Donnerstag, 01. Dezember 2022

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Ein Tag im Leben eines Studenten

Viele Erstsemester sind am Anfang ihres Studiums mit den Strukturen und Abläufen an der Uni überfordert. Ein Projekt an der Hochschule Bremen will dem Abhilfe schaffen: Bei "rent a student" begleiten Studieninteressierte höhere Semester und bekommen so einen Einblick in den Studienalltag.

Von Franziska Rattei | 12.06.2013

    "Hier ist eigentlich die Salatbar. Aber da muss man aufpassen, weil das irgendwie nach Gewicht geht. Und irgendwann haste dann auf einmal einen Sechs-Euro-Salat auf dem Teller…"

    Laura Stief studiert seit zwei Semestern Journalistik an der Hochschule Bremen.

    Es ist kurz nach halb zehn, viel zu früh fürs Mittagessen. Aber Laura Stief hat einen Gast, dem sie heute den Campus - und deshalb auch die Mensa - zeigt. Yannick Hanke will Journalist werden. Das weiß der 19-Jährige sicher, aber noch ist er sich nicht ganz sicher, ob er wirklich Journalistik studieren will. Geschichte oder Sozialwissenschaft interessiert ihn auch.

    "Ich kann Dir ja mal die Lehrredaktion zeigen, falls sie auf ist. Weil das ist für uns Journalisten der Hauptbereich…"

    Die Journalistik-Studentin und der Studieninteressent verlassen die Mensa und laufen durch ein paar dunkle Gänge zu einem Seminarraum: zur Print-Lehrredaktion. Ab dem zweiten Semester produzieren die Journalistik-Studenten ihr eigenes Magazin. Vielleicht ist Yannick Hanke ab Oktober auch dabei. Seine mögliche Kommilitonin, Laura Stief, kennt er allerdings erst seit einer Viertelstunde. Yannick Hanke hat in der vergangenen Woche einen Artikel über das Projekt "rent a student" in der Zeitung gelesen.

    "Da war so eine Ausschreibung, dass das noch bis nächste Woche Freitag läuft, und hab ich direkt mal im Internet reingeschaut, direkt mich per E-Mail beworben. Kam am selben Abend noch ein Rückruf, dass ich spontan sein soll, dass es dann nächste Woche stattfindet, und so hat es sich dann ergeben. Und finde ich auch ganz gut, dass es wenige Tage gedauert hat bzw. wenige Stunden."

    Vor einem Jahr, als Laura Stief ihr Studium aufnahm, gab es "rent a student" noch nicht. Leider, sagt sie.

    "Ich bin auch einfach hier hergezogen und hatte keine Ahnung: was jetzt wie da los ist. Es ist glücklich geendet, aber es kann nicht immer so gut enden."

    Sie hält das Projekt für sinnvoll und hat sich deshalb als Freiwillige gemeldet; um Studieninteressenten den Campus und ihren Studiengang vorzustellen; ehrenamtlich. Im Büro von Beate Blank laufen alle Fäden für "rent a student" zusammen. Sie leitet das Projekt an der Hochschule Bremen. In den vergangenen zwei Monaten hat sie rund 70 Studieninteressenten an bereits Studierende vermittelt, die Resonanz war durchweg positiv, sagt sie. Eine klassische Studienberatung bietet die FH in Bremen auch; allerdings, meint Beate Blank:

    "Wie sich das anfühlt, ein Studium in diesem Bereich - das kann man nur selber erspüren. Das kann eine Studienberatung nicht sagen, wie’s ist. Und wenn ich dann die Möglichkeit habe, mit einem Studierenden/einer Studentin also mitzulaufen, um dann zu gucken: was wird angeboten - also, alleine so ein Projekt, was Hilfestellung bietet: Welcher Weg ist jetzt der richtige für mich."

    "rent a student" - mit einem Studenten durch den Studienalltag. Dieses Modell probieren auch andere aus. An einer berufsbegleitenden Hochschule in Bremen beispielsweise kommt das Projekt ebenfalls gut an; dort melden sich rund 50 Interessenten pro Jahr. Die Bremer Telekom-Niederlassung und eine Berufsfachschule in Hamburg dagegen verzeichnen nur mäßigen Erfolg, und in der übrigen Bundesrepublik gibt es höchstens inoffizielle "rent-a-student"-Initiativen, meint Beate Blank. Schade, findet sie. Denn ihrer Meinung nach zahlt sich das Projekt aus:

    "Die Motivation ist natürlich: Engagierte, überzeugte Studierende zu finden, die bis zum Ende durchhalten. Klar. Es ist zwar ein relativ hoher Aufwand, was diese Organisation, diese Vermittlung angeht, aber der Output ist recht groß, würde ich behaupten."

    Yannick Hanke teilt diesen Eindruck. Er hat inzwischen auch die Lehrredaktion Hörfunk besucht. Dort hat er zugesehen, wie Studierende lernen, eine Radiosendung zu moderieren. Und an einer Vorlesung zu Medienethik hat er auch teilgenommen. Zurück in der Mensa lässt er sich ein paar letzte Tipps von seiner in Anführungsstrichen gebuchten Tandem-Studentin - geben und zieht Bilanz.

    "Ja, ich muss sagen: Ich muss erst mal vom Schuldenken wegkommen. Das ist ja wirklich eine andere Welt. Aber ich denk mal, nach ein bis zwei Semestern hat man sich dann auch wirklich eingelebt, und dann ist die neue Welt vielleicht nicht mehr so neu,- ist auf jeden Fall eine Herausforderung, der man sich dann einfach stellen muss, denk ich mal."