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StartseiteEuropa heuteEin Land hält den Atem an02.09.2010

Ein Land hält den Atem an

In Portugal geht spektakulärer Kinderschänderprozess zu Ende

Ein staatliches Kinderheim und Waisenhaus, in dem jahrelang Jugendliche sexuell missbraucht wurden. Ein Kinderschänderring, dem angeblich Spitzenpolitiker und Fernsehstars angehörten. Der Fall Casa Pia hat Portugal zutiefst erschüttert. Jetzt geht der Prozess zu Ende.

Von Jochen Farget

Der Turm von Belem in Lissabon (AP Archiv)
Der Turm von Belem in Lissabon (AP Archiv)

Das Kinderheim Casa Pia liegt in Belém, einem der feinsten Viertel Lissabons, in unmittelbarer Nähe des Jeronimos-Klosters. Für mindestens 32 Kinder und Jugendliche war das staatliche Heim die Hölle, sie wurden jahrelang missbraucht. Das hält die Staatsanwaltschaft für erwiesen. Die Täter: Der ehemalige Heimangestellte und Hauptangeklagte Carlos Silvino sowie weitere sechs Angeklagte. Unter ihnen Portugals damals beliebtester Fernseh-Showmaster Carlos Cruz, ein prominenter Arzt und ein ehemaliger Botschafter. Alle eigentlich ehrenwerte Angehörige der portugiesischen High Society.

Genau das habe den Prozess zum kompliziertesten der portugiesischen Justizgeschichte gemacht, erinnert sich der Rechtsanwalt und Prozessbeobachter Pedro Namora:

""Zuerst wurde ja nur der Angestellte Carlos Silvino angeklagt. Damals, 2002, war das ganze Land entrüstet und um die Opfer besorgt. Als später die prominenten Tatverdächtigen bekannt wurden, wurden aus den Opfern die Bösen. Und Tatverdächtige wurden zu ehrenwerten Herrschaften, die von Kindern belästigt wurden, die nicht wussten, was sie sagten."

Denn diese Kinder, die Opfer, hatten ausgesagt, auch ein Ex-Minister und ein weiterer Fernsehstar hätten sie vergewaltigt. Die höchsten Kreise der portugiesischen Gesellschaft schienen in den Skandal verwickelt zu sein und plötzlich wurde die Glaubwürdigkeit der Opfer in Frage gestellt. Obwohl medizinische Untersuchungen ihre Version längst bestätigt hatten. Im Jahr 2005 erklärte der jetzige Präsident des Obersten Portugiesischen Strafgerichts, Noronha de Nascimento:

"Wenn gegen jemanden aus sozial niedrigen Schichten ermittelt wird, spricht niemand davon. Wenn – wie jetzt - jemand, der Macht hat, betroffen ist, ändert sich der Ton."

Während der ehemalige Heimangestellte Carlos Silvino seine Taten gestand, weisen die anderen Angeklagten noch immer jede Schuld von sich. Ihre Anwälte, die teuersten und bekanntesten des Landes, versuchten nicht nur, die Opfer als Lügner hinzustellen. Sie bombardierten das Gericht auch mit einer wahren Flut von Eingaben und Anträgen. Prozessbeobachter Pedro Namora:

"Die Absicht war, den Prozess platzen zu lassen. Es ist doch offensichtlich, dass für alle Pädophilen wichtig ist, dass die Zeit vergeht, ohne dass es eine juristische Entscheidung gibt."

Zumindest diese Strategie der Verteidigung ist aufgegangen: In fünf langen Verhandlungsjahren ging es viel öfter um formaljuristische Fragen, als um die pädophilen Machenschaften der Angeklagten. Allmählich verschwand das öffentliche Interesse. Genau dagegen versucht Pedro Namora anzukämpfen.

Auch er wurde als Kind in dem Kinderheim Casa Pia sexuell missbraucht. Er ging mit seinen schrecklichen Erfahrungen an die Öffentlichkeit. Zusammen mit der ehemaligen Casa-Pia-Heimleiterin hat er einen Verein gegründet, der sich für die Opfer einsetzt. Auch Catalina Pestana forderte immer wieder, aber erfolglos ein schnelles Ende des Mammutprozesses. Bereits im Juni 2004 während einer Verhandlungspause:

"Das hat alles schon zu lang gedauert. Je schneller dieses Problem gelöst ist, umso besser. Die Schuldigen sollten endlich verurteilt und die Unschuldigen – wenn es sie denn gibt – freigesprochen werden."

Nach mehrmaliger Verschiebung soll morgen nun das Urteil im Pädophilieskandal Casa Pia gesprochen werden. Wie fast alle Prozessbeobachter glaubt Pedro Namora allerdings nicht, dass damit das Ende des größten, umstrittensten und längsten Falles der portugiesischen Justizgeschichte erreicht ist:

"Meiner Meinung nach wird die Verteidigung, nachdem die Schuld der Angeklagten erwiesen ist, vor allem auf Verjährung setzen. Dass der Prozess, wie das bisher in Portugal üblich war, in irgendeiner Schublade irgendeines Gerichts verstaubt."

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