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Ein Meister der utopischen Literatur

Der anti-utopische Roman "Wir" des russisches Schriftstellers Evgenij Zamjatin von 1920 steht in einer Reihe mit Orwells "1984" und Huxleys "Schöne neue Welt". Der Bremer elv-Verlag bringt ihn jetzt wieder in Erinnerung, während die Friedenauer Presse drei essayistische Texte Zamjatins vorstellt.

Von Brigitte van Kann | 11.11.2011

Der russische Autor Evgenij Zamjatin kam 1884 in der Familie eines russisch-orthodoxen Priesters zur Welt. Zum Studium ging er ans Polytechnische Institut nach St. Petersburg, das er 1908 mit dem Diplom eines Schiffbau-Ingenieurs verließ. In dieses Jahr fallen auch seine ersten literarischen Veröffentlichungen.

Zamjatin war ein Widerständiger: Er wurde Mitglied der Russischen Sozial-Demokratischen Arbeiterpartei, aus der die Bolschewiki und die spätere KPdSU hervorgingen. Im Zarenreich machte er die Erfahrung einer Verhaftung mit anschließender Verbannung in die Provinzstadt, aus der er stammte. Seine ersten Romane - es waren Satiren - wurden hoch gelobt und sicherten ihm einen festen Platz in der russischen Literatur. Im Ersten Weltkrieg entsandte ihn die russische Armee nach England, wo Zamjatin in seiner Eigenschaft als Schiffbau-Ingenieur den Bau eines russischen Eisbrechers überwachte. Auf die Nachricht von der Oktoberrevolution kehrte er noch im Herbst 1917 nach Petersburg zurück - bereit, seinen Beitrag zur neuen sozialistischen Gesellschaft zu leisten.

Doch auch jetzt wurde er kein Jasager: Sein berühmter anti-utopischer Roman "Wir" durfte 1920 in Russland nicht erscheinen, er kam erst 1924 in englischer, französischer und tschechischer Übersetzung heraus. Als eine russische Emigrantenzeitschrift in Prag 1929 ohne sein Wissen einen rückübersetzten Auszug veröffentlichte, begann in der Sowjetunion die übliche Hetzkampagne gegen den Autor - mit der unausbleiblichen Folge des Publikationsverbots.

1931 bat Zamjatin Stalin um die Genehmigung zur Ausreise.

"Ich weiß",

schrieb der Autor in seinem furchtlosen Brief,

"dass ich die unangenehme Angewohnheit habe, nicht das zu sagen, was im gegebenen Augenblick von Vorteil ist, sondern das, was ich für die Wahrheit halte."

Auf Fürsprache von Maxim Gorki durfte Zamjatin ausreisen. Er ging nach Paris, wo er 1937 arm und verlassen an Tuberkulose starb.

Erst 1988, gegen Ende der Sowjetunion, konnte sein Roman "Wir" in Russland erscheinen. 30 Jahre davor erlebte er sein Debüt in deutscher Übersetzung und war dem SPIEGEL eine lange Rezension wert. Immer wieder einmal erschien Zamjatins Roman in den folgenden Jahrzehnten in Deutschland, zuletzt 1990 im Rahmen einer Werkausgabe. Während fast jedes Schulkind George Orwells "1984" oder Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" kennenlernt, bleibt Zamjatins "Wir" unbeachtet - dabei gilt als erwiesen, dass seine britischen Kollegen Huxley und Orwell den Roman kannten und - vorsichtig gesprochen - als Inspirationsquelle benutzten.

Die Parallelen liegen auf der Hand: Alle drei Romane spielen in einer Zukunft, in der ein allmächtiger Staat das Leben seiner Untertanen bis ins Kleinste kontrolliert, alles Individuelle ausmerzt und diejenigen, die versuchen, sich ihr Menschenrecht zu nehmen, grausam maßregelt.

Zamjatins Held D-503 - alle haben Nummern statt Namen - ist Konstrukteur eines Raumschiffs, das die Segnungen des Einzigen Staates zu fernen Planeten bringen soll - denn dort existieren möglicherweise noch Menschen im "unzivilisierten Stand der Freiheit" - auch sie sollen unter das "segensreiche Joch der Vernunft" gebeugt werden.

D-503 ist ein stolzer Bewohner des Einzigen Staates. In seinen Tagebucheintragungen macht er den Leser mit den Segnungen des Systems bekannt - Armut, Schmutz, Hunger und Seuchen sind in diesem hoch technisierten Paradies besiegt. Der Staat übernimmt die Bevölkerungsplanung ebenso wie er das Sexualleben seiner Bewohner regelt.

Alle tragen die gleiche Uniform, hören die gleiche staatstragende Musik, essen zur gleichen Zeit ein standardisiertes Nahrungsmittel aus Erdöl, der Tagesablauf in gläsernen Wohnungen ist durchgetaktet, anstatt einen Spaziergang in der Mittagspause zu machen, marschieren die Werktätigen in grauen Blöcken zur Hymne des Einzigen Staates - ein Bild, mit dem der Autor schon 1920 die Überwältigungsästhetik totalitärer Massenspektakel vorwegnahm.

Weil man aber noch ein paar Schritte vom Ideal entfernt ist, kommt es im Einzigen Staat vor, dass jemand "das wilde Echo der Affen" vernimmt und "den Lauf der großen Staatsmaschine" hemmt. Am "Tag der Gerechtigkeit" wird er wird vom "Wohltäter", wie Orwells "Big Brother" ist der Diktator mit einem euphemistischen Namen ausgestattet, in einer gewaltigen öffentlichen Zeremonie im wahrsten Sinne des Wortes liquidiert: per Knopfdruck mit 100.000 Volt in eine "kleine Pfütze chemisch reinen Wassers" verwandelt.

D-503, der ideale Bewohner dieser schönen neuen Welt, verliebt sich in eine Frau - sie macht ihn nicht nur mit richtiger Musik, schönen Kleidern und Alkohol bekannt - sie zieht ihn auch in eine Verschwörung zur Abschaffung des Einzigen Staates hinein. Erschüttert, verunsichert, von anachronistischen Gefühlen wie Eifersucht geplagt, vertraut D-503 das Unerhörte, das ihm widerfährt, seinem Tagebuch an.

Erst als man ihm wie allen anderen Bewohnern des Staates die Fantasie, die Seele, die sich regelwidrig und krankhaft wie ein Geschwür gebildet hat, herausoperiert, gelangt D-503 wieder in vollkommene Übereinstimmung mit sich und dem Einzigen Staat.

Habe ich, D-503, tatsächlich all diese Seiten geschrieben? Habe ich das wirklich jemals empfunden, was ich hier aufgezeichnet habe? ... Ja, es ist meine Handschrift. Auch auf dieser Seite ist es meine Handschrift ... aber hier ist nicht mehr von Fantasien und Gefühlen die Rede, sondern nur noch von Fakten. Ich bin nämlich wieder gesund, völlig gesund. Unwillkürlich muss ich lächeln, ich kann nicht anders: man hat mir einen Splitter aus dem Kopf gezogen, und ich spüre ein große Leere und Erleichterung. Nein, keine Leere, es ist nur nichts mehr das, was mich am Lächeln hindert (das Lächeln ist der Normalzustand eines normalen Menschen).

Unbeteiligt schaut D-503 zu, wie die Frau, die er vor kurzem noch geliebt hat, gefoltert wird, um sie zu einem Geständnis zu bringen.

Aldous Huxley schrieb "Schöne neue Welt" 1932, George Orwell "1984" erst nach dem Ende des Dritten Reichs. Ihr russischer Kollege Zamjatin aber nahm in seinem Roman "Wir" schon 1920, zwei Jahre nach der Oktoberrevolution, hellsichtig fast alles vorweg, was später Nationalsozialismus und Stalinismus, die beiden das 20. Jahrhundert prägenden totalitären Systeme, kennzeichnen würde: Paradiesverheißung, Konformität und Führerkult, Heiligung der Mittel durch den Zweck, Spitzelwesen, Schauprozesse und ein durchgehend euphemistischer Sprachgebrauch.

Eine so scharfe Warnung vor der zwangsweisen Menschheitsbeglückung kann gar nicht oft genug ausgesprochen werden - insofern ist es gut, dass der elv-Verlag aus Bremen nun Zamjatins Roman wieder veröffentlicht hat. Weniger gut ist, wie das Buch daher kommt: Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass bei übersetzten Werken der Übersetzer zu nennen ist, ganz gleich, ob er unbekannt, alt oder gar schon tot ist. Auch auf eine editorische Notiz hat die Herausgeberin Julia Deutschländer verzichtet. Von wem stammt diese Übersetzung, wo wurde sie zuerst gedruckt, hat jemand sie überarbeitet? Man erfährt es nicht. Das Vorwort der Herausgeberin wirkt wie eine missglückte Übersetzung aus dem Russischen, so viele ärgerliche Russizismen enthält es. Hier wäre ein Lektor segensreich gewesen.

Sehr passend ausgewählt wurde die Titelillustration - viele hochgereckte Hände, die zu einer großen Hand werden, ein Ausschnitt aus einem berühmten Sowjetplakat von Gustav Klucis, dessen Titel dann aber mit "Erfüllen den Plan der großen Arbeiten!" in gebrochenes Deutsch übersetzt ist. Die Qualität des kunststoffbeschichteten Einbands ist dermaßen schlecht, dass er nach dem ersten Aufschlagen permanent aufgeklappt bleibt. Erfüllen die Gebote guter Gepflogenheiten, bitte!

Wie man Bücher nicht nur sorgfältig ediert, sondern auch kunstvoll und schön gestaltet, hätten die Macher des elv-Verlags von der Friedenauer Presse lernen können. Dort hat Peter Urban unter dem Titel "Ich fürchte..." drei Essays von Evgenij Zamjatin mustergültig übersetzt und herausgegeben. Sie stammen aus den Jahren 1919 bis 1921 und lassen sich als fortschreitender Kommentar des Autors zur Revolution und ihren Folgen, aber auch zur Entstehung und zum Schicksal seines Romans lesen

Erlebt haben wir die Epoche der Unterdrückung der Massen; erleben werden wir eine Epoche der Unterdrückung der Persönlichkeit im Namen der Massen; das Morgen - wird die Befreiung der Persönlichkeit bringen - im Namen des Menschen. Der imperialistische und der Bürgerkrieg - haben den Menschen zu Material für den Krieg verwandelt, in Nummern, in Ziffern. Der Mensch ist vergessen - um des Sabbats willen; wir wollen an ein anderes erinnern: der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht. ... Der Mensch liegt im Sterben. Der stolze homo erectus geht auf allen Vieren, ihm wachsen Reißzähne und Fell - das Tier in ihm gewinnt die Oberhand. Zurückgekehrt ist das wüste Mittelalter, eine neue Welle von Judenpogromen rollt. Wir dürfen nicht länger schweigen. Es ist Zeit für den Ruf: der Mensch ist des Menschen - Bruder!

Hellsicht, Analyse, Anklage, Appell - so mischt sich der Autor 1919 in die Geschicke seines von der Revolution erschütterten Landes ein, noch voller Hoffnung auf ein "Morgen", so heißt der Text, der als Vorrede für eine Zeitschrift gedacht war, die nie erschien. Mit einem skeptischen "Ich fürchte ..." reagiert Zamjatin ein Jahr später wohl auf die Ablehnung seines Romans "Wir" durch sowjetische Verlage. Bei seinen Schriftstellerkollegen diagnostiziert er einen Hang zur politisch geforderten Loyalität und Nützlichkeit. Wahre Literatur werde nicht von "zuverlässigen Vollzugsbeamten", sondern von "Wahnwitzigen, Abtrünnigen, Ketzern, Träumern ... (und) Skeptikern" geschrieben.

Ich fürchte, wahre Literatur wird es bei uns nicht geben, bevor wir nicht geheilt sind von jener neuen Art des Katholizismus, der nicht weniger als der alte, vor jedem Ketzerwort zurückschreckt. Und wenn diese Krankheit unheilbar ist - fürchte ich, hat die russische Literatur nur eine Zukunft: ihre Vergangenheit.

In puncto Dogmatik haben sich Zamjatins Befürchtungen bestätigt. Aber dennoch gab es Sowjetschriftsteller, die am Dogma vorbei schrieben und der russischen Literatur eine Zukunft gaben: Man denke nur an Babel, Dobycin, an Grossman, von den Dichtern ganz zu schweigen, zu denen auch Aleksandr Blok gehört hätte, wäre er nicht 1921 gestorben. Dem Dichter Blok ist Zamjatins dritter Essay in diesem Band gewidmet - ein Nachruf auf einen Menschen, der sich der praktischen revolutionären Arbeit verschrieb, weil er es als seine Pflicht empfand, und der angesichts der Bürgerkriegsgreuel, der Not und der Fahrt aufnehmenden neuen Bürokratie nicht mehr schreiben konnte. Im Grunde sind diese "Erinnerungen an Blok" auch ein Abschied von den Hoffnungen, die in die Revolution gesetzt wurden - Zamjatin hat ihn sehr früh und unmissverständlich vollzogen.

Evgenij Samjatin: "Wir."
elv-Verlag, Bremen 2011, 160 Seiten.
Evegenij Zamjatin: "Ich fürchte ...".
Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Nachwort von Peter Urban.
Friedenauer Presse, Berlin 2011, 30 Seiten.