Wie aktuell auch immer dieser iranische Tschechow gewesen sein mag am Tag der Premiere in Teheran – die Wahl vom vergangenen Wochenende hat ihn quasi "überholt". Und Amir Reza Koohestani, Theatermacher aus dem Iran, ist darüber spürbar froh.
Wie gut, dass so viele Iranerinnen und Iraner gewählt hätten – sie durften ja überhaupt nicht sicher sein nach den Erfahrungen der vorigen Wahl vor vier Jahren und der massiven staatlichen Repression nach dem Zweifel der Bürger am Ergebnis für den damaligen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad, ob die staatlichen Autoritäten friedliche Wahlen diesmal garantieren würden. Und dann erst das Ergebnis – viele sind glücklich über den neuen Präsidenten Hassan Ruhani, und - sagt und hofft der Regisseur - Veränderung ist zu erwarten.
Gern hätte er wohl mit gefeiert – aber Koohestani war schon in Europa unterwegs mit dem Ensemble am Tag der Wahl. Noch um Tschechow hatte der Regisseur ja lange kämpfen müssen: mit der Zensur. Offenbar rückte er das Stück des russischen Klassikers zu nah heran an die iranische Gegenwart. So jedenfalls, beschied ihn das Komitee der Aufpasser, könne die Geschichte vom antriebslosen, desillusionierten und rücksichtslosen Herrn Iwanow nicht gezeigt werden am Mehr-Theater in Teheran – etwa in der Szene, wo getrunken wird auf einem breiten Bett. Das musste geändert werden; jetzt werden Grillspieße gedreht. Aber auch das passte den Aufpassern eigentlich nicht.
Klar, habe er eingeräumt im Gespräch mit den Zensoren, Alkohol auf der Bühne sei ein Problem für religiöse Tugendwächter – aber: Nein, hätten die geantwortet, Kebab sei viel schlimmer; so wirke die Szene noch deutlich wie iranischer Alltag, iranischer Lebensstil. Bloß nicht zu viel davon auf der Bühne – darum vor allem sorgte sich die Zensur. Gut zwei Wochen war die Aufführung verboten; dann gelang es dem Theatermacher doch noch, vom obersten Kulturrat die Genehmigung zu erhalten – und nun war Koohestanis Tschechow-Beschwörung prompt allabendlich ausverkauft.
Auch wer nicht viel weiß vom iranischen Alltag, wird von Beginn an ahnen, wie viel Sprengstoff diese Aufführung birgt – denn Herr Iwanow, zutiefst gelangweilt von seiner Frau - die immerhin für ihn das Judentum verließ! - von Freunden und Verwandten, von den Aufgaben, die auf ihn warten, vom Leben und der Welt überhaupt, bleibt fast den ganzen Abend über unter Kopfhörern verborgen. Er lernt Englisch vom Kassetten- oder Internet-Programm; vielleicht bereitet er sich ja vor auf irgendein Exil. Innerlich jedenfalls ist er schon ganz weit weg – und selbst der Englisch-Unterricht fordert ihn auf, endlich etwas zu tun:
Nichts da: Keine Antwort, keine Tat – Koohestani porträtierte mit diesem Blick auf Tsche-chow eine Gesellschaft im Stillstand.
Dabei kommt dieser Tschechow sozusagen "auf Socken" daher; oder besser: wie auf ganz weichen, tiefen Teppichen – selbst mit Mikroport-Verstärkung agieren Darstellerinnen und Darsteller durchweg außerordentlich zurückhaltend, und Iwanow selber ist bestenfalls desinteressiertes Brummeln zu entlocken. Dabei wird allerdings auch klar, und die Reaktionen der Iranischkundigen im Publikum bestätigen das schneller als wir, die wir die Übertitel mit buchstabieren, wie pointiert alltäglich palavert wird – schnell, vielleicht sogar ein wenig oberflächlich und drüber hin, dabei allerdings immer auch sicher und exakt. Ohne jeden Druck ist das Spiel - als hörten und schauten wir einer nachmittäglichen Unterhaltung bei Tee und Keksen zu, die gar nicht notwendigerweise für uns hier unten im Saal geführt wird. Koohestanis hochkonzentriertes Ensemble bei diesem Drahtseilakt zu beobachten, macht zuweilen richtig staunen.
Das ist auch anstrengend. Aber so spürt das Publikum bei den "Theaterformen" dann eben doch noch, wie viel Kampf um den iranischen Alltag lauerte und immer noch lauert in dieser Tschechow-Beschwörung. Wahl hin, Sieg her.
Wie gut, dass so viele Iranerinnen und Iraner gewählt hätten – sie durften ja überhaupt nicht sicher sein nach den Erfahrungen der vorigen Wahl vor vier Jahren und der massiven staatlichen Repression nach dem Zweifel der Bürger am Ergebnis für den damaligen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad, ob die staatlichen Autoritäten friedliche Wahlen diesmal garantieren würden. Und dann erst das Ergebnis – viele sind glücklich über den neuen Präsidenten Hassan Ruhani, und - sagt und hofft der Regisseur - Veränderung ist zu erwarten.
Gern hätte er wohl mit gefeiert – aber Koohestani war schon in Europa unterwegs mit dem Ensemble am Tag der Wahl. Noch um Tschechow hatte der Regisseur ja lange kämpfen müssen: mit der Zensur. Offenbar rückte er das Stück des russischen Klassikers zu nah heran an die iranische Gegenwart. So jedenfalls, beschied ihn das Komitee der Aufpasser, könne die Geschichte vom antriebslosen, desillusionierten und rücksichtslosen Herrn Iwanow nicht gezeigt werden am Mehr-Theater in Teheran – etwa in der Szene, wo getrunken wird auf einem breiten Bett. Das musste geändert werden; jetzt werden Grillspieße gedreht. Aber auch das passte den Aufpassern eigentlich nicht.
Klar, habe er eingeräumt im Gespräch mit den Zensoren, Alkohol auf der Bühne sei ein Problem für religiöse Tugendwächter – aber: Nein, hätten die geantwortet, Kebab sei viel schlimmer; so wirke die Szene noch deutlich wie iranischer Alltag, iranischer Lebensstil. Bloß nicht zu viel davon auf der Bühne – darum vor allem sorgte sich die Zensur. Gut zwei Wochen war die Aufführung verboten; dann gelang es dem Theatermacher doch noch, vom obersten Kulturrat die Genehmigung zu erhalten – und nun war Koohestanis Tschechow-Beschwörung prompt allabendlich ausverkauft.
Auch wer nicht viel weiß vom iranischen Alltag, wird von Beginn an ahnen, wie viel Sprengstoff diese Aufführung birgt – denn Herr Iwanow, zutiefst gelangweilt von seiner Frau - die immerhin für ihn das Judentum verließ! - von Freunden und Verwandten, von den Aufgaben, die auf ihn warten, vom Leben und der Welt überhaupt, bleibt fast den ganzen Abend über unter Kopfhörern verborgen. Er lernt Englisch vom Kassetten- oder Internet-Programm; vielleicht bereitet er sich ja vor auf irgendein Exil. Innerlich jedenfalls ist er schon ganz weit weg – und selbst der Englisch-Unterricht fordert ihn auf, endlich etwas zu tun:
Nichts da: Keine Antwort, keine Tat – Koohestani porträtierte mit diesem Blick auf Tsche-chow eine Gesellschaft im Stillstand.
Dabei kommt dieser Tschechow sozusagen "auf Socken" daher; oder besser: wie auf ganz weichen, tiefen Teppichen – selbst mit Mikroport-Verstärkung agieren Darstellerinnen und Darsteller durchweg außerordentlich zurückhaltend, und Iwanow selber ist bestenfalls desinteressiertes Brummeln zu entlocken. Dabei wird allerdings auch klar, und die Reaktionen der Iranischkundigen im Publikum bestätigen das schneller als wir, die wir die Übertitel mit buchstabieren, wie pointiert alltäglich palavert wird – schnell, vielleicht sogar ein wenig oberflächlich und drüber hin, dabei allerdings immer auch sicher und exakt. Ohne jeden Druck ist das Spiel - als hörten und schauten wir einer nachmittäglichen Unterhaltung bei Tee und Keksen zu, die gar nicht notwendigerweise für uns hier unten im Saal geführt wird. Koohestanis hochkonzentriertes Ensemble bei diesem Drahtseilakt zu beobachten, macht zuweilen richtig staunen.
Das ist auch anstrengend. Aber so spürt das Publikum bei den "Theaterformen" dann eben doch noch, wie viel Kampf um den iranischen Alltag lauerte und immer noch lauert in dieser Tschechow-Beschwörung. Wahl hin, Sieg her.