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StartseiteBüchermarktErinnerungen als bleierne Bürde27.01.2020

Eddy de Wind: "Ich blieb in Auschwitz"Erinnerungen als bleierne Bürde

Der niederländisch-jüdische Arzt Eddy de Wind kam 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz. Am Tag der Befreiung gehörte er zu den wenigen Überlebenden. Zwischen Januar und Juli 1945 schrieb de Wind nieder, was ihm und anderen angetan wurde. Seine persönliche Chronik ist ein kostbares Zeitdokument.

Von Sigrid Brinkmann

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Sonnenaufgang im Morgennebel vor den halb offenen Drahttoren des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau in Oswiecim, Polen.  (Getty Images / Staff / Christopher Furlong)
"Bericht eines couragierten, verzweifelten, liebenden und an die Freiheit glaubenden Mannes": Eddy de Wind hat mit "Ich blieb in Auschwitz" ein aufwühlendes Zeitdokument verfasst. (Getty Images / Staff / Christopher Furlong)
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Als Eddy de Wind im Januar 1945 zu notieren begann, was ihm, seiner Frau und anderen Mitgefangenen in Auschwitz zugefügt worden war, glaubte er, das Schreiben würde ihn von quälenden Erinnerungen befreien und helfen, "einen Schlussstrich zu ziehen". Das war mitnichten der Fall. Mehr noch: Die Behandlung kriegstraumatisierter Menschen, auf die Eddy de Wind sich in den Nachkriegsjahrzehnten als Arzt und Psychoanalytiker spezialisierte, zeigte, dass deren Erleben auch auf der nachkommenden Generation wie Blei lastete.

Was de Winds Bericht "Ich blieb in Auschwitz" zu einem einzigartigen Dokument macht, ist der unverfälschte Ton. Nichts wurde nachträglich hinzugefügt oder gestrichen. Wir begreifen schnell: Eine unstillbare Sehnsucht nach dem Leben mobilisierte die nötigen Kräfte, um das Unerträgliche auszuhalten.

Eddy de Wind, der für seine Schilderungen die Erzählerfigur des Arztes Hans van Dame schuf, spricht vom Anblick "blau verschwommener Berge" und erst danach von Lagerblöcken, Stacheldraht, den ewig lodernden Krematorien und jenem Kapo, der ihm bei der Einquartierung lachend prophezeite, er werde "wie alle Holländer binnen vier Wochen krepieren".

Auschwitz – ein eigenes Universum

"Wie groß ist die Ebene, die sich in der strahlenden Frühlingssonne ausbreitet? Ein Tagesmarsch für Nichtgefangene. Eine Stunde zu Pferd, bei schnellem Trab. Für uns ist es weiter, viel weiter, unendlich weit. Die Berge sind nicht von dieser Welt, nicht von unserer Welt."

Die jähe Erkenntnis, dass das Konzentrationslager ein eigenes Universum bildet, teilt Eddy de Wind mit ehemaligen Insassen wie dem französischen Widerstandskämpfer und Autor David Rousset und dem in Israel unter dem Pseudonym Ka-Tzetnik 135633 publizierenden Yehiel de Nur. Im Eichmann-Prozess berichtete de Nur als Zeuge vom Leben auf dem "Planeten Auschwitz".

Eddy de Winds Blick entgeht nichts. Er registriert die Verrichtungen der Leichenträger. Er analysiert die hierarchischen Verhältnisse in den Baracken, er spricht von seinem ärztlichen Tun im Quarantäneblock und den Versuchen, die gefürchtete Abkommandierung in den Steinbruch für möglichst viele Mitgefangene hinauszuzögern. Kraft verlieh Eddy de Wind, dass seine junge Ehefrau im benachbarten "Frauenblock" arbeitete. So lange sie als Krankenschwester gebraucht wurde, blieb sie von verstümmelnden oder Tod bringenden Experimenten des Arztes Josef Mengele verschont.

"Nach drei Tagen eine Riesenfreude. Ein Päckchen von Friedel, ein paar Scheiben Brot mit Margarine und Marmelade. Im Quarantänelager wurde das Brot einfach in Stücke gerissen, doch diese Butterbrote waren ordentliche Scheiben, von einer Frau eigenhändig bestrichen – von seiner Frau."

Eddy de Wind und seine Aufzeichnungen„Ich blieb in Auschwitz. Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943-45" (Foto: privat, Buchcover: Piper Verlag)Eddy de Wind und seine Aufzeichnungen „Ich blieb in Auschwitz. Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943-45" (Foto: privat, Buchcover: Piper Verlag)

Kleine Gesten halten die Hoffnung wach

Es sind diese sorgsamen Gesten, die die Zuversicht nährten, eines nahen Tages in ein zivilisiertes Leben zurückzukehren. Knapp und sachlich beschreibt Eddy de Wind die Schinderei in Kiesgruben und das Erschlagen von Menschen, die sich vor Entkräftung kaum mehr auf den Beinen halten konnten. Er berichtet von Nächten im Stehbunker, von Exekutionen "zwischen Nacht und Nebel", vom Geräusch, dass das Fortschleifen der Leichen machte.

De Wind gehört zu jenen Lagerinsassen, die sich – der permanenten Gefährdung zum Trotz – an Momente der Schönheit klammerten.

"Im Konzentrationslager erlebt der Mensch Tag für Tag viele glückliche Stunden. Dann wird die Beleuchtung für ihn gedämpft, der Strom ausgeschaltet und der Stacheldraht gekappt. Dann kann sich die Seele aus dem erschöpften, gepeinigten Körper befreien. Das Reich, das der Häftling abends betritt, kennt keine SS, keinen Blockältesten und keinen Kapo. Dort gibt es nur einen Herrscher – das große Verlangen –, und dort gilt nur ein Gesetz: die Freiheit."

Intakte Instinkte

In einem entscheidenden Augenblick – kurz vor der Befreiung von Auschwitz – folgte Eddy de Wind einer lebensrettenden Eingebung: Mit einer Handvoll anderer Männer versteckte er sich unter einem Haufen Schmutzwäsche im Keller des Desinfektionsblocks. Die kleine Gruppe floh aus dem KZ und hauste – was im Rückblick völlig absurd anmutet – tagelang mit Wehrmachtssoldaten auf dem Rückzug in einem verlassenen Dorfhaus.

In einem Nachwort dieser 2020 zeitgleich in zwanzig Sprachen veröffentlichten Wiederauflage der Aufzeichnungen schreiben Eddy de Winds Kinder, ihr Vater hätte ihnen erzählt, er sei nach Ankunft der Russen mit anderen Befreiten auf einem großen Hitlerporträt rumgetrampelt.

"Keine Ahnung, was dabei in mir vorging. Vermutlich fand ich es eher lächerlich, als dass es meine Hassgefühle befriedigt hätte."

Die Schilderung symbolischer Handlungen war für Eddy de Wind eine Nebensache. Die Erinnerung zu verfälschen, etwas Unverzeihliches. Der Bericht dieses couragierten, verzweifelten, liebenden und an die Freiheit glaubenden Mannes ist ein aufwühlendes, wichtiges Zeitdokument.

Eddy de Wind: "Ich blieb in Auschwitz. Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943-1945"
aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt
Piper Verlag, München 2020. 240 Seiten, 20 Euro.

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