das Schlussbild des Films –, und da ist er einfach zu einem Bahnübergang in der Nähe gegangen, hat diesen Bahnübergang fotografiert, dann hat er den Film zurückgespult, ist in sein Studio gegangen und hat sich selbst mit Taschenlampen so beleuchtet, als Doppelbelichtung auf diesen Bahnübergang, als ob er auf den Gleisen stehen würde.

"Es gibt viel mehr blinde Fotografen, als ich mir vorstellen konnte"

Siniawski: Fotografieren, ohne zu sehen, fotografieren nach Gehör – was haben Sie als Filmemacher gedacht, als Sie das gesehen haben? Ein neuer Weg, an Fotografie ranzugehen, Fotografie zu denken?

Amann: Na ja, es gab in der Konzeptphase dieses Films auch mal die Idee, dass ich Teile des Films mit verbundenen Augen drehe, das haben wir dann verworfen, einerseits, weil ich Angst davor hatte, dass das vielleicht nicht gelingt, andererseits, weil ich auch irgendwann verstanden habe, was das für eine Anmaßung wäre. Ich, der ich eigentlich sehe, verbinde mir die Augen und glaube dann, dieselben Fähigkeiten zu erwerben, die diese Menschen über viele, viele Jahre sich angeeignet haben, die sie blind leben und vor allen Dingen auch blind künstlerisch arbeiten.

Also das ist auch eine Sache, die ich beobachtet habe: Es gibt viel mehr blinde Fotografinnen und Fotografen weltweit mit sehr starken Ergebnissen, als ich mir das jemals vorher vorstellen konnte, aber es gibt auch eine beschränkte Zahl, und das hat damit zu tun, dass – und dafür möchte ich diese drei Künstlerinnen und Künstler auch feiern in dem Film –, dass sie mit einem unglaublichen Durchhaltevermögen und einer unglaublichen Konsequenz an ihren Bildern arbeiten und das über Jahre weiterentwickeln, obwohl der Weg ja für sie unendlich viel komplizierter ist als für einen sehenden Fotografen, aber ich glaube eben, dass die Qualität dieser Bilder, dass sie so anders sind, dass das auch damit zu tun hat, dass ihnen dieser direkte Weg tragischerweise versperrt ist und sie gezwungen sind, andere Wege zu finden, und ich finde, das spürt man in diesen Bildern.

"Für mich war das wie eine Offenbarung"

Siniawski: Was mir gefällt, gänzlich unamerikanisch, wenn man das so sagen kann, heroisieren Sie Ihre Protagonisten nicht, was naheläge, sondern betrachten Sie ruhig mit der Kamera und ohne Offkommentar. War die Gefahr einer klischeehaften Darstellung der Blinden für Sie ein Thema?

Amann: Ach, darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Es hat so begonnen, dass ich bei der Vorbereitung zu einem Spielfilm, Coming-of-age-Film über ein blindes Mädchen im Baskenland vor sechs Jahren mit einer baskischen Regisseurin, Maru Solores, dass wir uns gefragt haben, wie kann ich die Subjektive, dieses Mädchens, das da durch eine Schauspielerin dargestellt wird, zeigen.

Haben Blinde überhaupt Bilder, und dann bin ich auf eben eine Ausstellung gestoßen, "Sight unseen", mit 15 blinden Fotografinnen und Fotografen, die seit zehn Jahren durch die Welt tourt, veranstaltet vom California Museum of Photography, und da waren besonders vier Künstlerinnen und Künstler, deren Bilder mich völlig fasziniert und nicht mehr losgelassen haben, weil die so anders sind und ich mich gefragt habe, wieso mache ich eigentlich nicht solche Bilder – weil ich sehe, weil ich zu viel gesehen habe, weil ich zu abbildhaft oder zu realistisch denke, weil die Kamera für mich mehr ein Spiegel ist als ein kreatives Instrument? Das versuche ich natürlich, anders zu machen in meinen Filmen, aber alle Kameraleute suchen immer nach neuen Möglichkeiten, mit Bildern ihre Filme zu erzählen, und für mich war das wie eine Offenbarung.

"Die Bilder dieser drei Leute haben mich persönlich gepackt"

Siniawski: Warum haben Sie eigentlich US-amerikanische Protagonisten gewählt und keine deutschen zum Beispiel oder europäischen? Ich meine, wollten Sie da einen lukrativen englischsprachigen Markt für sich erschließen mit diesem Film, mit dieser Debütarbeit, Regiedebütarbeit?

Amann: Es war halt so, dass die Bilder dieser drei Leute mich persönlich gepackt haben, und ich möchte auch gerne sagen, das ist ein wirkliches Kinoerlebnis, glaube ich, den im Kino zu sehen, also einerseits von den Bildern her – also die Bilder der drei Künstlerinnen sind faszinierend –, und ich glaube auch, wie wir zu sehen bekommen, wie die das machen, aber auch der Ton.

Wir haben mit drei Tonperspektiven gearbeitet in der Nachbearbeitung. Jeder dieser Protagonisten hat eine eigene Tonperspektive, weil der Ton ja essenziell ist bei einem Film über Blindheit und weil ich auch immer wollte, dass die Protagonistin in diesem Film, meine blinden Protagonistinnen und Protagonisten den Film auch genießen können.

"Ich wollte gerne etwas durchbrechen"

Siniawski: Ohne große Worte versetzen Sie den nichtblinden Zuschauer ein bisschen auch in diese Situation des Blinden und Suchenden, etwa, wenn das Bild schwarz bleibt und man nur Geräusche hört oder wenn in der Schwärze immer wieder verschwommene, verfremdete Gesichter und Figuren aufflackern, aber letztlich kann man die Sinneswahrnehmungen der Protagonisten mit den filmischen Werkzeugen ja nicht adäquat abbilden, oder?

Amann: Nein, also das wollte ich eigentlich auch immer vermeiden, weil ich weiß das ja nicht. Ich kann ja in ihren Kopf nicht schauen. Also Pete Eckert sagt immer, die Originale habe ich in meinem Kopf, und meine Fotos, die ihr in der Ausstellung seht, sind nur Kopien meiner Originale, und diese Originale, die kenne ich eben auch nur als Kopie, und das wollte ich mir auch nicht anmaßen.

Zugleich wollte ich aber gerne doch etwas durchbrechen. Als ich diese Bilder …, wenn ich mit Unschärfen gearbeitet habe, dann ist das für mich mehr eine Fragestellung. Also ich wollte gerne bei den Zuschauerinnen und Zuschauern diese Frage wecken: Was sehen die eigentlich vor ihrem geistigen Auge, in ihrer Vorstellungskraft, in ihrer Fantasie. Ich wollte spürbar machen, es ist eben nicht das platte Abbild der Wirklichkeit, so, wie wir das sehen, wenn wir die Augen aufmachen.

Siniawski: Frank Amann, Regisseur des Dokumentarfilms "Shot in the Dark", der jetzt in den Kinos zu sehen ist, und Frank Amann ist mit seinen Protagonisten auf Kinotour, heute in Köln, morgen und am Freitag in Berlin, danach geht es nach Hamburg. Danke Ihnen für das Gespräch!

Amann: Ciao!

Siniawski: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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