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StartseiteKalenderblattDrogen-Desperado und Familienvater12.03.2005

Drogen-Desperado und Familienvater

Vor 50 Jahren starb der amerikanische Jazzmusiker´Charlie Parker

Heute ist der Bebop die meistgespielte Musikform des Jazz. Es gibt hunderte Jazzschulen, in denen dieser Stil kodifiziert, gelehrt und studiert wird. Als Charlie Parker 1939 von Kansas City zum ersten Mal nach New York kam, war er der einzige Mensch auf der Welt, der diese Musik spielte. Der afroamerikanische Saxophonist ist der Pionier des modernen Jazz - und einer der größten Solisten in der Geschichte der improvisierten Musik.

Von Günther Huesmann

Saxophon: Charlie Parker verlor des öfteren sein Instrument oder zerstörte es in Wutanfällen (Stock.XCHNG / Colin Jaccino)
Saxophon: Charlie Parker verlor des öfteren sein Instrument oder zerstörte es in Wutanfällen (Stock.XCHNG / Colin Jaccino)

Kein Musiker vor ihm hat die Jazztradition so herausgefordert wie er. Das war ein anderer Sound als die samtweichen, vibratoreichen Saxophonklänge, die für die Swing-Zeit so charakteristisch waren. Charlie Parker spielte hart, kantig und scharf, sein Sound ist direkt - und seine Linien fliegen mit irrlichternder Geschwindigkeit. Ein einziger Strudel aus Motiven und Rhythmen. Bebop nannten es die Leute. Er selbst nannte es - Musik. Der Trompeter Dizzy Gillespie:

Charlie Parker war der Katalysator. Er war es, der den Stil begründete.

Im Harlemer Club "Minton’s" und in den Clubs der 52nd Street - den Laboratorien des modernen Jazz - erfand er eine Musik, die sich als Kunst und nicht in erster Linie als Tanzmusik verstand.
Geboren 1920 in Kansas City, wächst Charlie Parker unter erdrückenden Bedingungen auf. Den Vater wird er erst bei dessen Beerdigung sehen. Die Mutter putzt in Tag- und Nachtschichten. Der Junge bleibt sich selbst überlassen, lernt die Sprache der Straße kennen, den Kreislauf aus Armut, Gewalt und Drogen.
Einzig die Musik hält ihn. Er schlägt sich die Nächte um die Ohren, indem er den Swing-Orchestern zuhört: vor allem Count Basie. Das golden schimmernde Saxophon Lester Youngs fasziniert ihn. Er beginnt Altsaxophon zu spielen und macht traumatische Erfahrungen bei Jam-Sessions, wo sie ihn von der Bühne jagen, weil er nur zwei Akkorde kennt. Doch schon jetzt ist da ein extrem starker Wille, er übt 15 Stunden täglich, erobert sich einen Platz im Jay McShann Orchester, spielt Soli, wie man sie noch nie gehört hat, wird ein Meister des spontanen Einfalls, ein Genie.

Er transportiert Botschaften in seinen Improvisationen, zitiert "Hello Beautiful" wenn er sich wohl fühlt oder "I know where you’re going" wenn eine Frau auf die Toilette zusteuert. Der spontane Flug seiner Soli war für ihn mehr als ein Mix aus Melodien, Harmonien und Rhythmen, er war das Leben selbst:

Viele Leute realisieren nicht, dass die meisten Dinge, die aus dem Horn eines improvisierenden Musikers kommen, persönlich sind, es sind Erfahrungen, die Art und Weise wie er fühlt - das schöne Wetters, der Anblick eines Berges oder eine erfrischende Brise kühler Luft, all diese Dinge... Du kannst niemals sagen, was du morgen denken wirst.

Geschwindigkeit war das Hauptmotiv in Parkers Leben. Alles geschah rasend schnell. Seine künstlerischen Kräfte befanden sich in einem permanenten Krieg mit seinem Hang zur Selbstzerstörung. Sein Appetit war zügellos, Essen, Sex und Drogen, er schien kein Maß zu kennen. Er liebte es, unterschiedliche Rollen zu spielen - Bird, wie sie ihn nannten, ein Mann der Masken: der Intellektuelle, der Drogen-Desperado, der fürsorgliche Familien-Vater, der rücksichtslose Frauenheld - Rollen, die er ebenso glaubhaft wie intensiv spielte. Das einzige, von dem er nicht zerrissen und getrieben schien, wo er glücklich war und- für einen kurzen Moment - in sich ruhte, war seine Musik.

Am Ende sprach er davon, ein Doppel-Konzert mit Yehudi Menuhin geben zu wollen; er träumte davon, mit dem Komponisten Edgar Varese zusammen zu arbeiten. Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, schätzte den Leichnam auf 53 statt auf 34 Jahre. Kurz nach Parkers Tod kommentierte der Bassist Charles Mingus:

Die meisten der Solisten im [Jazzclub] Birdland mussten auf Parkers nächste Platte warten, um zu wissen, was sie spielen sollten. Und was werden sie jetzt machen?

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