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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Die geheimen Tagebücher der Anna Haag"06.05.2019

Edward Timms"Die geheimen Tagebücher der Anna Haag"

Was konnte man in der 1940er Jahren in Deutschland wissen oder wenigstens ahnen? Die Tagebücher von Anna Haag machen deutlich: sehr viel. Zugleich ist darin festgehalten, dass eine abweichende Haltung zum NS-Regime nur im Geheimen möglich, aber immerhin möglich war.

Von Matthias Bertsch

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Hintergrund: Bild auf einer Propaganda-Postkarte des Reichsarbeitsdienstes der Nazis von 1938 Vordergrund: Buchcover (picture-alliance / dpa / Hans-Joachim Rech / Scoventa Verlag)
Edward Timms Buch bietet eine Auswahl der Tagebucheinträge und ist eine gut recherchierte Biographie. (picture-alliance / dpa / Hans-Joachim Rech / Scoventa Verlag)
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"Wer hat den Krieg angefangen? Ach so – die Russen! Es war mir geschwind, als – als hätte Deutschland angefangen. Aber ich weiss nun meine Lektion wieder richtig! Polen hat angefangen, Russland hat angefangen! Das Gesindel bekommt seinen Lohn! Weg mit ihm! Lebensraum für uns! Das ist der im Lande kursierende Goebbel`sche Sprachschatz."

Anna Haag beschreibt in ihrem Tagebuch im Oktober 1941 ein Treffen mit Freunden, die von russischen Kriegsgefangenen erzählen. Diese äßen sich in den Lagern gegenseitig auf, berichtet einer – und ergänzt, dass das ganz in Ordnung sei. Man könne es sich nicht leisten, ihnen mehr zu essen zu geben, schließlich hätten sie ja den Krieg angefangen.

Man muss Edward Timms dankbar sein, dass er uns mit Hilfe von Anna Haags Tagebüchern einen Einblick in das Denken und Reden im Nationalsozialismus gibt. Der britische Kulturhistoriker beschreibt die Einträge als "Zeitkapseln", weil sie – anders als rückblickende Schilderungen von Zeitzeugen - frei von den Verzerrungen der Erinnerung sind. Und diese andere Perspektive ist vielleicht die größte Stärke des Buches: es ist in gewisser Weise kein Buch über das "Dritte Reich", sondern aus ihm.

Bodenständig aber nicht borniert

Die 1888 geborene Anna Haag stammt aus einem kleinen Dorf in Württemberg. Sie hat fünf Geschwister, der Vater ist Lehrer, die Verhältnisse sind bescheiden. Aber Bildung und Mitmenschlichkeit sind wichtig in diesem schwäbisch-protestantischen Haushalt, und es ist wohl kein Zufall, dass Anna sich mit einem Mathematik- und Philosophiestudenten verlobt, der ihre pazifistischen Überzeugungen und ihr Bedürfnis nach eigenständigem Denken teilt. Er wird Lehrer, sie zunächst Hausfrau und Mutter. Daneben schreibt sie Zeitungsartikel und Bücher und tritt 1925 der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit bei.

Dass die Wahl Hitlers nichts Gutes bedeutet, ist Anna und Albert Haag von Anfang an bewusst und so ist das Paar froh, dass zwei ihrer drei Kinder bei Kriegsbeginn im Ausland sind. Für sie selbst ist Weggehen dagegen keine Option. 1940 beginnt Anna Haag ihre Kriegstagebücher, die sie als Schulhefte tarnt und im Keller versteckt. Sie weiß um die Gefahr ihrer kritische Gedanken.

"Ein Denunziatiönchen, eine anschliessende Haussuchung und schon wäre ich meinen Kopf los."

Die Tagebücher erzählen viel von der eigenen Betroffenheit durch den Krieg und machen deutlich, was es heißt, Nächte im Luftschutzbunker zu verbringen oder Angst um die eigenen Angehörigen zu haben. Aber, und das zeichnet sie aus, sie bleiben dabei nicht stehen, sondern nehmen immer die in den Blick, die noch viel mehr leiden. Durch Berichte von Nachbarn, Freunden und Bekannten - manche davon stramme Nazis - aber auch durch den Deutschen Dienst der BBC, den sie gemeinsam mit ihrem Mann und gleichgesinnten Freunden hört, weiß oder ahnt Anna Haag, wozu das "Dritte Reich" fähig ist.

"Ich glaube, die Juden schafft man jetzt fort, damit sie nicht da sind, wenn etwas schief gehen sollte, damit sie nicht auf diesen und jenen deuten und ihn anklagen können. Ach, ich fürchte, sie kommen alle um!"

"Ach, ich bin zu feige"

Das vertraut sie im Dezember 1941 ihrem Tagebuch an, nachdem aus Stuttgart, wo die Haags inzwischen wohnen, die Juden deportiert wurden. Von den Gaskammern ahnte Anna Haag nichts, schreibt Edward Timms, und dennoch stellt sie sich ein Jahr später die Frage, was sie tun solle.

"In die Markthalle gehen und von der Brüstung herunterrufen: "Judenmörder!" Ach, ich bin zu feige dazu. Zu feige, um sinnlos zu sterben. Die paar Männer, Weiber, die zufällig dort wären, würden mir in ihrem Inneren vielleicht recht geben, aber keiner würde die Hand erheben, um mich vor der sofortigen Festnahme zu schützen."

Ist das Feigheit? Oder kluge Einsicht? Auf alle Fälle ist es spannend zu lesen, welche innere Kämpfe sich in der damals Anfang-50-Jährigen abspielen. Im November 1941, ein halbes Jahr nach dem Angriff auf die Sowjetunion, schreibt sie: "Ich bete täglich um ein Wunder."

"Das ‚Wunder‘ könnte vielleicht so aussehen, dass vor Moskau jäh eine bittere Kälte einbräche, die es – entsetzlich, es zu denken. Hunderttausende Unschuldige müssten wohl erfrieren. Aber andere Millionen Unschuldiger würden am Leben bleiben! … Das glimpflichste, was uns geschehen könnte, wäre eine militärische Besetzung durch englische Truppen. Aber nein, das wäre zu gut für uns! Vielleicht müssen wir noch durch die russische, die polnische, die tschechische, die serbische Rache hindurch! Welch eine Perspektive des Entsetzens! Wenn auch nur ein Hundertstel von Grausamkeiten ‚gesühnt‘ würde!"

Und zwei Monate zuvor heißt es:

"Liebe Engländer! Ich bitte euch inständig um eine heilsame Züchtigung unseres Volkes, damit uns endlich diese niederträchtige Überheblichkeit ausgetrieben wird und wir das Wort ‚Bescheidenheit‘ mal wieder kennen lernen! Es muss uns so schlecht gehen, dass wir nach Gott schreien! Es gibt keinen anderen Weg, keinen anderen!"

Bis zum allerbittersten Ende

Doch die Deutschen schreien nicht nach Gott, sondern nach Vergeltung. Auch im Januar 1945 sehen sich viele als Opfer des Krieges und nicht als Täter oder Mitläufer.

"Und weil dieser Hochmut noch immer nicht zertrampelt ist, darum muss der Krieg weitergehen, bis zu seinem aller-allerbittersten Ende!"

Anna Haags Tagebücher enden im Oktober 1945, im Juni 46 wird sie – auf Initiative der amerikanischen Besatzungsmacht - Mitglied der verfassungsgebenden Landesversammlung Württembergs. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung geht wesentlich auf sie zurück. Timms Buch bietet nicht nur eine Auswahl der Tagebucheinträge, sondern ist eine gut recherchierte Biographie. Dabei bleibt manche Frage offen: Was hat Anna Haag während des Krieges eigentlich beruflich gemacht – publizieren durfte sie wohl nicht mehr -, in welcher Form musste sie das Regime unterstützen? Oder: Ist die Auswahl der Tagebucheinträge wirklich repräsentativ für die insgesamt 20 Tagebücher, die im Stuttgarter Stadtarchiv lagern? Doch diese Fragen mindern den Eindruck nicht, durch Anna Haag etwas Neues und Glaubwürdiges über das Leben im Nationalsozialismus gelernt zu haben.

Edward Timms: "Die geheimen Tagebücher der Anna Haag. Eine Feministin im Nationalsozialismus",
Scoventa Verlag, 328 Seiten, 22 Euro.

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