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StartseiteKalenderblattEin sonderbarer Spaßvogel12.05.2012

Ein sonderbarer Spaßvogel

Vor 200 Jahren wurde der britische Schriftsteller und Maler Edward Lear geboren

Der 1812 geborene Edward Lear brachte ein umfangreiches Oeuvre von Zeichnungen hervor. Doch er beeindruckte vor allem mit seinen meist sinnfreien Dichtungen.

Von Christian Linder

Edward Lear publizierte sein Nonsense-Buch zunächst unter Pseudonym  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Edward Lear publizierte sein Nonsense-Buch zunächst unter Pseudonym (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Der kuriose Herr, der die Nonsense-Literatur, das Limerick-Gedicht erfunden hat, fand sich selbst gar nicht komisch und hatte wahrlich auch keinen Grund, über sich zu lachen. Eher hatte Edward Lear ein ständiges Erstickungsgefühl, nicht nur wegen frühkindlicher epileptischer Anfälle, sondern auch wegen der gesellschaftlichen Außenseiterposition, in die er ebenso früh hineingedrängt wurde. Am 12. Mai 1812 als zwanzigstes Kind eines Londoner Börsenmaklers geboren, gab die Familie – der Vater hatte einen wirtschaftlichen Zusammenbruch erlebt – den Jungen im Alter von vier Jahren in die Obhut einer einundzwanzig Jahre älteren Schwester, die allerdings nur den schon immer zu Depressionen neigenden Edward Lear noch mehr in seine Einsamkeit einsperrte. Doch sie machte ihn immerhin auf sein Zeichentalent aufmerksam, und mit verkauften Zeichnungen - hauptsächlich von Tieren aus dem Zoologischen Garten im Londoner Regent’s Park - lebte Lear mehr schlecht als recht – obwohl er so bekannt wurde, dass sogar die englische Queen Victoria bei ihm Zeichenunterricht nahm. Kurz darauf sehen wir Lear, wie er auf Einladung des Earls of Derby auf Schloss Knowsley die dort versammelten exotischen Tiere zeichnet. Damals begann er, die zahlreichen Kinder, Enkel und Jagdgenossen des Earls mit täglich erfundenen kleinen Nonsense-Gedichten zu unterhalten:

"Es war mal ein Mann aus
Südschwaben,
der tanzte Quadrilla mit ‚nem Raben;
sie missbilligten ganz
den absurden Tanz
und erschlugen den Mann aus
Südschwaben."


1844 ließ Edward Lear siebzig dieser Nonsense-Gedichte in einem Buch erscheinen, mit Zeichnungen illustriert. "A Book of Nonsense" lautete der Titel, mit der Autorenzeile: "by Derry down Derry". Ein Riesenerfolg. Aber niemand wusste, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg. Einmal saß Edward Lear im Zug, die Mitreisenden unterhielten sich über das "Nonsense"-Buch und vermuteten als den Autor den Earl of Derby. Da gab Edward Lear sich zu erkennen, aber die Mitreisenden lachten ihn aus.

"Da nahm ich meinen Hut ab und zeigte ihn herum, mit der Inschrift Edward Lear im Hutband und meiner Adresse darauf …; ja, ich zog sogar meine Visitenkarte hervor und ein Taschentuch mit meinen Initialen: woraufhin diese gänzlich umnachteten Individuen … fortan in aller Ruhe mit den Zähnen knirschen konnten."

In der dritten Auflage des "Nonsense"-Buchs stand dann der wirkliche Autorenname: Edward Lear.

"Es war einst ein Alter aus Wick,
der sagte: "Ticktick ticketick",
tschickabuh tschickabix -
und sonst sagte er nix, der lakonische Alte aus Wick."


Eine der scharfsinnigsten Analysen dieser Limerick-Gedichte hat Klaus Reichert gegeben. Das psychisch Derangierte, das in den Gedichten zum Ausdruck komme, werde lakonisch auf sich selbst zurückverwiesen.

"Daher kommt es, dass die Gestalten Lears die verzweifelte Stumpfheit von Irren haben; nicht mehr ansprechbar sind; in ihren Tick sich hüllen wie in einen Königsmantel; aber es ist der Mantel eines vertriebenen Königs, und er haust dort, wo es gleich ist, ob einer lacht oder weint."

Mit Bezug auf diese Analyse hat Hans Magnus Enzensberger, dem dank seiner Übersetzung die heutige Popularität Edward Lears in Deutschland zu verdanken ist, Lears Verse als "verbotene Nachrichten aus dem psychischen Untergrund der viktorianischen Epoche" gelesen, "dem Wahnsinn entgegengehalten". Aus diesem gesellschaftlichen Zwangskorsett versuchte Lear auch äußerlich auszubrechen, er verließ England, reiste durch Europa, sogar bis nach Indien, zum Himalaya, und da er aufgrund einer Erpressung seines Londoner Verlags die Rechte an seinem "Nonsense"-Buch verschleudern musste, lebte er von kleinen Zeichnungen, die er im damals aufkommenden Zeitalter des Tourismus als Souvenirs verkaufte. Sein letztes Domizil war San Remo, wo er 1888 starb. Die letzten sechzehn Jahre an der Riviera zeigen ihn nach Enzensbergers Worten "ziemlich vereinsamt und sonderbar", er habe weitergemalt und weitergereimt, oft allerdings auch tagelang nur an die Decke gestarrt – und "dies alles," betonte Enzensberger, "ohne verrückt zu werden".

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