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StartseiteKalenderblattEin Zeichen der Versöhnung14.03.2010

Ein Zeichen der Versöhnung

Vor 50 Jahren traf Bundeskanzler Adenauer erstmals den israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion

1959 kam es zu zahlreichen Hakenkreuzschmierereien in der Bundesrepublik: ein Schock in und außerhalb Deutschlands. In dieser Situation ergriff der israelische Premierminister David Ben Gurion Partei für die BRD, indem er sich am 14. März 1960 mit Bundeskanzler Konrad Adenauer in New York traf und so seine Solidarität demonstrierte.

Von Matthias Bertsch

David Ben-Gurion und Konrad Adenauer in New York, 1960 (AP)
David Ben-Gurion und Konrad Adenauer in New York, 1960 (AP)

"Das deutsche Volk empfindet tiefe Genugtuung, dass durch die Wiedergutmachung für Opfer des Nazismus ein Beitrag zu dem Aufbauprozess Israels geleistet wurde."

Als sich Konrad Adenauer und sein israelischer Amtskollege David Ben Gurion nach ihrem zweistündigen Treffen im New Yorker Hotel Waldorf Astoria der Presse stellten, waren sie voll des Lobes füreinander. Wichtiger als die Worte allerdings war das Foto, das um die Welt ging: Da saßen - zum ersten Mal seit dem Ende des Holocaust - die beiden wichtigsten Politiker des jüdischen und des deutschen Volkes wie alte Freunde entspannt an einem kleinen Couchtisch und schienen sich bestens zu verstehen. Ein Bild von hoher symbolischer Bedeutung, so der Historiker Michael Wolffsohn von der Bundeswehruniversität München.

"Man muss sich dessen erinnern, dass Heiligabend 1959 beginnend eine große Hakenkreuz-Schmierkampagne in der Bundesrepublik Deutschland abgelaufen war. Dies ist natürlich in Deutschland und außerhalb, vor allem in der jüdischen Welt, ein Schock gewesen: Siehst du, wieder die Zeichen an der Wand, im wahrsten Sinne des Wortes."

Hinter der Kampagne, so Wolffsohns Überzeugung, steckte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, das die Bundesrepublik in den Augen ihrer westlichen Verbündeten diskreditieren wollte. Wer die antisemitischen Schmierereien letztlich organisiert hatte, ist unklar, doch im Ausland wuchsen die Befürchtungen, dass der Geist des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik noch sehr lebendig sei.

"Die Größe von Ben Gurion bestand darin, in dieser gegen Deutschland aufgeheizten Situation die Hand der Versöhnung nach außen allen sichtbar hinzustrecken."

"Das Deutschland Adenauers und der Sozialdemokraten ist nicht das Deutschland Hitlers. Ich meine nicht nur das neue politische System, obwohl das sehr wichtig ist, sondern den politischen Wandel, der sich in Westeuropa und auf der ganzen Welt vollzogen hat. Das heutige Deutschland wird nicht mehr dasjenige sein, welches es vor dem Zweiten Weltkrieg war, und meinem Gewissen folgend sind das Vermächtnis der Shoa-Opfer der Aufbau, die Festigung, das Gedeihen und die Sicherheit Israels."

Ben Gurions positive Einstellung gegenüber der Bundesrepublik beruhte jedoch nicht nur auf dem Vertrauen in die persönliche Integrität Adenauers, sondern auch auf wirtschaftlichen Interessen. 1952 hatte die Bundesrepublik mit Israel ein Wiedergutmachungsabkommen unterzeichnet, das Zahlungen in Höhe von über drei Milliarden Mark vorsah.

"Die Bundesregierung ist bereit, gemeinsam mit Vertretern des Judentums und des Staates Israel, der so viele heimatlose jüdische Flüchtlinge aufgenommen hat, eine Lösung des materiellen Wiedergutmachungsproblems herbeizuführen, um damit den Weg zur seelischen Bereinigung unendlichen Leides zu erleichtern."

Neben der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ging es beim Treffen der beiden Staatsmänner in New York auch um militärische Unterstützung. Seit 1957 lieferte die zwei Jahre zuvor gegründete Bundeswehr Waffen an den jüdischen Staat - ein Geheimabkommen, das 1964 aufgedeckt wurde und in der Bundesrepublik zu heftigem Streit über das eigenmächtige Vorgehen der Regierung führte. In Israel war es schon früher zu massiven innenpolitischen Protesten gegen die deutsch-israelischen Beziehungen gekommen, allerdings aus ganz anderen Gründen.

"In Israel hätte keiner irgendetwas gesagt, dass die Bundesrepublik Waffen fürs Überleben Israels lieferte. Dass aber der eigene Ministerpräsident diese Bundesrepublik, die kurz vorher am nationalsozialistischen Pranger sozusagen stand, entlastete, das hat in Israel unglaubliche Opposition ausgelöst, teilweise auch in der Regierungskoalition. Unsichtbar waren die Waffenlieferungen, sichtbar war die Versöhnung. Das war sehr umstritten."

Für Ben Gurion jedoch zählte letztlich nur die Verlässlichkeit der Bundesrepublik beim Aufbau des jüdischen Staates. In einem allerdings konnte sich der israelische Ministerpräsident nicht durchsetzen: Adenauer verweigerte volle diplomatische Beziehungen mit Israel, um die guten Kontakte zur arabischen Welt nicht zu gefährden. Erst nachdem die Informationen über den geheimen Waffenhandel an die Öffentlichkeit gelangt waren, änderte die Bundesregierung ihre Politik: Im Februar 1965 wurden die Rüstungslieferungen nach Israel gestoppt, im Mai tauschten die Bundesrepublik und Israel offiziell Botschafter aus.

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