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StartseiteKultur heuteSchwarze Weltbürgerschaft im Haus der Kulturen der Welt12.07.2019

"Echoes of the South Atlantic" Schwarze Weltbürgerschaft im Haus der Kulturen der Welt

Transatlantische Beziehungen sind mehr als nur Gespräche zwischen Brüssel und Washington. Die Beziehungen zu den Staaten über den Südatlantik hinweg standen im Mittelpunkt der Berliner Konferenz: Die Karibik, Südamerika und Afrika wurden in den Blick genommen und die Gefahr der Neuen Rechten diskutiert.

Von Franziska Buhre

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Performance von Michelle Mattiuzzi und Jota Mombaça im Rahmen der Konferenz "Echoes of the South Atlantic" im Berliner Haus der Kulturen der Welt am 11.07.2019 (Sebastian Bolesch)
Michelle Mattiuzzis und Jota Mombaças Performance bei "Echoes of the South Atlantic" im Berliner HKW (Sebastian Bolesch)
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Wenn hierzulande von der Pflege transatlantischer Beziehungen die Rede ist, geht es meist nur um das Verhältnis zwischen Europa und den USA. Der Südatlantik kommt darin praktisch kaum vor. Der britische Kulturwissenschaftler Paul Gilroy arbeitet seit Jahrzehnten daran, die Koordinaten des europäischen Selbstverständnisses auch auf die Karibik, Afrika und Südamerika auszuweiten. Sein Buch "The Black Atlantic" erschien 1993 und ebnete den Weg für die Reflexion der Rolle und Geschichte der schwarzen Diaspora in der so genannten westlichen Welt. Zu Beginn seines Vortrags bei der Konferenz "Echoes of the South Atlantic" las Gilroy Europa erst einmal die Leviten. 

Farbige Weltbürgerschaft

"Es wäre dumm anzunehmen, dass die Nationalisten und Rassisten des Nordens und Südens nicht bereits eng miteinander verbunden sind. Sie haben gemeinsame Taktiken, sie machen sich lustig, sie koordinieren strategische Angriffe auf Journalisten und machen keinen Hehl aus ihrer Feindseligkeit gegenüber Bildung. Die Gefahr besteht darin, dass Rassenpolitik zu einer allgemeinen Aktivität wird, angetrieben von der Rhetorik aus den USA."

Was also wäre der Nord-Süd- und Europa-US-Allianz der Neuen Rechten entgegensetzen? Gilroy schlägt vor, sich wieder auf den Gedanken einer Weltbürgerschaft aus dem schwarzen atlantischen Ideen-Archiv zu besinnen. Seine Galionsfigur ist der Soziologe und Vordenker des Antirassismus und Panafrikanismus W.E.B. Du Bois. Von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu seinem Tod 1963 forderte er die volle Gleichberechtigung schwarzer Menschen. Er unterstützte antikoloniale und emanzipatorische Bewegungen in Afrika. Du Bois setzte auf die Entwicklung einer eigenen Identität, frei von den Definitions- und Gebietsansprüchen weißer Herrschaft.

Falscher Maßstab Europa

"Du Bois, seine Kollegen und Nachfolger, agieren mit einer globalen Dimension. Sie vermitteln, dass der Schlüssel zur Moderne nicht allein eine Frage der gewaltsamen europäischen Expansion ist oder nur die Anhäufung von Kapital oder Staatenbildung betrifft. Vielmehr wird die Frage nach Kultur zentral, die wir dann anders bedenken sollten, nämlich eher in flüssigen Formen als in abgegrenzten Gebieten."

Ähnlich kritisiert der Filmemacher Jean Pierre Bekolo aus Kamerun den anhaltenden Bezug auf Europa, wenn es darum geht, Gesellschaften in Afrika zu beschreiben. Ein anderes Modell hat er in afrokolumbianischen Gemeinschaften an den Atlantik- und Pazifikküsten im Norden Kolumbiens gefunden. Dort bekämpften die Cimarrons, entflohene Sklaven, einst die spanischen Unterdrücker. Und immer noch ist Europa ein Maßstab.  

"Widerstand war von großem Nutzen, so haben die Menschen 400 Jahre lang überlebt. Aber in diesem Widerstand ist Europa noch immer präsent. Diese Präsenz sollte irgendwann einmal verschwinden. Wenn afrikanische Länder als postkolonial definiert werden, ist der Westen auch eine Referenz. Aber diese europäische Präsenz inmitten der schwarzen Welt finde ich problematisch. Genau das versuche ich in der Geschichte, die ich erzählen will, zu dekonstruieren."

Schwarze Emanzipation

Im Widerstand gegen die spanische Kolonialmacht besetzten Afrokolumbianer Land, seit 1991 besitzen sie im Gebiet von Chocó eigenen Grund und Boden. Jean Pierre Bekolo knüpft an diese Geschichte an. Sein Filmprojekt handelt von einer Gemeinschaft, welche die Kolonialmacht nicht mehr bekämpft, sondern im Regenwald verschwindet und dort eine eigene Zivilisation gründet. So entwirft Bekolo seine Vision eines "New Black", einer neuen schwarzen Emanzipation. Er hofft, dass sein spekulatives Kino beitragen kann zu einer Idee von Afrika, in der Menschen anders über Territorien nachdenken. 

"Deshalb möchte ich nach Afrika zurückkehren. Ich stelle die Frage wie die Idee, Afrikaner zu sein, heute gestärkt werden kann. Viele Menschen glauben nämlich, dass die Vorstellung eines geeinten Afrika hinter uns liegt. Vielleicht sind diese Afrokolombianer afrikanischer als viele Afrikaner: Denn sie haben ihr kleines Afrika 400 Jahre lang behalten, während die Menschen in Afrika nicht wirklich dafür kämpfen, auch nur etwas von diesem Kontinent zu behalten."

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