Freitag, 16.11.2018
 
Seit 02:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattEin Moped für den millionsten Gastarbeiter der Bundesrepublik10.09.2004

Ein Moped für den millionsten Gastarbeiter der Bundesrepublik

Vor 40 Jahren traf der Portugiese Armando Sa Rodrigues in Köln ein

<em>Großer Bahnhof für einen kleinen Mann in Köln Deutz, für Armando Sa Rodrigues aus Viseo in Portugal, der soeben ausgerufen wurde, denn der erste der beiden Züge mit Gastarbeitern, die am heutigen Tage in der Bundesrepublik eintreffen, insgesamt sind es 1200, ist soeben mit 80 Minuten Verspätung in Köln-Deutz eingelaufen.</em>

Von Hartmut Goege

Portugiesische "Gastarbeiter" verlassen den Bahnhof Harburg (Conti-Press/Museum der Arbeit)
Portugiesische "Gastarbeiter" verlassen den Bahnhof Harburg (Conti-Press/Museum der Arbeit)

Es sollte ein besonderer Tag für den 38jährigen Zimmermann aus Portugal werden. Als er unter den Klängen von "Wem Gott will rechte Gunst erweisen" aus dem Zug stieg, standen Foto-, Zeitungs- und Rundfunkreporter, Fernsehkameras und Nachrichtenagenturen bereit.

... und die Überraschung für Senior Rodrigues wird darin bestehen, dass er als der millionste Gastarbeiter im Bundesgebiet als Geschenk ein zweisitziges Moped bekommt, es steht hier bereits aufgebaut. Damen mit Blumensträußen harren seiner. Er kommt jetzt über die Gleise herüber unter dem Beifall der umstehenden, um die Ehrung als millionster Gastarbeiter, als der er unter den Männern und Frauen, die mit ihm im Zuge waren, durch das Los bestimmt worden ist, in Empfang zu nehmen.

Und ein Ehren-Diplom der Arbeitgeberverbände. Stellvertretend als Dank für all die Arbeiter, die seit Mitte der 50er Jahre aus den südeuropäischen Ländern in das westdeutsche Wirtschaftswunderland geholt wurden. Man träumte von unendlichem Wachstum. Der Bedarf an Arbeitskräften schien unermesslich. Arbeitslosigkeit war ein Fremdwort. Und ohne die Hilfe ausländischer Kräfte, so hatten Vertreter der Wirtschaft vorgerechnet, war die Arbeit nicht mehr zu bewältigen. Werner Mühlbratt von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände.

Wir bekommen im Augenblick mehr Gastarbeiter, wir rechnen im Durchschnitt mit einer monatlichen Zunahme von etwa 20.000 und glauben, dass wir für das Jahr 1964 mit einem Saldo von 115.000 mehr abschließen.

Doch bei diesen Zahlenspielen vergaß man, dass es um Menschen ging und nicht um Produktionsmaschinen. Das offenbarte sich schon bei den Anwerbeverfahren in den jeweiligen Heimatländern. Splitternackt und in Gruppen zu 15 Personen mussten sie aus "seuchenhygienischen Gründen", wie es im Amtsdeutsch hieß, teilweise demütigende Gesundheitsuntersuchungen über sich ergehen lassen. Salih Güldiken, türkischer Gastarbeiter der ersten Generation, erinnert sich an diese Prozedur vor vierzig Jahren.

In der Arbeitsamt Istanbul haben sie uns deutsche Ärzte untersucht, bis unsere Zähne geguckt. Wenn Zähne fehlten, musste man Zähne machen lassen, sonst hattest du keine Chance nach Deutschland zu kommen. Alle unter 30, über 30 keine Chance. Und Beruf. Wenn damals keine Beruf, hätte keine Chance gehabt nach Deutschland zu kommen.

Dafür erhielten sie eine Arbeitserlaubnis für maximal 24 Monate, um als Bergarbeiter, in der Automobilproduktion oder als Müllmann zu arbeiten. In Deutschland angekommen war für die meisten die Wohnsituation ein Schock. Kasernenartige Werks-Baracken auf Stacheldraht umzäunten Betriebsgeländen mit einer Toilette und 2 Kochstellen für 60 Personen. Wohnungsbau- und Integrationsprogramme gab es nicht. Als Arbeitskräfte hochwillkommen, ignorierte man nach Feierabend ihre Anwesenheit. Isolation war die Folge. Sprachprobleme taten ihr übriges.

Warum, man musste um fünf Uhr aufstehen. Und dann nach acht Stunden machen Feierabend. Kommen nach Hause, ist dann sowieso müde. Dann muss man alle Sachen selbst machen, kochen, waschen, und dann keine Zeit haben, um Deutsch zu lernen.

Über Stichworte wie Integrationsmaßnahmen und Eingliederungspolitik wurde erstmals 10 Jahre später gesprochen. Denn nach Ölkrise und Anwerbestopp 1973 mehrten sich unter den Deutschen Vorurteile und ausländerfeindliche Tendenzen. Noch heute wollen viele nicht wahrhaben, dass Deutschland mit seinen Gastarbeitern auch Einwanderungsland geworden ist. Hakki Keskin, Vorsitzender der türkischen Gemeinde Deutschlands:

Die Emigranten sind mit ihrer Geschichte ein Teil der deutschen Geschichte geworden. Deshalb gehören die Migranten auf jeden Fall zur deutschen jüngeren Geschichte. Und das kann man nicht mehr ignorieren.

Armando Sa Rodrigues hat die Ehrung heute vor vierzig Jahren kein Glück gebracht. Nach einem Arbeitsunfall schwer verletzt, kehrte er mittellos in sein Heimatland zurück. Niemand hatte ihn über seinen Anspruch auf Krankengeld aufgeklärt. Er starb an den Folgen 1981.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk