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StartseiteTag für TagNicht nur Lückenbüßer für fehlende Pfarrer13.11.2019

Ehrenamtliche SeelsorgerNicht nur Lückenbüßer für fehlende Pfarrer

Die evangelische Kirche verliert nicht nur Mitglieder, sondern auch Pfarrer. Manche Aufgaben übernehmen Ehrenamtliche - auch in der Seelsorge. Etwa in Krankenhäusern oder Altenheimen. Das muss kein Hauptamtlicher machen, sagen Theologen. Das allgemeine Priestertum sei ur-protestantisch.

Von Monika Dittrich

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15.07.2010, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Hospiz. Die Hand einer Pflegerin haelt die Hand eines sterbenden Mannes. (QF, ältere, älterer, berühren, Berührung, bettlägerig, europäisch, Fürsorge, fürsorglich, Hände, häusliche Pflege, Menschenwürde, menschenwürdiges Sterben, Nähe, trösten) 00X110715D001.JPG MODEL RELEASE: YES,RELEASE: (imago stock&people)
Die evangelische Kirche bildet ehrenamtliche Seelsorger aus (imago stock&people)
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Freitagnachmittag, 17 Uhr. Feierabendzeit für viele Menschen. Nicht so im Seminarraum der Evangelischen Kirche in Burscheid in Nordrhein-Westfalen. Hier geht es jetzt erst los.

"Ich lade Sie zum Grundmodul 'Geistliche Kompetenz' ein. Also wie war mein geistlicher Weg? Welchen religiösen, spirituellen Weg habe ich selber genossen, zurückgelegt", sagt Andrea Gorres. Sie ist promovierte Theologin und Seelsorgereferentin im Kirchenkreis Leverkusen.

Sie leitet die Ausbildung für ehrenamtliche Seelsorger. Menschen also, die im Auftrag der evangelischen Kirche in Krankenhäusern, Altenheimen oder bei Notfällen Trost spenden wollen.

Für Seelsorge interessieren sich vor allem Frauen

Die acht Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer sitzen in einem Stuhlkreis und hören ihr aufmerksam zu: "Das ist das Seminar, wo man einmal gut durchgepustet wird, sowohl persönlich und auch spirituell. Wem das zu viel wird, mir kurz anzeigen und dann Pause machen."

Die Theologin Andrea Gorres ist Seelsorgereferentin im Kirchenkreis Leverkusen (Deutschlandradio / Monika Dittrich)Die Theologin Andrea Gorres ist Seelsorgereferentin im Kirchenkreis Leverkusen (Deutschlandradio / Monika Dittrich)

In den kommenden vier Stunden wird es um eigene religiöse Erfahrungen gehen, um den eigenen Umgang mit Tod und Trauer, Schuld und Vergebung – und schließlich um die Frage, wie man anderen Menschen in Notsituationen beistehen kann, wie man reagiert, wenn sie existenzielle Fragen stellen, wenn sie über ihren Glauben oder ihre Zweifel sprechen wollen.

Seelsorger sollen nicht missionieren

Ein Jahr lang dauert der Kurs, mit monatlich etwa 15 Stunden. Wer im Anschluss ehrenamtliche Seelsorge-Aufgaben im Kirchenkreis Leverkusen übernimmt, muss dafür nichts bezahlen. Die Nachfrage ist groß. Es kommen vor allem Frauen, aber nicht nur. "Die sind in ihrer Lebensmitte, sie haben eine berufliche und eine private Karriere hinter sich und möchten etwas anderes für die zweite Lebenshälfte", erzählt die Theologin Andrea Gorres. "Das sind Menschen, die oft etwas Gutes erfahren haben im zwischenmenschlichen Bereich und so etwas auch weitergeben möchten. Die haben meistens auch eine spirituelle Sehnsucht oder eine Lust, ihre eigene Religion in den Blick zu nehmen."

Eine bestimmte Religions- oder Konfessionszugehörigkeit sei keine Voraussetzung für die Teilnahme, sagt Seminarleiterin Andrea Gorres. Es gehe schließlich nicht darum, als Seelsorger zu missionieren.

Das Seminar ist in unterschiedliche Module unterteilt – von kommunikativer und ethischer Kompetenz bis hin zu Spezialkursen – je nachdem, wo jemand Seelsorge leisten will: im Krankenhaus, im Altenheim oder etwa bei Unfällen.

Andrea Gorres: "Sie lernen Seelsorge: Wie man Menschen begegnet, wie man sie berät. Und sie lernen auch, sich geistlich, spirituell zu entdecken und auch Antworten zu geben in spirituellen Fragen. Sie können sich ja vorstellen, wenn da jemand von der Kirche kommt, dann stehen oftmals auch Fragen wie Sterben, Tod, Schuld, Alter und Sinnfragen im Raum. Oder manchmal auch Abwehr, ich hatte einen schlechten Pfarrer, ich will davon nichts mehr wissen. Zu all diesen Fragen, zur Kirche, zu Sterben und Tod müssen die Menschen sich verhalten lernen."

Gebet und Unterhaltung

Einer, der die Ausbildung für ehrenamtliche Seelsorger bereits durchlaufen hat, ist Fred Malich. Seither besucht er zweimal im Monat Patienten im Leverkusener Krankenhaus Sankt Josef, einer Spezialklinik für Geriatrie, also Altersmedizin.

"Ich komme nie mit einem Programm. Wenn ich an der Tür stehe, dann ist das für mich ein Ansporn, Haltung anzunehmen und einzutreten, um zu gucken, was passiert", sagt Malich. "Das Programm wird bestimmt von der Patientin, dem Patienten und auch der Situation."

Fred Malich vor dem Leverkusener Krankenhaus Sankt Josef (Deutschlandradio / Monika Dittrich)Fred Malich hat Ausbildung für ehrenamtliche Seelsorger bereits durchlaufen (Deutschlandradio / Monika Dittrich)

An diesem Tag besucht Malich einen alten Mann, der sich gerade von einem Oberschenkelhalsbruch erholt hatte und eigentlich bereits entlassen werden sollte. Nun sind einige Blutwerte nicht in Ordnung - und er muss länger bleiben.

"Im Grunde genommen pflegen sie einen hier krank", beschwert sich der Mann. "Es ist wie eine unendliche Geschichte", antwortet Fred Malich. Der Patient nickt, das Gespräch mit Fred Malich hat er gerne angenommen. Auch wenn er auf ein Gebet oder ein Gedicht zum Abschluss lieber verzichtet. Trotzdem möchte er, dass der ehrenamtliche Seelsorger bald wiederkommt. "Alles Gute und Gottes Segen", ruft Malich ihm noch zu, bevor er das Krankenzimmer verlässt.

"Befriedigende Erlebnisse"

Fred Malich ist Ende fünfzig, ein studierter Wirtschaftsingenieur. Lange Jahre hat er in großen Industrieunternehmen gearbeitet. Heute ist er beruflich als Berater tätig, studiert nebenher Psychologie. Das Angebot, sich zum ehrenamtlichen Seelsorger ausbilden zu lassen, hat er durch Zufall entdeckt. "Das Programm kam nicht ganz so kirchlich daher wie andere kirchliche Angebote", sagt Fred Malich.

"Es wurde nicht gefragt: evangelisch oder nicht? Wenigstens katholisch oder nicht? Kein Glauben? Alles ist in Ordnung. Auch wenn ich Moslem wäre, wäre ich dort aufgenommen worden."

Er selbst bezeichnet sich als nicht besonders fromm – auch wenn er mit religiösen Themen durchaus etwas anfangen könne. Tatsächlich gehe es in der Seelsorge am Krankenbett manchmal um tiefgreifende Fragen, um Gott und Gerechtigkeit. Es gebe aber auch viele Patienten, die einfach froh seien über ein bisschen Ablenkung und Unterhaltung.

"Und ich denke, wenn man in ein Krankenzimmer kommt und man fragt, wie geht es Ihnen, dass das gar keine schlechte Frage ist am Anfang."

Sinnvoll investierte Freizeit

Wenn die evangelische Kirche nicht mit einem dramatischen Mangel an Pfarrern zu kämpfen hätte, würde es die Ausbildung der ehrenamtlichen Seelsorger wohl gar nicht geben. Das weiß auch Fred Malich. Er findet aber nicht, dass die Laien-Seelsorger so etwas sind wie Lückenbüßer. Im Gegenteil:

"Es ist doch gar nicht schlecht, im Sinne von aktiver Kirche, wenn die Kirchenmitglieder und auch die, die es nicht sind, für eine Sache erwärmt werden, wo sie sehen, das kann ich auch. Und wo es befriedigende Erlebnisse in beiden Richtungen geben kann."

So sieht es auch die Theologin Andrea Gorres:

"Wenn man bedenkt, wo kommt die evangelische Kirche im Rheinland eigentlich her, dann kommt sie vom Priestertum aller Gläubigen, und jeder ist berufen, geistlich als Christ für den nächsten da zu sein und ihn zu begleiten. Und in Zeiten, wo die Pfarrer weniger werden, ist es natürlich so, dass die Menschen in den Gemeinden mehr Räume haben, um sich zu engagieren."

Im Seminar in Burscheid machen die Frauen und der eine Mann nun eine Pause, manche stärken sich am kleinen Büfett mit Obst und Süßigkeiten. Sie werden an diesem Abend noch zwei Stunden gemeinsam lernen, und am nächsten Tag – einem Samstag! – geht es weiter. Es sei aber sinnvoll investierte Freizeit, sagt diese Teilnehmerin:

"Das mache ich gerne. Die Menschen, die alle hier sind, die wollen wirklich Menschen helfen. Und nur darum geht es."

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