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StartseiteKultur heuteWeltklima-Konferenz im Hamburger Schauspielhaus nachgestellt22.11.2014

"Drama der Diplomatie" Weltklima-Konferenz im Hamburger Schauspielhaus nachgestellt

Von Michael Laages

Schlimmer hätte es kaum kommen können - durch die Zwangszulosung für eine bestimmte Delegation schon beim Einlass bin ich für drei Stunden zum Amerikaner geworden; und habe knurrend (und zum Glück gemeinsam mit zwei klugen Köpfen von der Lüneburger Leuphana-Universität) die Rolle des Buhmanns übernehmen müssen. Meine Klima-Bilanz ist eine Katastrophe; und seit den ersten Klima-Konferenzen in Rio de Janeiro, Berlin und Kyoto habe ich mich immer bloß als Bremser des Fortschritts betätigt. Entsprechend bockbeinig und unbelehrbar hat sich unsere Delegation denn auch gestern verhalten.

Der Rimini-Effekt ist noch immer verblüffend - das Publikum, die stumme, duldende Masse, wird aus der Anonymität gezerrt, diesmal aufgeteilt in 196 Teile.

"Ihre Aufgabe ist es heute, sich in diese 196 Einzelstaaten hinein zu denken und dabei heraus zu finden, warum es mit der Lösung der Klima-Probleme so unerhört schwierig ist."

Dann, nach Einführung und Vorstellung der Referenten und Berater vom Fach, geht jeder und jede mit der eigenen Delegation durch mehrere Stationen - wo beim Regional-Info "Afrika" etwa alle unter glühheißen Theater-Scheinwerfern lagen, um am eigenen Leib zu erfahren, was "zwei Grad mehr" bedeutet; während uns Nord-, Mittel- und Südamerikanern eine Fachfrau aus Bolivien anhand einer historischen Schach-Partie erklärte, dass es ab und an ganz vernünftig sein kann, die Dame zu opfern - also die heiligen Kühe der Ökonomie. Als es später um den internationalen "Emissionshandel" ging, mimte die junge Dame aus dem Land von Evo Morales leicht zeternd Hugo Chavez und Fidel Castro in einem:

"Mit uns kein Emissionshandel ..."

Chavez übrigens hielt ja bei der (gescheiterten) Kopenhagener Konferenz vor fünf Jahren tatsächlich eine viel beachtete Rede. Später haben wir Amerikaner einem Arktisforscher bei der Erklärung der Weltmeer-Strömungen zugehört und uns (weil das Programm es so vorschrieb) zum bilateralen Palaver mit der argentinischen Delegation getroffen. Weil wir aber klimatechnisch eigentlich wenig miteinander zu bereden hatten, kamen wir schnell auf die ausstehenden Milliarden-Zahlungen, die das Pleiteland im Süden noch immer nicht an unsere Hedgefonds überwiesen hat. Da war unser Verhandlungsführer unbeirrbar:

"Wir würden ja auch gern mal wieder was sehen von dem, was unsere Investoren nach Argentinien gebracht haben, darum schlagen wir vor, dass Sie ein bisschen mehr Treibhausgase reduzieren und wir ein bisschen weniger."

Schließlich sollten alle mit den Erfahrungen des Abends Klimavorschläge formulieren für's eigene Land; da haben wir Amerikaner uns natürlich vornehm zurückgehalten.

Wer mitspielt, merkt diesmal bei "Rimini-Protokoll" sehr schnell, dass er (oder sie) im Grunde fast nichts weiß und auch nicht sehr viel mehr versteht. An Infos liefert der Abend im Übrigen nicht mehr Kenntnis als sie ein treuer "Hintergrund"-Hörer im Deutschlandfunk eh schon bekommen hat in jüngerer Zeit. Inhaltlich also ist das Spektakel enttäuschend; und das Konferenz-Geflecht ist chaotisch - wozu also das Ganze? Außer um einmal mehr den Rimini-Effekt zu beschwören? Oder um zu beweisen, dass Konferenzen wie diese (und die Vorbilder) letztlich nicht helfen? Weil sie zwar Welt-Demokratie suggerieren (ein Staat, eine Stimme), aber nur als Illusion, zumindest solange die vielen Habenichtse der Welt die reichen Haupt-Verschmutzer nicht mit Mehrheit zu irgendwas verpflichten können?

Mojib Latif, Klimaforscher aus Kiel und einer der Fach-Berater, formulierte als letztes Wort ein Ziel jenseits allen Palavers:

"Ein Geländewagen ist halt kein ‚Wert an sich', wahre Werte sind Familie, Gesundheit und nur wenn wir das einsehen, weltweit, wenn wir nicht immer nur diese blöde Verzichts-Debatte führen, sondern darüber reden, wie wir Lebensqualität gewinnen, dann haben wir eine Chance auf dieser Erde."

Er meinte das zwar optimistisch, wahrscheinlicher aber ist, dass es länger schon fünf nach zwölf ist; und demnächst zehn und bald viertel nach.

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