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StartseiteMusikjournalBeethoven überwinden19.11.2018

Ein Jahr #bebeethovenBeethoven überwinden

Für das Projekt #bebeethoven entwickeln 12 junge Musiker über drei Jahre visionäre Arbeiten und Positionen. 2020, zu Beethovens 250. Geburtstag, werden sie ihre Werke im Rahmen eines Festivals in Bonn präsentieren. Bereits nach einem Jahr haben einige die Grenzen klassischer Musik für sich neu ausgelotet.

Von Julia Kaiser

Die Beethoven-Statue auf dem Bonner Münsterplatz (dpa / picture-alliance / Oliver Berg)
Ganz wie der Querdenker Beethoven versuchen 12 junge Musiker neue Produktions- und Spielweisen (dpa / picture-alliance / Oliver Berg)
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"Wohl-präpariertes Klavier" heißt Mathias Halvorsens Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier. 33 sehr verschiedene Präparationen hat der norwegische Pianist in diesem Jahr als einer von 12 Fellows von #bebeethoven erdacht. Er erforscht, wie man den interpretatorischen Spielraum von klassischer Musik erweitern, die Partitur als Inspirationsquelle betrachten kann.

"Ich liebe es, mich in Spielpositionen zu begeben, die unbequem sind und herausfordernd. Ich möchte unsere Vorstellung von klassischer Ästhetik hinterfragen, wo jeder Ton glänzend und klar klingt und der Musiker sein Stück so spielt, wie wir es erwarten. Wettbewerbe, wo das gefragt ist, gibt es wie Sand am mehr, alles muss unanfechtbar klingen in dem Repertoire von zwei-, dreihundert Jahren, mit dem wir uns beschäftigen. Das verursacht mir Schmerzen als Interpret, auf die Bühne zu gehen und das zu machen, was jeder tut – und was ich auch selbst schon immer tue. Es fällt mir mit jedem Mal schwerer. Mein Projekt betrachtet zunächst das Instrument neu, wie kann ich es präparieren, dass es unerwartet klingt und auf mein Spiel unerwartet reagiert? Jede der Präparationen, die ich mir ausdenke, ist anders und stellt mich vor neue Herausforderungen."

"Wir müssen eigentlich komplett anders über Kunstmusik nachdenken"

Ausweitung der Grenzen von Interpretation, neue Konzertformen erdenken, die Rolle von Barockmusik im Kontext von heute untersuchen. Das Projekt #bebeethoven macht es sich zur Aufgabe, die Musik der Gegenwart zu untersuchen und auch die Zukunft, die aus einer Gegenwart heraus entsteht, die dem Musikschaffen heute vielleicht nicht mehr gerecht wird. Der Kurator und Künstlerische Leiter von #bebeethoven, Steven Walter.

"Wir müssen eigentlich komplett anders über Kunstmusik nachdenken. Wenn ich sage, dass #bebeethoven eine Reaktion ist, dann meine ich, dass Musik immer im Zusammenspiel mit Gesellschaft funktioniert. Musik ist nichts, was im luftleeren Raum ist. Sie reagiert und agiert im Zusammenspiel mit der Welt, den Fragen der Zeit und so weiter. Und deswegen ist #bebeethoven in vielerlei Hinsicht ein Überwinden von Beethoven."

"Musik als öffentlicher Gegenstand", so bezeichnet Steven Walter das, womit sich auch das Podium Esslingen beschäftigt, eine Gemeinschaft von aktuellst Musikschaffenden, die auch die Idee zu #bebeethoven hatte. Sie will Repräsentanten ausgefallener Strömungen der heutigen Neuen Musik zusammenführen.

"Sei es eben einer, ich sage mal, Neo-Klassik-Richtung oder Neo-romantischen Richtung, die versucht, wieder mit Musik Schönheit zu schaffen, also eine Art Wieder-Verzauberung der Welt. Aber es ist ebenso eine valide Richtung, mit sehr, sehr abgefahrenen, abstrakten Sonifikationen zu versuchen, beispielsweise, wie es unser Fellow-Paar Quadratura tut, Daten aus dem Weltall in einen Konzertsaal zu übertragen und zu verklanglichen. Das sind Technologien, die erst jetzt möglich sind, die aber zeigen, was Musik als sinnliche Erfahrung kann. Oder wie gehen wir mit der Tatsache um, dass es heute künstliche Intelligenzen gibt, die unsere Fähigkeiten bei weitem übertreffen. An Kreativität auch durchaus. Ich glaube, wir haben einen radialen Querschnitt an Themen in diesem Programm, die stellvertretend sind natürlich für sehr viele Musikszenen jeweils. Wir haben ganz viele widersprüchliche Positionen in diesem Programm, aber eben dadurch einen Meltingpot für diesen Anspruch von #bebeethoven, nämlich sich zu fragen wie können wir in der heutigen Zeit sinnvoll und wirksam und schön und relevant Musik schaffen?"

Ein Orchester in Echtzeit mit Technologie steuern

Regelmäßig zeigen die Fellows bei Werkstatt-Konzerten in ganz Deutschland, woran sie gerade arbeiten. Kaan Bulak hat einen Lautsprecher entwickelt, der den Klang aus dem Innenraum eines Flügels nach außen transportiert, in alle Richtungen abstrahlt und elektronisch verfremden lässt. Soeben hat er eine Deutschlandtour mit seinem Klavierkonzert No. 1 gespielt, zusammen mit dem Hamburger Ensemble Reflektor. Und der in Georgien geborene Klangraumerfinder Koka Nikoladze komponiert in Echtzeit, mir realen Orchestermusikern und KOI, Kokas Orchestral Interface.

"Ich arbeite an einer 'Orchesterschnittstelle', so der Arbeitstitel. Ich entwickle Technologien, um ein ganzes Orchester in Echtzeit zu steuern. Das funktioniert bereits über interaktive Notenständer, und demnächst kann ich über drahtlose Kopfhörer jeden einzelnen Musiker im Ensemble ansprechen können. Auf diese Art kann ich dirigieren und Regie führen. Kurz gesagt, erweitere ich mich selbst mit Hilfe von Technologie und betrachte, wie weit ich das treiben kann."

Koka Nikoladze möchte damit die festgelegten Begriffe Dirigent, Interpret und Regisseur aufweichen.

"Es ist, als ob ich die ganze Zeit am Rande des Abgrunds balanciere. Und das bringt diesen wahnsinnigen Adrenalinstoß mit sich! Bei jedem einzelnen Konzert habe ich das Gefühl, ohne Fallschirm aus einem Flugzeug zu springen. Das habe ich in den letzten Jahren so vermisst! Und jetzt kann ich in meinem Labor sitzen, experimentieren, Technik zusammenbasteln und Boom kommt ein Konzert in der Elbphilharmonie. Dann erfinde ich schnell etwas, baue einen Prototyp und Boom - ein Konzert in Donaueschingen. Oder ein Auftrag für eine ganze Sinfonie! Es ist total verrückt, und ich genieße es. Ich glaube, ich bin schon süchtig."

Förderung ermöglicht Kreativität

1,5 Millionen Euro umfasst die Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes für #bebeethoven, dazu kommen etwa 300.000 Euro von den Partnerinstitutionen wie Radialsystem Berlin, Tonhalle Zürich, das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe und natürlich auch die Beethoven-Jubiläumsgesellschaft in Bonn. Geteilt durch zwölf Fellows und drei Jahre wirkt die Fördersumme für den Inkubator musikalischer Start-ups aber schon kleiner, sagt noch einmal der Kurator Steven Walter. Aber das Geld ermöglicht den Fellows, in Freiheit das zu entwickeln, wofür sie wirklich brennen.

"Wir hatten verschiedenste Premieren in Donaueschingen, Konzerte in Klubs in ganz Europa, über 60 Veranstaltungen in nur wenigen Monaten. Also, wenn man sieht, was daraus entsteht, ist das eigentlich unglaublich gut angelegtes Geld, weil es sich vervielfältigt. Was da entstehen kann, wenn Freiheit ist! Das ist ein großes Experiment, und ich glaube sehr daran, dass das wichtig ist."

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