Mittwoch, 10. August 2022

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Ehe für alle
Darauf mussten sie lange warten

Am Sonntag gab es die ersten gleichgeschlechtlichen Eheschließungen in Deutschland. Die einen sind überglücklich, weil sie endlich verheiratet sind. Die anderen ärgern sich, denn das Thema Elternschaft bleibt für gleichgeschlechtliche Paare kompliziert.

Von Manfred Götzke | 02.10.2017

    Karl Kreile (l) und Bodo Mende sind das erste gleichgeschlechtliche Ehepaar Deutschlands, getraut im Rathaus Schöneberg.
    Sie mussten erst 59 und 60 werden, bis sie das tun durften, was heterosexuelle Paare schon mit unter 20 durften: heiraten. Seit 1. Oktober gilt in Deutschland die "Ehe für alle" (pa/dpa/Pedersen)
    Hand in Hand stehen Bodo Mende und Karl Kreile im Goldenen Saal des Standesamtes Berlin-Schöneberg. Karl Kreile wendet seinen Blick kurz von seinem Verlobten ab, um den Standesbeamten zu begrüßen, dann strahlt er ihn wieder an. In einer halben Stunde soll er kommen, der Moment, auf den die beiden schon seit Jahrzehnten warten.
    "Es geht gleich los, und heute ist der Tag, an dem Deutschland sagt, homosexuelle Partnerschaften sind keine Partnerschaften zweiter Klasse mehr, sondern wir sind gleichberechtigte Partner wie Heterosexuelle auch, und das ist sehr, sehr gut so", sagt Mende.
    Mit 59 und 60 dürfen sie endlich heiraten
    38 Jahre sind die beiden zusammen, sie sind schon gemeinsam durch gute und schlechte Zeiten gegangen. Kreiles Stirn ist etwas höher geworden in all den Jahren, Mendes Haar silbergrau.
    "Und so ist man dann im hohen Alter, mit von 59 und 60 Jahren, auf einmal das jung verliebte Ehepaar", sagt Bodo Mende.
    Seit Jahrzehnten kämpfen Kreile und Mende gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben, für Gleichberechtigung. Schon 1992 haben sie die Aktion Standesamt mitorganisiert, bei der Homosexuelle Paare symbolisch Ihr Ehe-Aufgebot in deutschen Standesämtern gemacht haben.
    1992 waren sie bei der Aktion Standesamt dabei
    Kreile erzählt: "Auch damals waren wir nicht frisch verliebt, sondern schon 13 Jahre zusammen und im ehefähigen Alter. Aber wir mussten dann noch 25 Jahre warten."
    2002 haben sie sich als erstes schwules Paar in Deutschland verpartnert. An diesem Sonntag sind sie wieder die ersten. Die Bürgermeisterin von Berlin-Schöneberg, Angelika Schöttler, hat für ihre Hochzeit extra das Standesamt geöffnet.
    Fast so viele Journalisten wie Hochzeitsgäste
    Kurz nach neun füllt sich der Trausaal, mehr als 100 Gäste sind gekommen, fast ebenso viele Journalisten. Um den mit Regenbogenfähnchen geschmückten Traualtar hat sich eine Traube von Kamerateams gebildet. Sie ringen um den besten Platz, um gleich das erste echte Ja-Wort zwischen Mann und Mann zu dokumentieren. Das Brautpaar stört der Trubel nicht. Das Private ist heute politisch.
    Und es ist noch nicht vorbei, meint Kreile: "Der Staat kann sich jetzt nicht zurückziehen, sagen, wir sind jetzt fertig! Sondern, es muss weiter daran gearbeitet werden, dass wir in Deutschland auch die gesellschaftliche Gleichberechtigung bekommen."
    Mende will den Blick auf ganz Europa weiten: "Der gleiche Auftrag an die deutsche Regierung ist auch natürlich, ihr Gewicht in Europa dafür einzusetzen, dass in anderen Ländern auch Schluss gemacht wird mit der Diskriminierung von Homosexuellen."
    Standesbeamter äußert seine Freude
    Um Punkt halb zehn schreitet das Paar durch den Mittelgang des Saals, setzt sich vor den Traualtar.
    Der Standesbeamte sagt: "Ein ganz besonderer Anlass führt Sie heute hierher. Sie möchten den Bund der Ehe schließen."
    Die Bürgermeisterin spricht noch ein paar Sätze, dann ist er gekommen, der große Moment, auf den Mende und Kreile so lange gewartet haben.
    Der Moment, auf den sie 38 Jahre gewartet haben
    "Herr Mende, ist es Ihr freier und ungezwungener Wille, mit dem hier anwesenden Karl Kreile die Ehe einzugehen? Dann antworten Sie mit 'Ja, ich will.'"
    "Ja, ich will."
    "Herr Kreile, ist es auch Ihr freier und ungezwungener Wille, mit dem hier anwesenden Bodo Mende Ihre Ehe einzugehen, dann antworten sie mit: 'Ja, ich will.'"
    "Ja, ich will."
    Die Anwesenden applaudieren.
    "Da Sie beide meine Frage mit Ja beantwortet haben, erkläre ich Sie kraft Gesetztes zu rechtmäßig verbundenen Eheleuten."
    Die Anwesenden applaudieren erneut.
    "Ich darf meinen Lieblingssatz sagen: Natürlich dürfen sie sich jetzt auch küssen."
    Minutenlang küssen sie sich unter dem Jubel der Gäste. Vielen laufen Tränen über die Wangen.
    Am selben Tag ist ein lesbisches Elternpaar gefrustet
    Zehn Kilometer weiter östlich, in Berlin-Friedrichshain. Kristin und Margot sitzen auf einer Holzbank, nippen an einem alkoholfreien Bier. Sie nehmen sich eine kurze Auszeit, nach tagelangem Kampf mit Ämtern und Formularen. Für das lesbische Paar ist der 1. Oktober 2017 kein Tag zum Feiern. Sie sind frustriert.
    "Es hat sich so ein bisschen angefühlt wie so ne Hülle, die sie da verkauft haben, noch mal kurz vor der Wahl", sagt Kristin. "Ehe für alle, alle freuen sich, die Kanzlerin hat's möglich gemacht. Und dann stellt man fest: Nee, Frauen sind da immer noch nicht gleich gestellt."
    Kristin ist im fünften Monat schwanger, sie will das Kind mit ihrer französischen Freundin aufziehen, mit gemeinsamem Sorgerecht. Die beiden Frauen Mitte 30 waren davon ausgegangen, dass Margot nach der Heirat automatisch als Mit-Mutter anerkannt wird. Genauso wie das bei heterosexuellen Ehepaaren der Fall ist.
    Adoptionsprozess für Mit-Mutter bleibt aufwändig
    "Als die Ehe für alle kam, dachte ich, wenn wir schon gezwungen sind zu heiraten, haben wir wenigstens nicht mehr diesen ganzen Adoptionsprozess an den Hacken, um dann halt festzustellen, nee, es ändert sich nichts. Es heißt jetzt halt nur anders", sagt Kristin.
    Auch wenn die beiden künftig verheiratet sind, muss Margot das gemeinsame Kind in einem aufwendigen Prozess adoptieren. Und sich so die Mutterschaft anerkennen lassen.
    Änderung im Abstammungsrecht?
    Margot schildert das Prozedere: "Wir sind sehr gespannt, was uns erwartet, man wird auch besucht, Sachen werden nachgewiesen, was man beruflich macht, wie man lebt, wie es finanziell aussieht. Es ist möglich, dass sie am Ende sagen, es reicht nicht, wir werden sehen wie das läuft."
    Noch-Justizminister Heiko Maas hat vorgeschlagen, das Abstammungsrecht im Sinne des Paares ändern zu lassen. Eine von ihm eingesetzte Kommission sprach sich dafür aus, dass der zweite Elternteil in einer rechtlich gesicherten, lesbischen Beziehung auch von einer "Mit-Mutter" besetzt werden kann. Automatisch, ohne Adoption. In die "Ehe-für-Alle" sind diese Überlegungen nicht eingegangen - war es doch ein Schnellschuss kurz vor den Wahlen?
    "Es hätte auch schneller gehen können"
    Im Schöneberger Standesamt lässt sich das frisch vermählte Paar feiern, bejubeln. Mende und Kreile wollen weiterkämpfen, bis die letzten Diskriminierungen in Deutschland verschwunden sind. Doch heute feiern sie einfach nur, was sie bisher erreicht haben, sagt Mende:
    "Wir sind so überglücklich, dass es endlich funktioniert hat! Ein ganz langer Kampf, 38 Jahre, Mann! - Es hätte auch schneller gehen können."