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StartseiteKalenderblattEin Loch im Eisernen Vorhang11.09.2009

Ein Loch im Eisernen Vorhang

Vor 20 Jahren öffnet Ungarn seine Westgrenze für DDR-Flüchtlinge

Für DDR-Bürger war Ungarn stets ein beliebtes Urlaubsland. Auch im Sommer 1989 füllen sich die Campingplätze mit DDR-Zelten. Doch dieses Mal kommen so viele Urlauber, dass der Platz nicht mehr ausreicht - bis das Unglaubliche geschieht.

Von Monika Köpcke

Nur knapp zwei Monate nach der Grenzöffnung in Ungarn fällt die Mauer in Berlin.  (AP)
Nur knapp zwei Monate nach der Grenzöffnung in Ungarn fällt die Mauer in Berlin. (AP)

Nie zuvor gab es längere Autoschlangen vor Ungarns Grenzübergängen als in jenen letzten Minuten vor dem 11. September 1989. Punkt Mitternacht gehen die Schlagbäume an der ungarisch-österreichischen Grenze hoch. Während der nachfolgenden Stunden treffen Tausende DDR-Bürger in den eigens für sie eingerichteten Zeltlagern in Bayern ein.

"Sind Sie sofort aufgebrochen, als Sie gehört haben, dass die Möglichkeit ab null Uhr besteht? - Ja, Koffer eingepackt, Sachen gepackt und dann ging's los. - Wie lange haben Sie im Lager gewartet auf die Ausreise? - Wir haben drei Wochen im Lager gewartet, hatten in der Zwischenzeit vier missglückte Fluchtversuche ... - vier? - vier, ja. Das Gefühl der Freiheit, das ist herrlich! - Wir müssen erstmal dazu sagen, ein ganz, ganz großes Danke an das ganze ungarische Volk, an die Behörden an die Regierung."

Als Ungarn seine Grenze öffnete, befand sich das Land mitten im politischen Umbruch. Im Februar 1989 war ein Mehrparteiensystem beschlossen worden und im September sollten freie Wahlen folgen. Bereits seit Anfang 1988 durften alle Ungarn legal ins westliche Ausland reisen. Als reine Geldverschwendung erschien daher der Unterhalt des 350 Kilometer langen Sperr- und Signalsystems im grünen Gürtel zu Österreich. Seine Instandsetzung hätte den ungarischen Staat rund eine Million Dollar gekostet - viel Geld für das hoch verschuldete Land. Also strich man kurzerhand diesen Etatposten und verstärkte stattdessen die personelle Bewachung der Grenze. Am 2. Mai 1989 berichtete der RIAS

"Schon im Herbst vergangenen Jahres hatte Ungarns reformfreudiger Staatsminister Imre Pozsgay bekannt: Der 'Eiserne Vorhang' ist historisch, politisch und technisch überholt. Heute früh um acht rückten Spezialisten an, um den Anachronismus zu beseitigen. Stacheldrahtzäune werden beseitigt und elektronische Grenzsperren abgebaut. Bis Ende 1990 will Ungarn auf der gesamten Grenzlänge zu Österreich den 'Eisernen Vorhang' aufrollen."

Im Juni 1989 trat Ungarn der Genfer Flüchtlingskonvention bei. Das Land konnte sich nun weigern, "Grenz-Verletzer" wieder in ihre Heimatländer abzuschieben. Am Plattensee wie in Budapest füllten sich in den folgenden Wochen Campingplätze, Parkanlagen und das bundesdeutsche Botschaftsgelände mit Zehntausenden DDR-Bürgern. Sie ahnten, wovon offiziell noch niemand sprach: Dass sich für sie in Ungarn die Tür zum Westen öffnen könnte. Immer wieder versuchten Menschen, die Grenze zu Österreich zu überwinden, doch es gelang nur wenigen. Das Gros der ausreisewilligen DDR-Bürger scheiterte an den Grenzsoldaten:

"Wir waren zum Beispiel bei einem Fluchtversuch dabei, der hat stattgefunden mit 130 Personen in vier gecharterten ungarischen Bussen, und da war das doch schon ganz schön aufregend, die haben da scharf geschossen über die Köpfe, Tränengas eingesetzt, eben auch Schlagstöcke, obwohl Kinder dabei waren, also die haben ganz hart durchgegriffen."

Der Druck wuchs stetig. Am 21. August erschoss ein junger Grenzsoldat einen Architekten aus Weimar beim Fluchtversuch. Ungarn wollte die angespannte Lage endlich beenden. Am Abend des 10. September gab der damalige ungarische Außenminister Gyula Horn im Fernsehen eine kurze Erklärung ab. Es waren Worte, die die DDR-Flüchtlinge elektrisierten: Die Grenze nach Österreich, so Horn, werde vom folgenden Tag an für DDR-Bürger offen sein. "Ab Mitternacht" und "bis auf Weiteres". Zehn Jahre später sagte Gyula Horn in einem Rundfunkinterview:

"Wir haben weder Moskau noch Ostberlin noch die anderen Bündnispartner um Erlaubnis gefragt. Die damalige ungarische Führung strebte danach, die Bündnispartner vor vollendete Tatsachen zu stellen. Sie sollten weder Grund noch Zeit haben, sich einzumischen. Natürlich muss ich hier eines hinzufügen: Zu Zeiten Breschnews hätte ein solcher Schritt nicht vollzogen werden können. Doch in Moskau gab es eben einen Gorbatschow. Wir konnten also darauf aufbauen, dass in Moskau ein neuer Wind wehte."

Bis unmittelbar vor dem Fall der Berliner Mauer reisten rund 50.000 DDR-Deutsche über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik. Für den Zusammenbruch der DDR bedeutender als diese Zahl war sicherlich die politisch-psychologische Wirkung der Ereignisse in Ungarn: Den mächtigen Volksdemonstrationen in der DDR verliehen sie zusätzlich Kraft und Selbstvertrauen.

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