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Doppelabend an Oper Halle Mozart im Chat und Zemlinsky bei Ikea

Liebe, Sex und Eifersucht: Die Oper Halle bringt Mozarts „Bastien und Bastienne“ und Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ in einem Abend auf die Bühne. Beide Einakter spielen in modernen Szenarien: einem Chatroom und einem Ikea-Schlafzimmer. Eine intelligente und musikalisch hervorragende Produktion.

Von Elisabeth Richter | 26.11.2018

Szene aus Bastien und Bastienne an der Oper Halle
Die Oper Halle bringt gerade Mozarts „Bastien und Bastienne“ und Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ in einem musikalischen Doppel auf die Bühne ( Falk Wenzel / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle)
"Beide Stücke beleuchten sich nicht nur musikalisch, sondern beleuchten vor allem Paarkonstellationen in verschiedenen Altersgruppen, könnte man sagen", sagt Regisseur Tobias Kratzer.
Paarkonstellationen werden in der Operngeschichte oft von einer dritten Person gestört. Vielleicht werden sie nirgends so konzentriert untersucht, wie in den beiden Einaktern "Bastien und Bastienne" von Mozart und "Eine florentinische Tragödie" von Zemlinsky. Beide stellen die Frage nach der Qualität des großen Wortes: Liebe!
Es gibt Gemeinsamkeiten, jedoch Unterschiede natürlich im Musikalisch-Stilistischen und von den Voraussetzungen her. Mozart war gerade einmal 12 Jahre alt, als er mit der Vertonung eines auf Rousseau basierenden Librettos begann, in dem das Naturideal des Philosophen allerdings parodiert wird. Zemlinsky verarbeitete eigene Erfahrungen und nutzte Oscar Wildes gleichnamiges Fragment als Vorlage.
Statusfrage spielt in beiden Stücken eine Rolle
Bastien und Bastienne sind füreinander bestimmt, wie ihre Namen suggerieren. Ein junger Schäfer schaut sich nach attraktiveren Damen aus der Stadt um, die verzweifelte Schäferin setzt auf die Zauberkünste des Dorfwahrsagers Colas. Dieser rät ihr zu Gleichgültigkeit, dem reuigen Bastien erzählt er jedoch, Bastienne habe einen anderen Verehrer. Er heizt die Eifersucht der beiden an, Bastien ist dem Selbstmord nahe, doch am Ende finden die beiden wieder zueinander.
In Zemlinskys "Florentinischer Tragödie" wird Bianca mit ihrem Geliebten Guido von ihrem Ehemann Simone in flagranti ertappt. Der Hausherr bleibt er seinem Konkurrenten gegenüber freundlich, lädt ihn gar zum Wein ein. Die Dreier-Unterhaltung steckt voller Provokationen und eskaliert letztlich doch im Duell der beiden Männer. Guido stirbt, und Bianca ist fasziniert von der Stärke ihres Mannes, dieser bewundert ihre Schönheit.
Regisseur Tobias Kratzer sieht bei Mozart und bei Zemlinsky in den Konstellationen auch gesellschaftliche Aspekte.
"Bastien versucht eine Frau aus der Stadt zu haben, nicht eine Schäferin, da geht’s im Grunde um Statuserhöhung. Der möchte etwas auf dem Heiratsmarkt besser Gestelltes, was heutzutage, wo man die Partner im Internet wie im Katalog bestellen kann, zumindest zur Ansicht, durchaus eine Relevanz hat, und diese Statusfrage ist bei Zemlinsky nicht minder."
Szene aus "Eine florentinische Tragödie" an der Oper Halle
Szene aus "Eine florentinische Tragödie" an der Oper Halle ( Falk Wenzel / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle)
Hier holt sich die Ehefrau des Tuchhändlers einen Prinzen ins Bett.
"Auch da geht es darum, wie kann der Mann, das, was er vielleicht an finanziellem Status nicht hat, durch körperliche Kraft aufholen. Da geht es nicht nur um ein Binnenverhältnis zwischen zwei Menschen, sondern wo man das Gefühl hat, ein Machtmechanismus - ein Aufrechnen, was ist höher, was gebe ich dem anderen für ein Bild von mir selbst vor - ist bis in die Intimbeziehung eingedrungen, und das finde ich sehr interessant daran."
Mozarts "Bastien und Bastienne" erzählt Tobias Kratzer klug und subtil, geradezu kongenial als heutige Geschichte. Die drei Figuren sitzen an drei nebeneinander platzierten Tischen, jeder mit einem Laptop ausgestattet. Die verzweifelte Bastienne ergoogelt sich im Netz unter "mein Partner geht fremd" Hilfe und findet sie im Live-Chat mit Dr. Colas.
"Ich versuche sehr stark, die unterschiedlichen Generationen, wie die mit Liebe umgehen in beiden Teilen, herauszuarbeiten. Im ersten Teil hat man so ein bisschen das Gefühl, wenn man das als Diagnose sieht einer heutigen Jugend, einer heutigen Datinggesellschaft: Dann mag man sich vielleicht als älterer Opernbesucher denken, ja früher war alles besser, und so ist sie die heutige Jugend. Dann sieht man den zweiten Teil des Abends, und stellt fest, die Probleme und die Strukturen ändern sich nicht wirklich. Vielleicht ändern sich die Medien, aber der Mensch bleibt doch ziemlich identisch."
Medien ändern sich - aber den Mensch bleibt gleich
Dr. Colas, der zum Online-Paarberater mutierte "Zauberer" Mozarts, wird im Verlauf – als sich dann auch der dem Selbstmord nahe Bastien an ihn wendet - immer mehr zum perfiden Strippenzieher. Ihm sind die Menschen, die er zusammenbringt, völlig egal, er futtert fleißig Chips während der Chats und geilt sich bis zur Selbstbefriedigung an ihren Problemen auf. Alles – inklusive einer ins Pornographische gehenden Erotikszene - wird virtuell per Text- oder Video-Chats les-, sicht- und erfahrbar auf drei großen Bildschirmen über den drei Tischen, niemals begegnen sich die Figuren real. Bitterer, düsterer und berührender kann man kaum Gefahren der vermeintlichen Segnungen zeitgenössischer Technik beschreiben.
In Zemlinskys "Florentischer Tragödie" lässt Regisseur Tobias Kratzer die virtuellen Liebeskämpfe grausame Realität werden, hält aber schauspielerisch exzellent gearbeitet in einer Art "Wer hat Angst vor Virgina Woolf-Manier" in der Schwebe, wer Opfer oder Täter ist. Es spielt in einem kühl-weiß gestylten Ikea-Schlafzimmer, an manchen Möbeln hängen noch die Preisschilder. Wie wenig es auch bei diesem Paar um wirkliche Gefühle, sondern und Macht und Besitz geht, zeigt, dass Bianca am Schluss ihrem Mann, der gerade ihren Liebhaber getötet hat, ein herumliegendes Preisschild anheftet. Tobias Kratzer:
"Der Zemlinsky ist nicht nur, was der an Klangmassen aufbietet, sondern auch was er für eine fiese psychologische Einsicht in das menschliche Herz hat, in seinem psychologischen Bogen unglaublich gegenwärtig. Das fand ich extrem beeindruckend."
Auch musikalisch hatte diese Produktion ein hervorragendes Niveau, wobei sich bei den Sängern in Zemlinskys "Florentischer Tragödie" ganz besonders der Bariton Gerd Vogel als Simone und der Tenor Matthias Koziorowski mit wunderbar klarer Diktion empfahlen. Bei Mozarts "Bastien und Bastienne" punktete hier Michael Zehe mit sonorem Bass als Colas, aber vor allem Vanessa Waldhart mit ihrem warmen, leicht und flexibel geführten, für die lyrische Partie idealen Sopran.
Dirigent Christopher Sprenger bewies mit der glänzend disponierten Staatskapelle Halle einerseits ein feines Gespür für Mozarts durchsichtigen, musikantischen Stil, und es gelang ihm andererseits trotz Zemlinskys mächtig instrumentierter Partitur Freiräume für Sänger zu schaffen. Der Oper Halle ist mit diesen beiden Einaktern in der Regie von Tobias Kratzer eine ebenso intelligente, wie feinfühlige und unterhaltsame Produktion gelungen.