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StartseiteKalenderblattEin Prunkstück allererster Güte06.12.2008

Ein Prunkstück allererster Güte

Vor 25 Jahren wurde das Evangeliar Heinrichs des Löwen versteigert

Weil heute vor 25 Jahren das Evangeliar Heinrichs des Löwen bei Sotheby's ins Ausland versteigert zu werden drohte - urdeutsches Kulturgut erster Klasse - bot die deutsche Bundesrepublik mit und erhielt für 32,5 Millionen Mark den Zuschlag. Noch nie war für ein Buch so viel Geld bezahlt worden.

Von Mathias Schulenburg

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen wird in London für die Rekordsumme von 32,5 Millionen DM ersteigert. (AP Archiv)
Das Evangeliar Heinrichs des Löwen wird in London für die Rekordsumme von 32,5 Millionen DM ersteigert. (AP Archiv)

Die Versteigerung von Los Nummer 50 war auch für das an fürstlichen Glanz gewohnte Londoner Auktionshaus Sotheby's ein denkwürdiges Ereignis. Am 6. Dezember 1983 ging es los in der Londoner Bond Street, um 11 Uhr morgens. Und dann die Sensation: Auf vier Millionen D-Mark war der Wert des Gegenstandes geschätzt worden ...

... aber es wurden 32,5 Millionen - für ein einziges Buch aus dem fernen 12. Jahrhundert, ein Evangeliar, ein kunstvoll illustriertes liturgisches Werk mit dem Text der vier Evangelien. Ein Prunkstück allererster Güte, das Heinrich der Löwe, Vater Wilhelms, des künftigen Stammhalters der Welfen, um 1188 bei der Benediktinerabtei in Helmarshausen für den Braunschweiger Domschatz in Auftrag gegeben hatte.

Kanontafeln, ganzseitige Miniaturen, die Evangelien der Mönch Hermannius hatte fünf Jahre seines Lebens auf die Herstellung des Evangeliars verwandt und an nichts sparen müssen, neben Silber und Gold üppige Farben verwenden können, zu Ehren Gottes und des Auftraggebers. Es wird denn auch gezeigt, wie Gott persönlich Heinrich und seiner zweiten Gattin Mathilde die Kronen aufsetzt.

In scharfem Kontrast zu den himmlischen Vorgängen steht die Technik, mit der das Meisterwerk damals zustande kam; hier nur die zeitgenössische Rezeptur für die Farbe Grün. Kupferstreifen kommen in ein Holzloch,

... durch welches du erwärmten Essig oder warmen Harn eingießen kannst, so, dass ein Drittel gefüllt werde, und sogleich verstopfe die Öffnung. Dieses Holz sollst du an einen Platz schaffen, wo du es von allen Seiten mit Mist bedecken kannst. Nach vier Wochen aber hebe den Deckel, schabe, was du auf dem Kupfer findest, ab, und bewahre es ...
Vera Trost "Skriptorium", Belser Verlag 1991, ISBN 3-7630-1212-5 S.40

So archaisch die Technik, so vorzüglich das Ergebnis: Das Grün leuchtet immer noch so frisch wie am ersten Tag.
So licht die Farben des heute in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrten Kleinods, so dunkel sind die Umstände, unter denen es den Weg in das Auktionshaus Sotheby's in London fand. Hatte es sich, wie vereinzelt behauptet, kurz vor der Versteigerung noch im Besitz der Hannoveraner Welfen befunden? Dann wäre seine Ausfuhr nach England eine wertmindernde Regelwidrigkeit gewesen, denn das Buch hatte auf einer Liste gestanden, die es als nationales Kulturgut deklarierte, zum Verbleib in Deutschland bestimmt. Sicher, von der Liste war es wieder gestrichen worden, aber nur, weil das Buch bereits in England vermutet wurde.

Das Welfenhaus, um Klärung der Besitzverhältnisse gebeten, verblüffte mit der Verlautbarung: Wir wissen es nicht. Das konnte auch den Vorsitzenden des Braunschweiger Landesvereins für Heimatschutz, Josef Daum, nicht überzeugen:

"'Wir wissen es nicht.' Wenn ich so etwas besitze, und wir wissen ja, dass das Welfenhaus der letzte für uns nachweisbare Besitzer gewesen ist, dann weiß ich sicherlich auch, wo ich das hingegeben habe. Ob ich das verkaufe oder verschenke, das spielt keine Rolle, auf jeden Fall weiß ich schon, wer das gekriegt hat. Und dass das Welfenhaus zu allem schweigt, werten die Leute als ein ganz schlechtes Zeichen und viele sagen, die müssen das ja noch haben."

Bei der Versteigerung schließlich gelang es in einer konzertierten Aktion der Bundesrepublik Deutschland, des Freistaates Bayern, des Landes Niedersachsen und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz durch ein Gebot des Bankiers Hermann Josef Abs das Evangeliar für Deutschland zu erwerben - zum stolzen Preis von 32,5 Millionen D-Mark.

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