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StartseiteFirmenporträtStraßenlaternen als Tankstellen18.01.2019

E-MobilitätStraßenlaternen als Tankstellen

Die Ideen, wo und wie Elektroautos an ihren Strom kommen können, werden immer vielseitiger. Ein Berliner Unternehmen hat Straßenlaternen als Elektro-Tankstellen entdeckt.

Von Klaus Lockschen

(Ubitricity/ Dradio)
Laterne wird Strom-Tanke (Ubitricity/ Dradio)

"Stadtmöbel" nennt Frank Pawlitschek sie schlicht, wenn er von Straßenlaternen spricht. Geschätzt rund zehn Millionen gibt es hierzulande davon. Doch als nächtliche Lichtquelle allein viel zu schade, meint der studierte Jurist. Zusammen mit seinem damaligen Kanzleikollegen Knut Hechtfischer hat er vor zehn Jahren das Unternehmen Ubitricity auf die Beine gestellt, das seinen Firmensitz auf dem Euref-Campus in Berlin-Schöneberg hat, einem Standort für Projekte rund um das Thema Erneuerbare Energien mit seinem markanten, von Günther Jauchs Polit-Talk bekannten Gasometer.

"Ubitricity, da ist der Name schon Programm. Es kommt von ubiquitous und electricity, heißt, von überall Ökostrom verfügbar zu machen".

Für Elektroautos, damit diese während ihrer Standzeiten an einer x-beliebigen Laterne andocken und neue Kraft ziehen können. Das ist die Vision der Firmengründer.

"Stadtmöbel" als Tankstellen

Denn bis dato gibt es hier lediglich 13.000 öffentliche Ladestationen. Auf je 4.500 Einwohner Berlins etwa kommt nur eine, in Oslo sind es aber bereits zehn. Die Infrastruktur ist teuer. Einfache Ladestationen kosten rund 15.000 Euro, bei Schnellladestellen liegt der Aufwand im sechsstelligen Bereich. All das bremst den Hochlauf beim Absatz von batterieelektrischen Pkw.

"Es geht vor allen Dingen darum, günstige Ladeinfrastruktur und damit mehr Ladeinfrastruktur an Orten aufbauen zu können, wo sie ganz dringend gebraucht wird".

Im Rahmen von Smart-City-Aufrüstung werden Laternen von den Kommunen derzeit sukzessive auf moderne LED-Leuchtmittel um - und mit Kommunikationselektronik und Sensorik nachgerüstet, sagt der 43-Jährige.

"Wenn man da das Thema miterledigt, dann sind die Mehrkosten überhaupt nicht spürbar".

Generell ist es kein großer Eingriff. Blende wechseln, Steckdose setzen, ein wenig Elektronik - keine halbe Stunde Arbeit, um eine Laterne umzurüsten. Kosten für die Kommunen um die 1.000 Euro.

Halbe Stunde – aus Laterne wird Tanke

Eine blau leuchtende LED, das ist alles, was dann auf die Ladestation hinweist. In London, Oxford und Cambridge hat Ubitricity bereits einige hundert Straßenlampen umgebaut.

"Ihr schönes viktorianisches Viertel sieht danach genauso schön aus wie vorher, weil außer einem schwarzen Deckel in einem schwarzen Lichtmast überhaupt nichts rausguckt".

Auf dem heimischen Markt dauert es länger als erwartet. Aber auch hier kommt´s ins Rollen. In Berlin wurden bereits Laternen umgebaut, auch die Ruhrgebietsstädte Dortmund, Schwerte, Iserlohn sind dabei. Und auch Kommunen in Frankreich und Belgien stehen auf dem Plan. Unterm Strich ist das Unternehmen jetzt bei rund 1.000 Ladepunkten.

"Wir werden jetzt in den nächsten Jahren eine deutliche Steigerung sehen. Alleine das, was hier in Deutschland im Rahmen von den Saubere-Luft-Projekten geplant ist, plus dem, was wir jetzt in UK rund um Ausschreibungen sehen, wird dazu führen, dass wir mit den Ladepunkten in den nächsten zwei Jahren in den fünfstelligen Bereich reinkommen werden".

Eines läuft an diesen Stromtankstellen aber deutlich anders als an herkömmlichen Ladesäulen: Nicht der Betreiber entscheidet, welcher Strom bezogen wird, sondern der Nutzer.

"Wir mobilisieren Strom, wir schieben einen Teil der Infrastruktur dorthin, wo sowieso schon schlaue Technik ist, nämlich zum Auto, und lassen das Auto seinen eigenen Stromvertrag mitbringen".

Im Zentrum: das smarte Ladekabel

Das geschieht über ein von Ubitricity entwickeltes Ladekabel. Darin integriert ein Stromzähler, der über eine Mobilfunkanbindung das Autorisierungsprocedere aktiviert. Einfach eingesteckt und die Laternensteckdose wird aufgeweckt, der Ladevorgang startet dann nach PIN-Eingabe.

"Zum Schluss versuchen wir nichts anderes als den Wandel von einem stationären zu einem mobilen Stromdenken. Man könnte sagen: wir versuchen, das zu tun, was im Bereich der Telekommunikation vor 30 Jahren mal angefangen hat, als wir uns vom stationären Telefon wegbewegt haben hin zum Mobiltelefon".

Ubitricity ist dabei nur der Hardwarehersteller und Datenverarbeiter.

"Unsere Rolle konzentriert sich auf das Thema Daten. Wir sind im Wesentlichen ein Datendienstleister, wir sammeln die Verbrauchsdaten dieser intelligenten, mobilen Zähler ein. Wissen also, welcher Zähler wo in einem Stromnetz wieviel Kilowattstunden geladen hat und auch genau, wann er sie geladen hat. Und auf Basis dieser Daten können wir es einem Mobilstromlieferanten möglich machen, diesen mobilen Zähler mit eigenem Strom zu beliefern".

Deutschlandweit machen derzeit rund zehn Mobilstromanbieter mit. Die sind letztlich die Vertragspartner für die Nutzer der Elektroautos. Letztere können also ihren individuellen Stromvertrag - wie etwa für die eigene Wohnung - auch für das Auto abschließen, Ökostrom, Flatrate, wie´s beliebt.

E-mobiler Dino

Man gehöre nach zehn Jahren zu den Dinosauriern in Sachen E-Mobilität, sagt Pawlitschek, der Atem sei lang. Das liege auch daran, dass als Gesellschafter Siemens, die Unternehmerfamilie Dürr und der französische Elektrizitätskonzern Electricité de France mit im Boot säßen. Auch wenn das Unternehmen mit seiner knapp 50-köpfigen Belegschaft noch weit entfernt von schwarzen Zahlen sei: das tiefe Tal der Tränen sei durchlaufen. Städte und Gemeinden machten sich nun fit für die Elektromobilität. Auch New York sei auf dem Weg. Dort hatte Ubitricity jüngst einen Klimaschutzpreis für das Konzept gewonnen. Damit verbunden auch die Chance, ein Pilotprojekt zu starten.

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