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StartseiteSport am Wochenende Düstere Vision vom gentechnisch veränderten Sportler08.05.2011

Düstere Vision vom gentechnisch veränderten Sportler

Der australische Sportmediziner Robin Parisotto über Wege zur Spitzenleistung

Robin Parisotto ist einer der renommiertesten Sportmediziner und Antidoping-Experten weltweit. Er warnt vor einer Zukunft des Sports, in der mit Drogen vollgepumpte und gentechnisch veränderte Athleten das Bedürfnis der Gesellschaft nach Spitzenleistungen befriedigen müssen.

Von Ines Geipel

Der jamaikanische 100-Meter-Sprinter  Usain Bolt  erzielte mit 9,58 Sekunden einen offenbar legalen Weltrekord - doch wo wird das enden? (AP)
Der jamaikanische 100-Meter-Sprinter Usain Bolt erzielte mit 9,58 Sekunden einen offenbar legalen Weltrekord - doch wo wird das enden? (AP)

Ines Geipel: Robin Parisotto, Ihr Buch "Blutsport”, "Bloodsports” ist 2006 erschienen. Fünf Jahre sind im Sport viel Zeit, sowohl für die Doper als auch für den Antidopingkampf. Was ist in Ihren Augen in dieser Zeit die größte Veränderung?

Robin Parisotto: Die größte Veränderung im Bereich der Drogen im Sport ist sicherlich, dass sich einige wichtige Sportarten für die Idee des Blutpasses geöffnet haben. Das ist etwas vollkommen Neues in der Welt der Dopingtests. Während man sich in der Vergangenheit immer darauf verlassen hat, die Chemie im Urin des Athleten zu entdecken, hat man sich in einigen Sportarten mittlerweile erweitert. Nun heißt es: Wenn wir uns das Blut und bestimmte Werte darin ansehen können, ist es uns möglich herauszubekommen, ob ein Sportler gedopt hat, besonders wenn es sich um Blutdoping handelt. Denn eins ist klar: Wenn Sie Blutdoping machen, verändert das zwangsläufig auch Ihr Blut. Und diese Veränderungen sind ziemlich leicht zu erkennen, mit einem recht einfachen Test.

Ines Geipel: Ist der Blutdopingpass wirklich ein Erfolg? Also, was wird wirklich getestet?

Robin Parisotto: Natürlich kann er nicht jeden überführen, der Blutdoping durchführt. Aber der Pass macht es dem Athleten doch um Einiges schwerer. Was man mit Blutdoping erreichen will, ist ja die Zunahme an Hämoglobin im Blut, also jener Substanz, die den Sauerstoff transportiert. Und irgendwann müssen Sie dann als Doper den Hämoglobinspiegel auf ein bestimmtes Niveau erhöhen. Und das ist das, was das Ganze für die Tester verdächtig macht. Wenn Sie das nicht machen, dann haben sie auch keinen Nutzen von Blutdoping.
Also ich glaube, am Ende können wir mit diesem Test und dem Blutpass ganz gut einschätzen, wer Blutdoping macht und wer nicht. Das heißt, die verdächtig sind, kann man gezielt verfolgen. Und eines Tages werden sie den Fehler machen, mit dem wir sie überführen können.

Ines Geipel: Aber wie real ist das für den globalen Sport? Der Blutpass ist für die Summe der Athleten letztendlich zu teuer, denn im Grunde muss er ja ganz früh ansetzen. Man muss ja praktisch wie als Jugendlicher wenigstens einen Blutpass aufgebaut haben, sonst hat der ja auch keinen Wert.

Robin Parisotto: Die Wahrnehmung ist, dass der Blutpass teuer und ineffektiv ist und dass er zu viele Ressourcen bindet. Ich halte das für Unsinn. Ich arbeite in einem Labor, das 700 bis 800 Bluttests pro Tag durchführt. Und zwar wirklich jeden Tag, 365 Tage im Jahr. Ich weiß, ich kann 50 Bluttests für den Preis von einem Urintest machen. Sehen Sie, bezogen auf Kosten und Effektivität und den sofortigen Zugang zu einem Athleten, ich meine, das sonst übliche Warten auf die Abgabe einer Urinprobe, hat der Bluttest nur Vorteile. Es gibt viele falsche Berichte in der Öffentlichkeit darüber, und die beeinflussen das Meinungsbild natürlich. Die Leute denken: Das ist alles viel zu schwierig, viel zu teuer, auch zu invasiv. Außerdem mögen es die Sportler nicht, also lasst es uns vergessen.

Ok, der Bluttest wird nicht die Steroide, oder was immer du auch nimmst, feststellen, aber man könnte bei der Gelegenheit, wenn das Blut abgenommen wird, zusätzlich eine Urinprobe machen. Und weil der Test für EPO und Sero tatsächlich sehr teuer in der Durchführung ist, könnte man erst einmal die Blutprobe untersuchen. Das heißt, man kann 50 untersuchen und sagt am Ende: Okay von diesen 50 Blutproben sind 2 verdächtig. Und wir testen jetzt nur noch die zwei dazugehörigen Urinproben. Ein Vorgehen, das den Drogentestern viele, viele Tausende Dollar sparen würde.

Ines Geipel: Wenn Sie von Blutsport sprechen oder von Blutdoping, meinen Sie damit auch das molekulare Doping? Also, Sie haben ja viel über Gendoping geschrieben, was ist Ihre Beobachtung? Wie weit ist das in den Sport wirklich hineingegangen oder waren das eher Befürchtungen?

Robin Parisotto: Blutdoping ist im Moment in der Praxis wohl begrenzt auf EPO, Sero, was die neue Generation von EPO ist, des Weiteren Blutdoping, indem Sie Ihr eigenes oder das Blut eines anderen verwenden und noch eine andere Blutdopingklasse, ein sogenannter Hämoglobin-Ersatz. Das sind alles Drogen, die so kreiert sind, dass sie den Effekt von Hämoglobin nachahmen.

In Bezug auf die Genetik existiert bereits eine breite Forschung, die es möglich macht, Deinen Körper genetisch zu optimieren, um mehr Hämoglobin zu produzieren. Das ist bereits machbar. Dabei geht es um das Ausschneiden eines bestimmten Gens und das Einsetzen in Deinen Körper, sodass Dein Körper dann mehr Hämoglobin auf "natürlichem” Weg herstellen kann. Diese Forschung ist da, und es ist bewiesen, dass es funktioniert. Das Problem dieser Methoden ist nur: Wie stellt man das Ganze wieder ab? Denn produziert dein Körper zu viel Hämoglobin, dann führt dich das auf jeden Fall zum Tod.

Ines Geipel: Wir haben in Deutschland grad so eine Diskussion: Das ganze chemische Enhancement kommt ans Ende, und gerade im Sport gibt es Forschungen im Sinne des technischen Enhancement – also so etwas wie deep brain stimulation, photo genetics, diese Geschichten. Haben Sie eine Beobachtung weltweit, was sich da tut?

Robin Parisotto: Eine großartige Frage, wirklich. Ja, sicher, es gibt Drogen, die jetzt ausprobiert werden, um das Gehirn zu stimulieren. Dafür nutzt man vor allem die ADHD-Medikamente oder ähnliche aus dieser Klasse. Die Idee beispielsweise bei Metaphenol ist, den Athleten oder eher sein Gehirn, wenn es müde wird, davon abzuhalten, schlechte Entscheidungen zu fällen. Man möchte, dass das Gehirn aktiv bleibt, obwohl der Körper anfängt, Zeichen von Ermüdung zu zeigen. Es geht darum, weiterhin rational entscheiden zu können.

Wenn es um technische Optimierungen in der Zukunft geht, muss man auf eine bestimmte Website verweisen einer amerikanischen Organisation, die DARPA heißt oder auch Defence Advance Research Project Agency. Die beschäftigen sich mit der geistigen Optimierung des Menschen. Und was immer diese Forscher herausfinden, werden die Athleten aufgreifen. Sie werden versuchen, diese Art von Wissen, diese technischen Kapazitäten für die Optimierung menschlicher Wesen für sich zu nutzen, und das Ganze sogar noch einen Schritt weiter zu treiben.

Eine der verrückteren Projekte, an denen die DARPA im Moment arbeitet, ist der Versuch, das Gehirn so zu programmieren, dass es auf andere Weise funktioniert. Also wenn beispielsweise ein bestimmter Teil deines Gehirns müde wird, geht es um die Möglichkeit, die Aktivitäten des Gehirns in einen anderen Teil zu verlagern, der wach ist. Eine Art doppelte Buchführung des Geistes sozusagen.

Die DARPA-Forschung schließt auch natürliche Substanzen ein, die als Ersatz genutzt werden können. Zum Beispiel: Wir wissen, dass ein Athlet ohnehin einen hohen Metabolismus hat. Wenn man jedoch die richtigen Ersatzstoffe einsetzen würde, ließe sich das Niveau relativ problemlos erhöhen. Auf diese Weise damit könnte man von vornherein ein höheres Basisniveau für den Metabolismus eines Athleten schaffen. Es gibt aktuell Forschungen und Experimente zu Substanzen und Ersatzstoffen, die auf dieses andere physische Niveau aus sind.

Was die Fotogenetik oder die Fotomodulation betrifft: Diese Technologie wird vor allem bei Verletzungen eingesetzt, um Genesungsprozesse zu optimieren, also bei schlimmen Sehnen- und Bänderrissen oder Ähnlichem. Dabei machen die Forscher, ich würde sagen, unrealistische Voraussagen. Sie sagen, dass der Heilungprozess, der sonst Wochen und Monate dauert, nur noch Stunden oder Minuten benötigt.

Das sind so ein paar Dinge, an denen die DARPA gerade arbeitet und ich bin mir sicher, dass viele Athleten, das sehr genau im Blick haben. Eine Sache, die sehr bald praktiziert werden wird, ist eine Schmerzimpfung. Man hat bereits nachgewiesen, dass das funktioniert und dass eine solche Impfung für 30 Tage vorhält. Das heißt, um über eine Langzeitverletzung etwa hinwegzukommen, braucht man nicht mehr andauernd Schmerzmedikamente gespritzt bekommen oder hohe Dosen von Schmerztabletten einnehmen. Vielmehr bekommt man diese Schmerzimpfung, etwa vor einem Wettkampf und damit ist für 30 Tage schmerzfrei.

Ines Geipel: Gibt es in Australien dieselbe Bewegung, dass die Drugs im Sport in die Gesellschaft hineingegangen sind? Also die Zahlen in Deutschland, was Chemie betrifft, sind unwahrscheinlich hoch und dadurch, dass wir so eine Leistungsdruckgesellschaft sind, steigen sie auch rapide.

Robin Parisotto: Menschen suchen heute nach Optimierung durch alle möglichen Mittel, egal, ob es nun Medikamente sind wie Viagra oder Medaphenol oder auch viele der ADHD-Medikamente. Es geht darum, noch leistungsfähiger zu sein, die Konzentration zu steigern und so weiter. Viele Universitätsstudenten benutzen die ADHD-Medikamente, um ihre Aufmerksamkeit zu halten und ihre Examina zu bestehen.

Wir leben in einer Zeit, wo das, wir Enhancement nennen, zur Norm geworden ist. Viele Menschen gehen heute zum Arzt, nicht etwa weil sie krank sind, nein, es geht ihnen gut, sondern weil es ihnen noch besser gehen soll, sie wollen sich besser fühlen, sie wollen bessere Leistungen bringen. Das zieht sich durch alle Felder menschlicher Ambitionen.
Das ist eine Kultur. Sie greift um sich und setzt sich mehr und mehr durch. Und dann haben wir den Elitesportler, dem wir sagen: Du kannst nicht Teil dieser Gesellschaft sein. Du darfst dich nicht dopen. Und genau an der Stelle wird die Gesellschaft in 20 oder 30 Jahren scheitern. Das heißt, wenn es die einhellige Ansicht durch die Gesellschaft gibt, der Athlet darf gar nichts, aber die Gesellschaft alles, um sich zu optimieren, ist das das Ende jeder Dopingdiskussion. Denn wie wollen sie das dem Sport gegenüber noch begründen? In dem Moment sagen wir doch, Doping ist kein berechtigtes Problem mehr. Im Grunde sagt die Gesellschaft dann: Wenn die Chemie der Weg ist, das Beste aus dir herauszuholen, dann ist das auch das Beste für die Gesellschaft oder die menschliche Rasse.

Das sind die Überlegungen, die Prozesse, die momentan draußen, in der Gesellschaft, stattfinden. Und das ist eben auch die Situation, gegen die ich und meine Kollegen jeden Tag ankämpfen. Denn das ist die öffentliche Meinung. Jeden Tag wird sie stärker und stärker. Da draußen will man nichts wissen über Drogen im Sport oder etwa, wer positiv getestet wurde. Die Leute wollen wissen, wer gewonnen hat, wie schnell der Sieger war, und wie viel Geld er bekriegt hat.

Ines Geipel: Am Ende wollte ich noch mal auf Ihre Karriere sozusagen als absoluter Spezialist für Blutdoping in Australien selber zurückkommen. Sie sind viel zu jung, um praktisch mit all dem Wissen nicht mehr im Bereich des Sports tätig zu sein.

Robin Parisotto: Es ist sehr schwierig für einen Wissenschaftler oder auch Forscher, eine Botschaft zu vermitteln über einen Dopingtest. Wie er entwickelt wurde, wie er angewendet wird, dessen Wissenschaftlichkeit. Die Gesellschaft will darüber nichts wissen. Aber wenn man ihr die Botschaft vermitteln könnte, dass Doping und Sport gefährlich sind, und dass man damit nicht rumpfuschen darf, und wenn man dafür eine Art fiktionaler Erzählung verwenden würde, glaube ich, dass das eine größere Wirkung hätte als noch eine weitere Arbeit über noch einen weiteren wissenschaftlichen Dopingtest zu schreiben.

Es ist nämlich die breite Gesellschaft, die sich dafür öffnen muss. Vielleicht sollten Wissenschaftler wie ich einen Schritt zurücktreten und sagen, lass uns etwas schreiben, das unterhaltend ist. Ist das nicht wichtiger, als vorwiegend wissenschaftlich zu schreiben und damit für die Mehrheit langweilig.

Ines Geipel: Wenn ich das höre oder wenn ich Sie richtig verstehe, wovon wird Ihre Fiktion, die Sie schreiben wollen, wovon wird sie handeln, von welcher Geschichte des Sports oder geht es gar nicht um Sport?

Robin Parisotto: Der rote Faden für die Geschichte ist schon ausgelegt. Sie wird im Jahr 2000 beginnen und dann weit, sehr weit in die Zukunft reichen. Und sie wird beschreiben, wie die menschliche Physiologie sich verändert, wie sie über die Zeit angepasst und beeinflusst wird durch Drogen, Genetik und Politik. Aber das kann es nicht sein. Ich will einfach nicht, dass sich auch nur ein einziges Kind gezwungen sieht, auf diesen Zug aufzuspringen und Doping zu nehmen, um auf einem bestimmten Niveau Leistung zu bringen. Und wo es dann ausgesucht wird für eine nationale oder internationale Sportkarriere. Entschuldigung, aber was machen wir hier eigentlich? Mal ganz abgesehen von der großen Zahl der Athleten, die aufgrund von Doping gestorben sind. Die Leute vergessen das. Aber ich kann das einfach nicht glauben, dass die Leute diese Tatsachen, diese Fakten, einfach beiseiteschieben. Die Gesellschaft ist gegenüber der Tatsache, dass jemand im Sport gedopt wurde und daran gestorben ist, völlig gleichgültig. Das Publikum denkt: Ach, was soll's, da gibt's doch genug andere, die nachrücken werden. Hauptsache, das Spiel geht weiter. Alles geht doch einfach nur darum, unterhalten zu werden. Drogen und Sport? Darüber will ich nichts wissen. Sagen das nicht die meisten Leute?

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