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StartseiteEssay und DiskursZeitschrift für Ideengeschichte03.07.2016

DrucksachenZeitschrift für Ideengeschichte

Teil 1/5

Ulrich Raulff, Albrecht von Lucke, Armin Nassehi, Nora Sdun sowie Christian Demand und Ekkehard Knörer sind Herausgeber, Redakteurinnen und Redakteure, die an der Überzeugung für eine Zeitschrift festhalten und damit die Idee vom klugen Widerspruch, die intellektuelle Debatte und die Kunst des Zweifelns immer wieder neu beleben. Welche Denkanstöße können sie geben?

Ulrich Raulff im Gespräch mit Frank Kaspar

Direktor Ulrich Raulff in einer Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, aufgenommen am 2.5.2011. (picture-alliance / dpa / Thomas Niedermüller)
Ulrich Raulff, Kulturwissenschaftler und Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach (picture-alliance / dpa / Thomas Niedermüller)
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"Essay und Diskurs" stellt im Juli 2016 diesen sechs deutschen Zeitschriftenmachern Fragen. Welche Rolle spielen ihre Diskurs-Foren in der gebildeten Öffentlichkeit in Deutschland? Auf welche politischen und ästhetischen Traditionen berufen sich ihre Essays, Texte und Gespräche? Wie wichtig sind internationale Diskurse und stellen etwa englischsprachige Zeitschriften auch deutsche Debatten dar? Vor welchen Herausforderungen stehen die Macher heute bei Print vs. Online, und was bewegen Kommentar, Kolumne und Blog?

Sie gehen in Originalbeiträgen der Entstehung, den zahlreichen Metamorphosen, aber auch dem Altern von Ideen nach. Die "Zeitschrift für Ideengeschichte" erscheint im C.H. Beck Verlag, getragen von den drei großen deutschen Forschungsbibliotheken und Archiven in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sowie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Ulrich Raulff, Kulturwissenschaftler und Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, ist Mitherausgeber der "Zeitschrift für Ideengeschichte", die seit 2007 Ideen philosophischer, religiöser, politischer oder literarischer Art behandelt. In der vergleichsweise jungen Zeitschrift stellen herausragende Fachleute aus allen Geisteswissenschaften Fragen an das Archiv, die Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts beschäftigen.

Das Interview in voller Länge:

Frank Kaspar: Alte Hüte - mit diesem Thema erschien im Frühjahr 2007 die erste Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte. 2016 geht sie also in ihr zehntes Jahr, und wenn man das erste Heft dieses Jahres in die Hand nimmt, muss man zweimal hinsehen, um zu erkennen, welcher Begriff diesmal im Mittelpunkt steht. Nicht Algier, sondern Altgier steht da auf dem Titel - eine Vokabel, die Friedrich Nietzsche als Pendant zur Neugier eingeführt hat. Ulrich Raulff, Sie schreiben im Heft, dass die Altgier ein ganz wichtiger Antrieb von Anfang an für die Macher der Zeitschrift gewesen ist. Es geht um Leidenschaft für alte Sachen, die durch viele Hände gegangen sind und für Ideen, von denen man ein bisschen den Staub herunterblasen muss, um sie für unsere Gegenwart neu zu entdecken. Was ist denn geeignet, Ihre Altgier anzufachen?

Ulrich Raulff: Praktisch alle Arten von alten Phänomenen und zuunterst sozusagen die Phänomenologie des Alten. Mit der haben wir uns ja bisher noch viel zu wenig beschäftigt, obwohl also viele Leute diesen Zauber des Alten verspüren und dann Historiker werden oder Archivare werden oder mit irgendwelchen Vintage-Klamotten handeln.

Kaspar: Im Deutschen Literaturarchiv Marbach, das Sie leiten, ist Ihnen mal so ein Fädchen in die Hand gefallen mit einem Zettel dran, "Faden von einem Stuhl, auf dem Schiller gesessen hat" - das ist ja fast so eine Art Reliquie der Literaturgeschichte.

Raulff: Ich muss korrigieren: Auf dem Zettel stand, "aus einem Stuhl auf dem Schiller gesessen haben soll".

"Obsession fürs Alte und fürs Reliquienhafte"

Kaspar: Okay.

Raulff: So viel zur Rechtschaffenheit der Archivare, so viel aber auch zu der Obsession fürs Alte und fürs Reliquienhafte.

Kaspar: Die Zeitschrift für Ideengeschichte wird ja getragen von Ihrem Haus, dem Deutschen Literaturarchiv zusammen mit zwei anderen großen Bibliotheken und Archiven in Weimar und Wolfenbüttel, 2013 ist das Wissenschaftskolleg zu Berlin als vierte Säule dazugekommen, aber die Kernkompetenz der Zeitschrift liegt eigentlich weiterhin im Archiv. Das haben Sie auch im Editorial zu Beginn dieses Jahres noch mal unterstrichen. Ich kann mir gut vorstellen, dass man in diese großen Archive Ihrer Häuser eintauchen kann mit so einem Forschergeist, also wie ihn vielleicht Georg Forster gehabt hat auf der Fahrt nach Tahiti oder Humboldt am Amazonas, aber es liegt nahe zu vermuten, dass man da Schritt für Schritt sich eigentlich von unserer Gegenwart immer mehr entfernt und dass man sich so ein Wissen auflädt, was wenig anschlussfähig im ersten Moment ist an unsere aktuellen Fragen.

Jetzt schreiben Sie, im Gegenteil, der Fuß wird leichter, wenn man sich mit Geschichte beschäftigt. Man wird beweglicher, flinker, geschickter im Erkennen neuer Situationen. Das müssen Sie erklären, also wie kann das Archiv zum Katalysator von Zeitdiagnostik werden?

Raulff: Dieses In-die-Tiefe-Gehen, also in den Forschungsarchiven und Bibliotheken führt einen in der Tat nicht unbedingt weg von der Gegenwart oder von der Aktualität. Vielleicht für eine gewisse Zeit, aber irgendwann berührt man immer wieder die Gegenwart, weil ich nicht an gradlinig, einsinnig, evolutiv sich entwickelnde Zeit glaube, in der, wenn man in die Tiefe steigt, man der Aktualität der Gegenwart den Rücken wendet und sich immer weiter von ihr entfernt.

"Ideen von gestern werden als die neuesten Erfindungen gehandelt"

Ich glaube vielmehr, dass wir es mit verschiedensten Strukturen und verschiedensten Formen auch von Zeiten zu tun haben. Ich glaube eher an gekrümmte Zeiträume und überraschende Reaktualisierungen also von älteren Ideen. Das kann man ja also auch tagtäglich beobachten. Man liest tagtäglich in der Zeitung, dass also Ideen, von denen man meinte, es seien die Ideen von gestern oder vorgestern, plötzlich wieder als die neuesten, coolsten oder heißesten Erfindungen gehandelt werden. Man muss sich ja nur Phänomene wie den amerikanischen Wahlkampf ansehen oder so, also da werden ja die ältesten Hüte wieder rumgereicht.

Kaspar: Sie haben auch darauf aufmerksam gemacht, dass die Ideengeschichte selbst ja unverhofft in so eine gewisse Aktualität wieder hereingerissen wurde durch Ereignisse, von denen wir auch jetzt seit Monaten lesen. Also Herfried Münkler hat auch gerade in der Zeitschrift Merkur darüber geschrieben. Wenn man sich ansieht, wie Terrormilizen zum Beispiel im syrischen Palmyra gezielt antike Kulturstätten zerstören, schreibt Münkler, müsse man sich eigentlich noch mal neu fragen, ob der Transfer von allen möglichen Kulturgütern während der Kolonialzeit in die europäischen Museen eher als Raub oder Rettung zu verstehen ist. Was bedeutet das publizistisch für die Zeitschrift für Ideengeschichte, wie kann man sich zu dieser Art von unfreiwilliger Aktualität verhalten?

"Alte Kultur oder Unkulturtechnik, dass man den Feind auslöschen muss"

Raulff: Man kann das begleiten. Man kann also diese Phänomene beobachten und kann dann versuchen, darauf zu reagieren. Das tut man aber mit einer gewissen Verzögerung, die dem Medium und seinen eigenen Bewegungsgesetzen, seinen eigenen Tempi, seiner eigenen Langsamkeit auch geschuldet ist. Mit einer Zeitschrift kann man nie so schnell reagieren wie mit einer Tageszeitung, mit einer Tageszeitung nie so schnell wie das Fernsehen oder das Netz reagieren kann. Die Kompensation für die relative Langsamkeit liegt in der Vertiefung an Information, die man bringen kann. Ich habe ja lange in einer Zeitung gearbeitet und wir haben immer gesagt, okay, das Fernsehen ist schneller als wir, aber wir haben das längere Gedächtnis.

Also wir können andere Speicher anzapfen und können von daher also die Dinge anders kontextualisieren, können auf die Dinge anders reagieren. Das ist mit einer Zeitschrift für Ideengeschichte noch mal wieder anders. Sie erleben aber auch, dass Sie Treffer haben da, wo Sie zunächst mal gar nicht auf die Aktualität gezielt haben. Das ist uns passiert, zum Beispiel als wir ein Heft gemacht haben über Schändung und Erniedrigung. Das ist ja eine ganz, ganz alte Kultur oder Unkulturtechnik und ein ganz alter Gedanke, also dass man den Feind nicht nur besiegen muss, sondern auslöschen muss oder komplett zur Minna machen muss, indem man ihn seiner Würde beraubt oder seine Frauen oder was auch immer. Dieses Heft hatten wir gemacht, bevor der "Islamische Staat" sozusagen in die Hauptphase seiner Aktivität trat. Wir haben eine Aktualität getroffen, auf die wir gar nicht gezielt hatten.

Kaspar: Ist es eigentlich gerade für Sie als Ideenhistoriker auch ein Thema, wie mit Worten Politik gemacht wird, gerade auch von dem sogenannten Islamischen Staat? Es gibt ja die Diskussion, ob man ihn bei diesem Namen überhaupt nennen soll. In diesem Begriff Islamischer Staat steckt ja im Grunde eine doppelte Anmaßung. Ist es richtig, ihn zu verwenden?

Raulff sieht Islamischen Staat als kriminelle Vereinigung

Raulff: Ich bin kein Experte dafür und ich will jetzt auch keine dilettantischen Dinge hier von mir geben, aber ich wäre also nicht bereit, den Islamischen Staat in dieser Weise zu bezeichnen - ich habe ihn auch gerade mit Anführungsstrichen gesprochen -, einmal, weil er nicht das Recht hat, den Islam für sich komplett in Anspruch zu nehmen und sozusagen als die staatliche Verfassung oder die Staatsreligion in Anspruch zu nehmen, und weil er auch kein Staat ist, sondern er ist einfach eine kriminelle Vereinigung. Staat ist natürlich ein Begriff, dessen man sich zu versichern sucht oder den man also für sich in Anspruch nimmt, und dann kommen die anderen her und sagen, na, ihr seid ja gar kein Staat, ein Staat, dazu gehören ganz andere Voraussetzungen.

Oder nehmen Sie einen Begriff wie Krieg - also nach Nine-Eleven hat am Tag danach George W. von Krieg gesprochen, und ich habe damals noch in der Zeitung sehr gewarnt davor, also vor dieser schnellen Verwendung der Vokabel Krieg. Es gibt ja eine Reihe von Alternativen, wenn man nicht direkt von Krieg im völkerrechtlichen Sinne sprechen will. Man kann ja von bewaffneten Konflikten, Auseinandersetzungen, Gegenwehr und allen möglichen Dingen reden, aber wenn man von Krieg spricht, ist das nach unserem Verständnis eine Geschichte, die sich zwischen Staaten abspielt. So haben wir es nun mal in den letzten drei, vier Jahrhunderten entwickelt, dieses Verständnis von Krieg, und wenn man dem Gegner, der einem mit einem terroristischen Anschlag entgegentritt, wenn man dem sozusagen das Kriegsangebot macht, dann behandelt man ihn nach unserem traditionellen Verständnis als Kriegsgegner. Das heißt also als, ja fast als Partner in einer politisch kodierten und juristisch geregelten Auseinandersetzung.

Kaspar: Als Sie 2007 begründet haben, angekündigt haben, mit welchen Ideen, mit welcher Absicht Sie eine Zeitschrift für Ideengeschichte ins Leben rufen, die auch auf die Gegenwart zielt, haben Sie auch geschrieben, wir erleben seit einer Weile eine Wiederkehr der Religionen. Welche Bedeutung haben Religionen aus Ihrer Sicht für die politischen Krisen, die wir derzeit erleben, auch für die Debatten darüber? Haben sich durch die Gewaltakte, die im Namen von Religion verübt werden, hat sich womöglich auch durch die Art und Weise wie populistische Parteien in vielen europäischen Ländern im Moment den Islam als eine Art Gegenkraft, als eine Bedrohung für die Werte Europas darstellen, hat sich dadurch auch die Diskussionsgrundlage oder die Maßstäbe für Diskussionen verschoben? Also gerade Kulturzeitschriften stehen ja eigentlich in einer starken Tradition der europäischen Aufklärung - gilt das noch oder justiert sich dieses Verhältnis von kritischer Intelligenz und Religionen zurzeit neu?

Raulff: Ja, ich glaube, das tut sie in der Tat. Wir müssen alle ein großes Pensum, ein großes Wissenspensum, Verstehenspensum nachholen, denn in der Tat ist es so, dass wir mit unseren, sagen wir mal, im weitesten Sinn unserer Medienkultur - ich rede jetzt nicht nur von Zeitschriften und Zeitungen oder Büchern -, mit unserer gesamten Medienkultur in der Tradition der Aufklärung stehen, und das heißt, wir bringen den Phänomenen des Religiösen von daher ein Verständnis entgegen, aber ein sehr distanziertes, sehr skeptisches, sehr kritisches Verständnis. Vielleicht müssen wir die Prämissen dieses Verstehens überprüfen jetzt. Religionen haben in Konflikten zwischen Staaten und anderen Gruppierungen zeitweise auch eine dämpfende, eine mäßigende, eine pazifizierende und mildernde Rolle gespielt.

"Religionen können auch grausam verschärfende Wirkung haben"

Denken Sie an die Hilfsorganisationen, die entstanden sind, also nicht nur das Rote Kreuz, sondern also auch die ganzen karitativen Einrichtungen und so weiter. Die haben ja zum Teil auch religiöse Wurzeln und die haben im 19. und 20 Jahrhundert sicher sehr viel dazu beigetragen, Kriege und Konflikte abzukühlen und in ihren Folgen zu mildern, aber Religionen haben - und das ist jetzt die Erfahrung, die wir im Moment machen, also seit einigen Jahren -, können auch enorm verschärfende und grausam verschärfende Wirkung haben. Diese Wirkung, die Religionen haben können, also diese zuspitzende verschärfende, das sind Erfahrungen, die wir jetzt machen und mit denen wir uns jetzt auseinandersetzen müssen.

Kaspar: Die Publikationsform der Kulturzeitschrift hat ja ihre eigene Ideengeschichte. Lassen Sie uns da vielleicht einen Blick drauf werfen. Da kommt sogar das Stichwort Algier möglicherweise noch mit in den Blick, denn mit Protesten gegen den Algerienkrieg hat ja um 1960 eigentlich die internationale politische Protestbewegung ihren Anfang genommen, die dann zu dem wurde, was wir als 68er-Bewegung kennen. Sie selbst haben geschildert, dass Sie als eine Art Flakhelfer von '68, also eigentlich in der Generation dann schon danach, den Nachhall dieser Bewegung aber doch noch stark miterlebt haben als Student in Marburg, als Historiker, junger Übersetzer in Paris. Wie haben Sie diese Verbindung von Literatur, Theorie, politischem Engagement erlebt, und welche Rolle haben damals Zeitschriften dabei gespielt?

Raulff: Ich bin tatsächlich in einer bestimmten Weise ein Kind, ein geistiges Kind der Studentenrevolte. Das darf man ja noch so nennen, da muss man noch nicht von Studierenden sprechen. Das ist ein geprägter Begriff, der nicht mehr zu verbessern ist oder auch nicht mehr politisch zu korrigieren ist.

Kaspar: Eine Formel der Ideengeschichte geworden.

Raulff: Eine Formel der Ideengeschichte. Ich habe damals mich natürlich anstecken lassen von dieser enormen Begeisterung für Theorie und theoretisches Denken, theoretisches Sprechen auch und mich auch begeistern lassen für die Medien, die damals entweder neu aufkamen oder wieder aufkamen. Im Grunde genommen ist ja nichts neu, also sagt natürlich auch der Ideenhistoriker, haben wir alles schon gehabt. Wir hatten schon Taschenbücher Ende des 18. Jahrhunderts. Schiller hat seine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges für ein Taschenbuch für die Damenhandtasche geschrieben. Flugblätter hat es im Dreißigjährigen Krieg gegeben. Zeitschriften hat es auch seit dem 17. Jahrhundert gegeben. Aber das alles wird nach '68, um '68 und nach '68 massiv wiederbelebt.

Also diese relativ schnellen Medien und schnellen Träger theoretischer Texte und politischer Texte, auch Aufrufe zu allen möglichen Arten des Widerstandes, bemächtigten sich dieser relativ schnellen, preiswert herzustellenden und volatilen Medien wie Flugblatt, Zeitschrift und Taschenbuch. Es ist die große Zeit der Taschenbuchreihen dann. Das hat mich auch begeistert. Also ich habe mich nicht nur für die Theoriegeschichte und die Ideengeschichte damals begeistert, sondern auch für die Medien, die plötzlich im Angebot waren.

Kaspar: Zeitschriften haben damals eine ganz große Rolle gespielt, um Texte, internationale theoretische Texte, politische Texte nach Deutschland zu bringen.

"Die beiden wichtigsten waren das Kursbuch und Die Alternative"

Raulff: Ja, die beiden wichtigsten waren sicher das Kursbuch und Die Alternative, also von Enzensberger und Hildegard Brenner, und über diese beiden Zeitschriften ist eine Fülle von wichtigen Texten und wichtigen Autoren nach Deutschland gekommen, Autoren nicht nur des französischen Strukturalismus, wie Roland Barthes zum Beispiel, der also in diesen beiden Zeitschriften zuerst in Übersetzungen deutschen Boden betrat und vor deutsche Augen kam, Leseraugen kam, sondern eben auch - jetzt sind wir wieder bei Algerien - Autoren wie Frantz Fanon und die ganzen großen Autoren der Dekolonisation, denn das spielt tatsächlich eine große Rolle im Hintergrund. Es sind eben nicht nur theoretische Autoren, Strukturalisten und Linguisten wie Chomsky und so, damals in den deutschen Sprachraum gebracht worden durch diese Zeitschriften, sondern eben auch die großen Autoren des politischen Widerstandes und des Widerstandes gegen die Kolonisation.

Kaspar: Wenn man sich erinnert, was für Wellen ein Artikel in so einer Zeitschrift damals auch auslösen konnte, welche Bedeutung die Zeitschriften damals einfach für die politische und kulturelle Bewegung hatten, muss man dann nicht eigentlich fragen, ob die Kulturzeitschrift als solche heute selber historisch geworden ist? Ist sie - pardon - vielleicht sogar ein alter Hut geworden?

An Zeitschriften festzuhalten, sei nicht nur Nostalgie

Raulff: Also selbstkritisch und selbstspöttisch würde ich sagen, klar, da haben Sie vollkommen recht, aber ich würde doch, also medienhistorisch würde ich sagen, sie hat vielleicht ihren Platz neu gefunden, und dieser Platz ist heute natürlich enger, der ist vielleicht eine Nische, aber er ist eben auch sehr viel spezifischer geworden. Also Zeitschriften sind nicht mehr alles und liegen nicht auf jedem Nachttisch, unter jedem Kopfkissen, aber da, wo sie liegen, da erfüllen sie ihren ganz speziellen Zweck, den vielleicht kein anderes Medium so gut erfüllen kann wie eben doch die Zeitschrift. Ich glaube nicht, dass es also nur Nostalgie ist, wenn man an auf Papier gedruckten Zeitschriften festhält, sondern die haben eben ihren ganz speziellen Platz, ihre ganz spezielle Funktion zwischen all den anderen Medien aus Papier und als digitale Publikation. Da gibt es eben auch den Platz, dem steht Zeitschrift … ganz spezielles Trägermedium, unverzichtbar.

Kaspar: Unverzichtbar auch für internationale Debatten. Gibt es eigentlich so was, von dem Enzensberger damals ja schon geträumt hat, also eine internationale, kulturelle, politische Öffentlichkeit, gibt es das heute? Wohin schauen Sie und Ihre Kollegen, wenn Sie letztendlich sehen oder lesen wollen, wo es langgeht?

Raulff: Gott, wir schauen in alle Richtungen. Also wir schauen auch in alle Medien. Also wir lesen Bücher, wir lesen Artikel im Netz, und wir lesen Blogs und wir recherchieren im Netz, aber wir lesen natürlich nach wie vor auch Zeitschriften. Gerade der amerikanische Markt, von dem man denkt, der müsste ja mittlerweile völlig sozusagen in die Virtualität des Netzes abgewandert sein, auf dem amerikanischen Markt finden Sie immer wieder die interessantesten Zeitschriften, neue Zeitschriften. Manchmal sind sie kurzlebig und manchmal halten sie sich aber auch über zehn, zwanzig Jahre, was ja heute schon unglaubliche Zeitstrecken sind.

Kaspar: Lassen Sie uns ein bisschen über Handwerk noch sprechen: Sie haben so schön geschrieben in Ihrem Editorial: "Wir träumten von Essays und schrieben Aufsätze." Der Essay ist ja ein halb literarisches Genre, wo das Temperament des Autors, der Autorin eine große Rolle spielt, aber auch die Frage eine Rolle spielt, wie viel Temperament darf man denn zeigen. In einem Interview mit dem Magazin Kultur und Gespenster haben Sie mal gesagt, in Frankreich sind die Sprachen der Philosophie oder der Theorie nicht in der Weise mit der Flamme der Abstraktion ausgebrannt worden, wie das in der deutschen Tradition stattgefunden hat, wo es schnell als anstößig gilt, wenn man sozusagen zu literarisch schreibt. Was, würden Sie heute sagen, ist für Sie ein guter Essay, der nicht von gestern ist?

"Bloße Subjektivierung macht noch keinen guten Essay"

Raulff: Na ja, ein guter Essay heute unterscheidet sich gar nicht so sehr von einem guten Essay vor 100 Jahren. Wenn Sie sich die Essays von Georg Simmel ansehen oder später die von Benjamin oder Rudolf Borchardt oder wem auch immer, Adorno, der eher selber auch theoretisch über den Essay geschrieben hat und da natürlich seine ideale Bewegungsform gefunden hat, intellektuelle und auktoriale Bewegungsform gefunden hat, wenn Sie sich die Essays anschauen, die sind ja immer noch durchaus für uns absolut vorbildlich. Also so muss man erst mal schreiben können.

Man schreibt keinen guten Essay automatisch, indem man jetzt "ich" schreibt. Also bloße Subjektivierung des Textes und Rückführung auf ein Autor-Ich macht überhaupt noch keinen guten Essay. Das ist ein Irrtum, der im Moment gerade vielfach verbreitet ist, weil also jetzt neuerdings auch in den Zeitungen, also seit zehn, fünfzehn Jahren, jeder Journalist meint, er muss in der Ichform schreiben. Früher noch in den 80er-, 90er-Jahren, also da, wo ich sozialisiert worden bin, war das vollkommen verpönt, und 20 Jahre später gehört das durchaus zum guten Ton, dass man Homestorys schreibt oder Reportagen schreibt, in denen das Ich sich ständig in den Vordergrund drängt, aber das macht noch keinen guten Essay. Die Subjektivität, die zu einem Essay gehört und die ihn von einem wissenschaftlichen Aufsatz unterscheidet, kommt durch die Wahrnehmung und durch die sprachliche Eleganz und sprachliche Beweglichkeit, die mit der Wahrnehmung Schritt hält, die also genauso schnell ist und genauso intensiv wie im besten Fall die Wahrnehmung.

Kaspar: In Ihrer Zeitschrift gibt es ja auch diese Rubrik Denkbild und jetzt in der Ausgabe vom Sommer 2016 hat Martin Warnke da Bilder zusammengestellt zu den Themen Flucht und Migration, und man erkennt, dass Bilder, die wir aktuell ständig in den Medien sehen, eine Geschichte haben, eine Vorgeschichte, dass da im Grunde Standardsituationen oder ikonische Szenen wiederholt werden, die in der europäischen Bildgeschichte eine Tradition haben. Wie kann so eine Art Bildessay, der das ja in dem Fall eigentlich geworden ist, argumentieren? Wie kann man mit Bildern argumentieren und auf welche Einsichten sind Sie da aus mit dieser anderen Art von Essay?

"Die Grundtexte unserer abendländischen Literatur sind Fluchtgeschichten"

Raulff: Ich meine das generell, also die europäischen großen Überlieferungen, die Textüberlieferung, die Bildüberlieferung - bei Textüberlieferung denke ich in erster Linie an die literarische Überlieferung, also von Homer bis heute -, dass die voll sind von Fluchtgeschichten und Fluchtbildern. Ob Sie sich jetzt die Ilias, da geht es noch im Wesentlichen um Krieg, aber dann mit der Odyssee oder mit der Geschichte von Aeneas oder Xenophons Anabasis, also die Grundtexte, die wir immer noch im Latein- und Griechisch-Unterricht lesen, die Grundtexte unserer abendländischen Literatur sind Fluchtgeschichten.

Wir haben das nur vielleicht eine Weile lang vergessen gehabt, und so sind auch die Bildwelten - daran erinnert Martin Warnke jetzt - voll von Bildern der Flucht, der Vertreibung. Natürlich kann man das - also wenn man das in eine Art des Bilderatlas zusammenstellt, wie Aby Warburg das getan hat - Warnke ist ja vielleicht der älteste und beste Schüler Aby Warburgs in Deutschland -, kann man das plötzlich augenfällig machen, wie diese ältesten Erfahrungen in Bildern festgehalten worden sind und überliefert worden sind. Vielleicht bricht irgendwann der Überlieferungsstrang und wir müssen jetzt wieder anknüpfen. Das ist eben die Aufgabe von Ideengeschichte und eben auch von Bildergeschichten, die, wie gesagt, nur eine andere Form von Ideengeschichten sind.

Kaspar: "Du willst mich küssen, doch das geht mir zu schnell, du solltest wissen, ich bin intellektuell" - dieser Spottvers stammt nicht von Roger Willemsen, sondern von der Band Die Ärzte. Sie müssen schon so ein bisschen lächeln, Ulrich Raulff - trifft das einen Punkt? Müssen wir, wenn wir über die intellektuelle Szene und Publizistik sprechen, auch über Witz, Charme, Esprit, vielleicht sogar Eros sprechen und darüber, wo man all das auch vermisst? Also ich glaube, gerade in der deutschen Tradition, im akademischen Milieu gibt es ja so einen Hang, oder gab es jedenfalls lange einen Hang, sich sehr verkniffen und antrainiert übellaunig zu geben, während Sie aus Frankreich schreiben, in Ihrem Erinnerungsbuch, in den Seminaren von Roland Barthes liefen mondäne Damen auf, die sich extra dafür feingemacht hatten.

Raulff: Na ja, also die Franzosen hatten da … was heißt "die Franzosen". Es gab eben auch sehr, sehr strenge und abweisende französische Philosophen und Theoretiker, die sich nichts von ihren Kollegen diesseits des Rheines unterschieden, und es gab auch auf unserer Seite, was weiß ich, sehr elegante und vielleicht auch erotische Figuren. Also denken Sie an Peter Szondi - ich persönlich habe ihn nicht gekannt, aber das, was ich höre, lässt mir doch das Bild eines äußerst attraktiven und begehrenswerten Mannes vor Augen treten. Gut, wir haben es ja auch nicht immer nur mit Männern zu tun, gottlob, in der intellektuellen Szene. Ich denke, dass die Deutschen natürlich immer mit einem Übermaß vielleicht an Ernst und Gründlichkeit geschlagen waren, vielleicht waren sie auch damit gesegnet. Also man soll nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

Es ist vor ein paar Jahren mal in Amerika ein Buch über die Schwierigkeiten des belletristischen Autors der letzten zwei Jahrhunderte mit Phänomenen der Erotik und der Sexualität und so weiter erschienen, und dieses Buch hat den sprechenden Titel oder den schlagenden Titel Dead from the Waist Down, also der Autor und das Bild des Autors. Ich glaube, das hat sich heute verändert, auch in der Folge, in der Langzeitfolge von '68, weil '68 hat nicht nur die Sexualität befreit und zu anderen Möglichkeiten des Sprechens geführt, sondern hat auch in einer bestimmten Weise das Schreiben befreit und dem Schreiben neue Möglichkeiten gegeben in der Verbindung von beidem, also von Erotik, erotischer Wahrnehmung und Schreiben, sind also sicher neue Möglichkeiten entstanden, von denen auch der deutsche Essay profitiert.

Kaspar: Der Essay ist nicht mehr unter der Gürtellinie tot.

Raulff: Ja, nicht unbedingt, nein.

Raulff: Wir brauchen die Papierstraße und die Datenautobahn

Kaspar: Lassen Sie uns noch einmal drauf schauen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln man heute eine Zeitschrift macht. Wir haben es vorhin schon kurz auch angesprochen, Sie haben es angesprochen: Die Dynamik von politischen, kulturellen Diskussionen heute wird ja stark auch mittlerweile beeinflusst, getaktet von den digitalen Medien. Sie haben, als Sie so zurückgeschaut haben auf diese Zeit des wilden Lesens, geschrieben, das war die letzte Printtankstelle vor der Datenautobahn. Wie weit kommt denn eine Kulturzeitschrift heute noch mit Tinte im Tank, und wie müsste vielleicht auch so eine Art Hybridtreibstoff aussehen, der richtige Mix, um eine Zeitschrift im digitalen Zeitalter weiterzumachen?

Raulff: Na ja, Hybrid ist das richtige Stichwort. Man müsste auf beiden Schienen fahren oder auf beiden Straßen fahren, auf der alten Papierstraße - das klingt so ein bisschen wie die Seidenstraße, ist auch was Ähnliches, ist also eine alte nach '68 noch einmal den ganzen Globus umspannende Straße, die alte Papierstraße der Revolution und der revolutionären Traktate. Man muss auf der Papierstraße weiterfahren, aber man braucht auch die Datenautobahn, und man müsste eigentlich solche Zeitschriften mit Blogs flankieren und zusammenspannen. Ich denke, Hybrid ist der richtige Weg. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Kaspar: Wenn Sie heute so in den Rückspiegel schauen auf die alte Printtankstelle - war das eigentlich eine Tankstelle des Glücks oder eine Tankstelle der Verdammten?

Raulff: Nein, ich habe sie immer als eine Tankstelle des Glücks empfunden, deshalb habe ich sie ja auch mehrfach aufgesucht und noch einige Zapfsäulen danebengestellt. Ich habe sie nie als eine Tankstelle des Unglücks oder der Verdammten ansehen können, weil ich selber da immer wieder neu Begeisterung getankt habe an dieser Tankstelle, wohlwissend, dass es also auch alles mit sehr viel Tankwartsschweiß und Mechanikermühe erkauft ist, solche Tankstellen in Gang zu halten, solche Tankstellen zu betreiben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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