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StartseiteCampus & KarriereEine "Kleingruppe" von 420 Teilnehmern21.04.2006

Eine "Kleingruppe" von 420 Teilnehmern

Studierende in Köln protestieren gegen überfüllte Seminare

Seminare an der Hochschule sollen den Stoff der Vorlesungen durch die Arbeit in kleinen Gruppen vertiefen. Zumindest nach der Theorie - doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Tatsächlich haben Seminare oft 50 oder 100 Teilnehmer und noch mal so viele Bewerber stehen auf der Warteliste. An der Universität Köln sind Plätze so rar, das die Studierenden jetzt auf die Barrikaden gehen.

Von Andreas Kolbe

Besonders in pädagogischen Fächern, aber auch in Germanistik und Anglistik übersteigt die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches.  (AP)
Besonders in pädagogischen Fächern, aber auch in Germanistik und Anglistik übersteigt die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches. (AP)

"Der Anlass ganz konkret war eine Veranstaltung, die Mittwochmorgens stattfinden sollte und 420 Leute tauchten auf und waren auch angemeldet. Und der Raum fasste nur 100 Leute und ein Dozent stand vorne und konnte nicht die Sprache ergreifen, weil einfach viel zu viele Leute da waren und da haben wir gesagt, das geht nicht, wir gehen jetzt direkt rüber!"

Für Studierende wie Anne Bohaty an der Philosophischen Fakultät der Universität Köln ist das Hauen und Stechen um Seminarsplätze mehr die Regel als die Ausnahme. Besonders in pädagogischen Fächern, aber auch in Germanistik und Anglistik übersteigt die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches. Das wollen viele Studierende nicht länger hinnehmen. Sie haben den Dekan der Fakultät aufgefordert, die Studienbedingungen sofort zu verbessern.

Professor Norbert Finzsch, der Prorektor für Studium und Lehre der Uni Köln, bat seine Kollegen daraufhin in einem Brief, möglichst alle Veranstaltungen zu öffnen und jedem Bewerber einen Seminarplatz zur Verfügung zu stellen.

"Ich hatte vorgeschlagen, verstärkt auf die Möglichkeiten des E-Learning zuzugreifen, Hausaufgaben zu verteilen und alternierend in geteilten Gruppen die Lehrveranstaltung stattfinden zu lassen, so dass man theoretisch in der Lage ist, die doppelte Studierendenzahl mit Lehrmaterial und Unterrichtsstoff zu versorgen."

Absolute Notlösungen seien das, sagt der Prorektor, nur um dieses Semester in den Griff zu bekommen. Denn für die Studierenden steht viel auf dem Spiel. Werden Scheine nicht fristgerecht erworben, verlieren manche Ansprüche auf Bafög, ausländische Studierende möglicherweise ihre Aufenthaltserlaubnis. Langzeitstudierende und Leute im Zweitstudium zahlen Studiengebühren, zum Teil ohne einen einzigen Seminarplatz zu bekommen. Im einfachsten Fall dauert das Studium länger und Absolventen kommen später in den Job.

Um das zu verhindern, sind viele Dozenten und Professoren auf die Vorschläge des Prorektors eingegangen. Dr. Gertrud Kemper beispielsweise ist mit ihrem Seminar Visuelle Kommunikation aus dem Seminarraum in einen großen Physikhörsaal umgezogen. 230 Teilnehmer hat ihre Veranstaltung jetzt.

"Das kann nicht die Regel sein, weil ich normalerweise nicht mit einer so hohen Teilnehmerzahl ein Seminar halten kann. Das ist dann mehr eine Vorlesung als mehr ein Seminar, was ja auch eine gewisse Interaktivität vorweisen sollte und eine intensive Gruppenbetreuung erfordert, was ja bei der Anzahl schlecht möglich ist."

Lehramtstudentin Elisabeth Pollmann ist besonders früh gekommen, um einen guten Platz weit vorn im riesigen Hörsaal zu ergattern. Sie ist froh nun doch noch in einem Seminar unterzukommen.

"Natürlich ist es besser als nichts zu haben. Im Endeffekt muss man heute ja leider schon so studieren: Hauptsache den Schein kriegen. Das hat Priorität. Und alles was dann noch zusätzlich angeboten werden kann, ist eben Bonus. Also ein Seminar wäre dann eben Bonus und die Vorlesung ist jetzt eben das Makel irgendwie."

Dass diese Zustände keine Dauerlösung sind, ist auch den Verantwortlichen der Universität bewusst. Prorektor Norbert Finzsch verhandelt seit geraumer Zeit mit dem Land Nordrhein-Westfalen über eine Absenkung der Studierendenzahl in einigen Fächern, vor allem in der Pädagogik. Langfristig kann aber nur eine Ausweitung des Lehrangebots das Problem lösen und die Chancen dafür stehen gut, sagt er.

"So wie es aussieht, werden ja Studiengebühren eingeführt werden und der Gesetzgeber sieht vor, dass diese Studiengebühren für einen einzigen Zweck eingesetzt werden dürfen, nämlich zur Verbesserung der Lehre. Dann wird die Universität sich einen Modus überlegen müssen, wie diese Gebühren aufgeteilt werden und die Fakultäten müssen dieses Geld dann nutzen, um entweder neue Leute einzustellen oder aber durch Tutorenprogramme die Lehre drastisch zu verbessern."

Ob sich mit Studiengebühren die Situation wirklich verbessert, sehen viele Studierende skeptisch. Falls sich in den kommenden Semestern nichts an der Überbelegung der Seminare und Vorlesungen ändert, wollen sie - in letzter Konsequenz - auch rechtlich gegen die Universität vorgehen. Sie wollen Zugang zu Veranstaltungen einklagen oder Verdienstausfälle geltend machen, weil das Studium länger gedauert hat. Die Erfolgsaussichten einer solchen Klage wären vollkommen offen, sagt der Fachanwalt für Hochschulrecht Wilhelm Achelpöhler. Eine solche Klage hat es bisher noch nicht gegeben.

"Die Hochschule ist verpflichtet, ihr Lehrangebot so anzubieten, dass die Studierenden die Möglichkeit haben, innerhalb der gesetzten Fristen ihr Studium abzuschließen. Wenn die Hochschule sich nicht dran hält, verstößt sie gegen ihre gesetzlichen Verpflichtungen und die ganz spannende Frage ist dann: Besteht diese Pflicht auch gegenüber den Studenten? Können die Studierenden daraus Schadensersatzansprüche gegenüber der Hochschule herleiten lassen? Gerichtlich entschieden ist das bis heute nicht."

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