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StartseiteEuropa heuteEin dunkles Kapitel französischer Geschichte16.07.2012

Ein dunkles Kapitel französischer Geschichte

70 Jahre nach der "Razzia des Wintervelodroms"

Am 16. und 17. Juli 1942 wurden über 1200 Juden in und um Paris verhaftet und tagelang im Wintervelodrom festgehalten. Es wartete die Deportation. Der Fall war bis dahin das erste Mal, dass Frauen, Kranke und auch Kinder verhaftet wurden - durchgeführt von französischen Behörden.

Von Sophie Wenkel

Es waren französische Behörden, die 1942 für die Deportation französischer Juden sorgten.  (Thomas Bade)
Es waren französische Behörden, die 1942 für die Deportation französischer Juden sorgten. (Thomas Bade)
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"Der 15. Juli war der letzte Schultag vor den Ferien. Eine jüdische Klassenkameradin kam zu mir und sagte, ein französischer Polizist habe ihre Eltern vor einer großen Razzia von Frauen und Kindern gewarnt. Wir sollten besser verschwinden. Zu Hause glaubte mir meine Mutter kaum. Frauen und Kinder verhaftet? In Frankreich? Das konnte sich damals keiner vorstellen."

Sarah Montard, geborene Lichtstein, ist damals 14 Jahre alt. Die Familie war 1930 aus Polen vor Armut und Antisemitismus geflohen – nach Frankreich, ins Land der französischen Revolution und der Menschenrechte. Der Vater lebt seit Langem nicht mehr mit Sarah und der Mutter, er hält sich versteckt. Am frühen Morgen des 16. Juli 1942 werden Sarah und ihre Mutter in ihrer Wohnung festgenommen.

"Das ist der Tag, an dem meine Kindheit aufhörte. Aus allen Straßen kamen Familien, die Erwachsenen waren völlig apathisch, orientierungslos, die Kinder noch halb verschlafen, viele weinten. Und um uns herum die Polizisten, die uns wie Kriminelle behandelten. Da habe ich meinen Glauben daran verloren, dass Erwachsene immer Recht haben und nur Gutes tun – ich war starr vor Angst."

Sarah und ihre Mutter werden in einen Bus gepfercht und ins Wintervelodrom in der Nähe des Eiffelturms gebracht. Insgesamt werden über 8000 Menschen in dem Sportpalast festgehalten, wo sonst Fahrradrennen, Boxkämpfe und Konzerte stattfinden.

"Als wir reinkamen, war da so ein komisches Licht. Das Glasdach des Velodroms war blau gestrichen, damit die Kampfflugzeuge von oben das Licht nicht sahen. Diese blaue Farbe und das schummrige Licht machten, dass die Menschen, die da eingepfercht saßen, alle aussahen wie grüne Gespenster. Ich hatte noch Jahre später Albträume von den grünen Geistern des Vél d'Hiv."

An den Tagen des 16. und 17. Juli sind über 4000 Polizisten der Police Nationale im Einsatz. Der Vorschlag, auch Kinder von 2 bis 16 Jahren zu deportieren, kam von den französischen Behörden, weiß Jacques Fredj, Direktor des Holocaustmahnmals in Paris.

"Die Razzia des Wintervelodroms ist exemplarisch für die Kollaboration. Die Initiative kam von den Nazis. Aber es waren französische Behörden, die die gesamte Aktion durchgeführt haben. Bis 1942 wurden Juden von der französischen Polizei verhaftet und ausgewiesen. Aber jetzt war das klare Ziel: Deportation."

Lange ein Tabuthema in Frankreich. Von den Nachkriegsjahren bis in die 1980er-Jahre hinein tat sich der französische Staat schwer, die Mitschuld anzuerkennen.

"Die grundsätzliche Frage war, ob das Vichy-Regime mit Frankreich gleichzusetzen war. Schließlich gab es ja auch die nicht-besetzte Zone im Süden. Präsident Francois Mitterand war der Ansicht: nein, Vichy war nicht Frankreich. Da musste sein junger Nachfolger Jacques Chirac kommen, der einen anderen Blick auf die Dinge hatte und endlich Position bezog."

Am 16.Juli 1995, während der Gedenkfeier der Razzia des Wintervelodroms, hält der damalige Präsident Chirac eine Rede, in der er endlich die Mitschuld der Franzosen eingesteht.

Inzwischen ist "La rafle du Vél d'Hiv" zum feststehenden Begriff im französischen Wortschatz geworden. Die Gedenkfeiern in diesem Jahr werden von Ausstellungen im Pariser Rathaus und dem Holocaust-Mahnmal begleitet, die sich speziell dem Schicksal der Kinder widmen. Sarah Montard wird die Ereignisse im Velodrom nie vergessen. Einen knappen Tag bleibt sie dort gefangen. Stunden, die ihr wie Tage vorkommen. Schließlich gelingt ihr, wie auch ihrer Mutter, in dem Gemenge vorm Eingang die Flucht.

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