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StartseiteKalenderblattEin Jahrhundertchirurg03.07.2005

Ein Jahrhundertchirurg

Vor 130 Jahren wurde Ferdinand Sauerbruch geboren

Ferdinand Sauerbruch war der wohl bekannteste deutsche Arzt in der ersten Hälfte des 20. Jarhunderts. Zum Medizinstudium kam der gebürtige Barmener auf Umwegen, mit Ach und Krach schafft er die Zulassungsprüfung. Dann aber macht er schnell Karriere.

Von Martin Winkelheide

Ferdinand Sauerbruch führte moderne Operationstechniken ein. (AP)
Ferdinand Sauerbruch führte moderne Operationstechniken ein. (AP)

" Dieses wunderbare Verhältnis des Chirurgen zu dem Kranken, dieses Vertrauensverhältnis, hat etwas so großes, und Verpflichtendes für uns, dass wir dankbar sein müssen, einem solchen Beruf anzugehören. "

Präsidenten, Monarchen, Künstler ließen sich von ihm operieren. Ferdinand Sauerbruch galt als Virtuose am Skalpell. Für viele verkörperte er das Idealbild des Arztes - des Helfers und Heilers. Zahlreiche Anekdoten ranken sich um die Gestalt Sauerbruchs, denn er galt auch als charakterlich schwierig - als Kauz im weißen Kittel: Dickköpfig, sarkastisch. Er bedachte Studenten, Mitarbeiter und Patienten gleichermaßen mit Kraftausdrücken. Examenskandidaten prüfte er mit Vorliebe im Auto, bestanden sie nicht, mussten sie zu Fuß nach Hause gehen.

" Nächtens arbeiteten wir im geheimen. Die Messapparaturen, die wir brauchten, um den Luftdruck im Innern der Kammer festzustellen, hatte ich selbst besorgt. "

Der Keller der Universitätsklinik Breslau. 1903, mit 28 Jahren, hat Sauerbruch seine Stelle als Assistenzarzt angetreten. Jetzt sucht er eine Antwort auf die Frage: Wie ist es möglich, im Brustraum eines Menschen zu operieren - ohne, dass dieser stirbt?

" Wir wählten "Cäsar" aus, einen mittelgroßen, freundlichen Hund. "

In der Lunge herrscht Unterdruck - wird der Brustkorb geöffnet, drückt Luft von außen hinein. Die Lunge fällt zusammen. Der Patient erstickt. Dieses Problem erkannte Sauerbruch, und er konstruierte eine Unterdruckkammer für erste Versuchsoperationen an Tieren.

" Graurosa lag die Lunge vor mir, im Takt der Atmung hin und hergleitend. Nach einiger Zeit - kein Zweifel am Gelingen des Experiments blieb mehr - vernähte ich Cäsars Wunde. Ich wusste jetzt, das mir etwas gelungen war, das sich zum Wohle vieler kranker Menschen auswirken würde. "

" Sauerbruch hatte die Idee, zu sagen, man muss das Medium, in dem der Patient und der Operateur sich befinden, dem Druck gleichsetzen, der in dem Brustkorb herrscht. Dadurch hat er diese Druckkammer gebaut und als Medium genommen, um sagen zu können: jetzt passiert nichts. "

Der Thoraxchirurg Ernst Rainer de Vivie. Sauerbruch war eine medizinische Sensation gelungen. Aber die großen, aufwändigen Unterdruckkammern wurden dennoch schnell abgelöst. Mediziner erkannten: es ist einfacher, mit einem Beatmungsgerät einen Überdruck in der Lunge der Patienten zu schaffen.

Greifswald, Marburg, Zürich, München. Die weiteren Stationen Sauerbruchs. 1928 schließlich wird er Direktor der chirurgischen Klinik der Charité in Berlin.
In seinen Memoiren beschreibt er, wie er im Ersten Weltkrieg beginnt, neuartige Prothesen zu entwickeln. Für Soldaten, die Beine oder Arme verloren hatten.

" Wenn Sie das in dem Buch gelesen haben, wie er dadurch eben wieder eine greifende Hand und auch eine Klavier spielende Hand konzipieren konnte, das ist zu der Zeit schon etwas Besonderes und Sensationelles gewesen. "

Sauerbruch behauptete von sich selbst, er sei "ein unpolitischer Mensch".

" Ein gewaltiges Bekenntnis des Volkes zum Willen des Führers und seiner grossen Aufgabe wird der Welt zeigen, dass Deutschland erwacht ist, und sein Recht freier Selbstbestimmung zurück fordert zu wirklichem Frieden, zu Arbeit und Aufbau. "

1933, vor der Volksabstimmung am 12. November, wirbt er um Zustimmung für die NSDAP. Auf der "Kundgebung der deutschen Wissenschaft".

" In Erinnerung an den entwürdigenden Abschnitt deutscher Geschichte zwischen 18 und 33 werden auch diejenigen, die in Zweifel und Kritik bisher abseits standen, aus vollem Herzen heute hinter der Regierung stehen. "

Sauerbruch ist Mitglied im Reichswissenschaftsrat und nimmt von Herrmann Göring den Titel "Staatsrat" entgegen. Nach dem Krieg wird Sauerbruch vor die Entnazifizierungskommission zitiert. Er erscheint - und bricht die Verhandlung nach kurzer Zeit ab.

" S.: … Also, ich kann nur staunen.

Richter: Herr Geheimrat, wir können über die Berechtigung, dass wir hier über Sie zu Gericht sitzen, nun nicht streiten.

S.: Und wenn wir uns nicht einigen, gut, dann lassen wir es.

(Publikum lacht) "

1949 wird er gezwungen, die Charité zu verlassen. Nicht aus politischen Gründen - sondern weil sich tödliche Kunstfehler häuften.

Ferdinand Sauerbruch operierte dennoch weiter. Er starb am 2. Juli 1951, einen Tag vor seinem 76. Geburtstag, an den Folgen eines Schlaganfalls.

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