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StartseiteLange NachtNicht zu früh an die Kamera denken!02.03.2019

Eine Lange Nacht über Stanley KubrickNicht zu früh an die Kamera denken!

Kaum einem anderen Regisseur ist es gelungen, Bild und Musik zu einer derart vollständigen Einheit zu verschmelzen. Seine Filme "2001: Odyssee im Weltraum", "Uhrwerk Orange", "Full Metal Jacket", "Shining" und "Eyes Wide Shut" gelten als Meilensteine des Kinos. Berühmt-berüchtigt ist auch Kubricks Perfektionismus.

Von Rainer Praetorius

Der Regisseur Stanley Kubrick mit einer Filmkamera auf einem undatierten Foto. (AFP / STF)
Der Hollywood-Regisseur Stanley Kubrick (undatiertes Foto). (AFP / STF)
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"Wege zum Ruhm" von 1957 ist Stanley Kubricks erster Film von wirklicher Bedeutung. Kein Meisterwerk wie die Filme des Regisseurs, die ab Ende der 1960er-Jahre entstanden sind. Aber "Wege zum Ruhm" ist eine Arbeit, die bereits eine hohe Intensität und Leidenschaft für den Film erkennen lässt.
"Wege zum Ruhm" war nicht nur filmisch etwas Besonderes. Mit diesem Streifen ist auch ein ganz persönlicher Einschnitt in Kubricks Leben verbunden. Bei den Dreharbeiten traf er die Frau, die ihn bis zu seinem Tod begleiten sollte. 42 Jahre lang. Aus Christiane Harlan – die in dem Film mitspielt - wurde bereits ein Jahr nach den Dreharbeiten Christiane Kubrick.

Als Christiane Harlan 1932 im norddeutschen Braunschweig geboren wird, lebt der vierjährige Stanley Kubrick im New Yorker Stadtteil Bronx. Im benachbarten Manhattan wurde er als Sohn eines Arztes am 26. Juli 1928 geboren. Schon früh bringt der Vater seinem Sohn das Schachspielen bei. Zu seinem 13. Geburtstag erhält Stanley vom Vater ein Geschenk, aus dem eine ganz neue Leidenschaft erwächst. Der Jugendliche hält an seinem Geburtstag plötzlich eine professionelle Fotokamera in seinen Händen. Der erste Spielfilm Kubricks entsteht 1953 unter dem Titel "Fear and Desire". Rund zehn Jahre später wird diese kreative Wucht zu wahren Quantensprüngen in der Filmkunst führen. Stanley Kubrick schuf einzigartige Meisterwerke, an denen sich bis zu heutigen Tag alle Regisseure messen müssen, die neue Verfilmungen in einem dieser Genre versuchen:"2001: Odyssee im Weltraum", "A Clockwork Orange", "Barry Lyndon", "The Shining", "Full Metal Jacket", "Eyes Wide Shut".

Musik sei im Film wichtiger als Sprache

Die Musik hat in seinen Filmen den gleichen Stellenwert wie das Bild. 1972 erklärte der Regisseur:
"Die wichtigsten Werkzeuge, mit denen man bei einem Film arbeiten muss, sind meines Erachtens Bild, Musik, Montage und die Gefühle der Schauspieler. Sprache ist sicher wichtig, aber für mich kommt Sie erst an fünfter Stelle. Für mich persönlich bestehen die unvergesslichsten Szenen in den besten Filmen in der Hauptsache aus Bild und Musik."

Tatsächlich ist diese Synthese von Bild und Musik ein besonderes Markenzeichen der Kubrick-Filme. So ist es nicht nur legitim, sondern durchaus auch logisch sich dem Werk des Regisseurs Stanley Kubrick speziell von der musikalischen Seite her zu näher. Es wäre interessant im Rahmen einer großen Befragung herauszufinden, wie viele Menschen bei diesen Klängen an Wien und Caféhäuser denken und wie viele Hörer bei dieser Musik überhaupt nicht auf diese Weise reagieren, sondern sofort ein ganz anderes Bild vor Augen haben.

Viele dürften jetzt bei diesen Klängen eine große Raumstation, die sich langsam dreht, sehen - und zwar in Kubricks Film. Das Musikstück, das Kubrick in seiner epochalen Weltraumoper einsetzte, schrieb Johann Strauss bereits 100 Jahre vor der Uraufführung von "2001". Der Wiener Komponist nannte es "An der schönen blauen Donau". "Das war wirklich kühn, 1968 ein Ballett der tanzenden Raumschiffe mit enem Donauwalzer zu untermalen", bemerkt der Filmwissenschaftler und Kubrick-Kenner Nils Daniel Peiler.

"Aus heutiger Sicht ist es so, dass viele "An der schönen blauen Donau" als Spacemusic empfinden. Und das erste Mal mit Johann-Strauss-Walzer konfrontiert werden - über den Film. Ging mir genauso. Für mich war das auch am Anfang Spacemusic."

Der Science-Fiction-Film vor "2001: Odyssee im Weltraum" hatte keine künstlerische Bedeutung. Er verbrachte sein Dasein in der Schmuddelecke der Kinokultur. Kaum einer dieser Filme erfüllte intellektuelle oder filmtechnische Mindeststandards. Stanley Kubrick wollte dieses Genre neu erfinden. Und das betraf auch in diesem Fall den Einsatz der Filmmusik. Kubricks Weltraum war völlig anders. Ein Weltraum voller Anmut und Grazie. In einem Interview erklärte der Regisseur seine Vorliebe für den Donauwalzer von Johann Strauss und seinem wohlplatzierten Einsatz in "2001": "Es ist schwer, etwas viel Besseres als "An der schönen blauen Donau" zu finden, um Anmut und Schönheit in der Drehung darzustellen. Sie entfernt sich auch so weit es nur geht vom Klischee der Weltraummusik."

Musik als Mittel der Ironie

Es gibt noch eine ganz andere Möglichkeit, die Wirkung von Filmmusik zu verstärken. Kubrick wählt häufig Musik. die in Kombination mit den Bildern äußerst satirisch-ironisch wirkt. Da wäre beispielsweise Kubricks tiefschwarze Satire. "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" aus dem Jahr 1964.

Schon zu Beginn des Films, passt die süßlich-sanfte Musik scheinbar überhaupt nicht zu den Bildern. Denn man sieht, einen atomar bestückten B-52-Bomber der US-Airforce auf der Leinwand. Ruhig bewegt sich das massenmordtaugliche Kriegsgerät über den Wolken, umsorgt von einem kleineren Flugzeug, das den Bomber - über einen langen Verbindungsschlauch - in der Luft aufgetankt. Ganz am Ende von "Dr. Strangelove" - wie der Film im Original heißt - treibt es der Regisseur noch weiter auf die Spitze. Volle anderthalb Minuten lang sieht der Kinobesucher dabei zu, wie auf der Leinwand eine Atombombe nach der anderen detoniert. Vera Lynn singt dazu das Lied "We’ll Meet Again": Nach dem 19. Atompilz ist Sängerin Vera Lynn mit ihrem Lied fertig. Und auch Kubrick ist mit seinem Film fertig. Allerding ist die US-Army nach diesem Film auch mit Kubrick fertig. Bei einem späteren Kriegsfilm-Projekt konnte er in Sachen Requisiten und Ausstattung nicht mehr mit der Hilfe des amerikanischen Militärs rechnen.

Drei Jahre nach "2001: Odyssee im Weltraum" platziert Kubrick einen musikalischen Kontrast ganz anderer Art. In der Gewaltsatire "A Clockwork Orange" erklingt der berühmte Song "Singin’ in the Rain". Die ursprüngliche Version - gesungen von einem verliebten Gene Kelly - ist erst beim Abspann von "Clockwork Orange" zu hören, also ganz zum Schluss. Im ersten Teil des Films vernimmt man eine ganz andere Interpretation des Songs. Vorgetragen von Alex, einem brutalen jugendlichen Schläger. Während er dieses Lied fröhlich schmettert, tritt er mit seinen Stiefeln einen hilflos lauf dem Boden liegenden Mann. Er gibt seinem Opfer zu verstehen, dass er nun seine Frau vergewaltigen wird. Aus dem ursprünglichen Gene-Kelly-Liebesrausch wird eine Horrorshow. Sadistisch zelebriert vom Vergewaltiger Alex und seinen drei Mittätern.

Gene Kelly akzeptierte den Film nicht

Dem Film wurde Gewaltverherrlichung unterstellt. Auch der Schauspieler und Sänger Gene Kelly konnte die drastische Art und Weise, wie in "Clockwork Orange" gesellschaftliche Zustände beschrieben werden, nicht akzeptieren. Alex-Darsteller Malcolm McDowell musste erfahren, dass er mit seiner Darstellung des Schlägers nicht nur das Opfer im Film mit Tritten malträtiert hatte. Auch der über 30 Jahre ältere Kollege Gene Kelly fühlte sich getroffen. In einem Interview erzählte Malcolm McDowell, wie er ein Jahr später in Los Angeles auf eine Party eingeladen war. Dort sagte der Gastgeber zu ihm: "Malcolm, ich würde Dich gern mit Gene Kelly bekanntmachen." Er nimmt den jungen Schauspieler mit zum legendären Gene Kelly und fragt freundlich: "Gene, kennen Sie Malcolm McDowell?" Daraufhin dreht sich Gene Kelly um - und entfernte sich wortlos. In dem Film kommt auch der 4. Satz aus Beethovens 9. Mit diesem Musikstück begann auch die rund 30-jährige enge Zusammenarbeit zwischen Jan Harlan und Stanley Kubrick. Harlan ist der Schwager von Kubrick und wurde zu einem seiner engsten Mitarbeiter.

"Bei Clockwork Orange habe ich diesen Betrieb kennengelernt. Da war ich Assistent. Und ich habe mich eigentlich vor allen Dingen um die Musik gekümmert. Wir haben Musik ausprobiert. Ich habe immer Musik-Vorschläge gemacht, aber nie ausgewählt - immer nur Vorschläge. Und dann habe ich die Rechte erworben. Also zum Beispiel in Clockwork Orange war eine Vorlage, man brauchte ein paar Minuten von Beethovens 9. Sinfonie. Und zwar von dem letzten Satz "Freude, schöner Götterfunken". Damals waren Gewerkschaftsschwierigkeiten. Man konnte nicht einfach das von Decca bekommen. Und dann war ich also sehr auf der Suche. Dann hatte ich das Glück, dass die Deutsche Grammophon eine Aufnahme hatte, die war mono, und die war gar nicht mehr im Katalog. Ein hervorragender Dirigent, der das mit den Berliner Philharmonikern und sehr guten Solisten in den 50er-Jahren gemacht hat. Dann bekam ich das für 3.000 Mark die Minute. Und das war toll! Denn man kann das nicht einfach neu aufnehmen. Vier, fünf Minuten vom letzten Satz der 9. Sinfonie. Da braucht man ein großes Orchester, man braucht einen Chor, man braucht vier Solisten, man braucht einen hervorragenden Dirigenten. Das ist gar nicht zu bezahlen, wenn man das in guter Qualität haben will. Und das wollte natürlich Kubrick."

Jan Harlan (Barbara Löblein)Jan Harlan, Schwager von Stanley Kubrick und einer seiner engsten Mitarbeiter (Barbara Löblein)

Kubrick konnte bei diesem Film nicht mehr so viel Geld ausgeben, wie noch zuvor bei "2001". "Clockwork Orange" musste mit deutlich geringeren Kosten realisiert werden. Jan Harlan sagt:

"Also das Budget war, glaub ich, etwa zwei Millionen. Und das haben wir auch eingehalten. Das war ein billiger Film - Clockwork Orange."

Der Film wurde ein großer Kassenerfolg und spielte die niedrigen Produktionskosten innerhalb kürzester Zeit wieder ein. Die eingesetzte Musik trug ganz wesentlich zum Erfolg des Filmes bei.

Der Einfluss auf Musiker

Als "Clockwork Orange" in den Kinos lief, kreierte Rock-Star David Bowie seine Kunstfigur "Ziggy Stardust". Um diese außerirdische Gestalt herum entstand dann ein Konzeptalbum, das Rock-Geschichte schrieb. Bei einem Ziggy-Stardust-Konzert in London ließ Bowie am Anfang, in der Pause und auch am Schluss Musik aus "Clockwork Orange" über die Saal-Lautsprecher abspielen. Seine Anregungen für die "Ziggy Stardust"-Bühnenkostüme holte sich Bowie ebenfalls aus "Clockwork Orange". Jahre später erklärte er:

"Die Augenklappe, die Stiefel kupferten wir von Kubricks gewalttätiger Vorlage ab. Dazu suchten wir in London die knalligsten Stoffe für unsere Kostüme und nahmen dadurch der Gewalttätigkeit ihre Ernsthaftigkeit."

David Bowie 1976 im Ziggy-Stardust-Outfit. (imago stock&people / Peter Mazel)David Bowie 1976 im Ziggy-Stardust-Outfit. (imago stock&people / Peter Mazel)

Bowie zelebriert seine Horrorshow auf der Bühne in enger Anlehnung an "Clockwork Orange". Jahrzehnte nach "Clockwork Orange" und Kubricks "Space Odyssey" schildert Bowie in einem Interview, wie er bei einer seiner CD-Produktionen durch die Musik des Komponisten Richard Strauss inspirieren wurde:

"Entdeckt habe ich Strauss vor 30 Jahren, als ich zum ersten Mal den Kubrick-Film "2001: Odyssee im Weltraum" sah, mit dieser fabelhaften Einleitung, die ja heute wie ein Radiojingle benutzt wird. Ich dachte mir damals: Großartig, das ist sicher einer, der Werbemusik schreibt. War aber dann, wie ich auf dem Soundtrack erkennen konnte, ein Typ namens Richard Strauss."

Förderer von Karrieren

Nicht nur Richard Strauss wurde durch Kubricks 2001 einem weltweit großen Publikum bekannt. Der Film machte auch den aus Rumänien stammenden Komponisten György Ligeti schlagartig berühmt. Ligetis Musik kannte Kubrick zunächst überhaupt nicht. Seine Frau Christiane gab dann den entscheidenden Hinweis. Jan Harlan, Christiane Kubricks Bruder, erzählt, wie es dazu kam.

"Ligeti zum Beispiel, das war reiner Zufall, weil Christiane Kubrick hat das zufällig im Radio gehört. Rannte rüber in den Cutting-Room, und sagte zu Stanley: Oh, hör' dir das schnell an. Ich glaube, dass ist genau das was du brauchst. Und genauso war es."

Kubrick war so angetan von Ligeti, dass er auch bei späteren Filmen auf die Musik des Komponisten zurückgriff. Zwölf Jahre nach der Weltraum-Odyssee erklingt Ligetis "Lontano" mehrmals in "Shining" - einem Horrorfilm, der genreuntypisch überwiegend im Hellen spielt. Der Kinobesucher blickt bei Ligetis befremdlichen Klängen in menschliche Gesichter, die Furcht und Wahnsinn widerspiegeln. Die Musik von Ligeti hat nicht nur Kubricks Filme bereichert, umgekehrt haben die Filme auch dafür gesorgt, dass der Komponist eine weltweite Karriere machen konnte. Kubrick griff oft auf bereits bestehende Musik zurück - wie eben Johann und Richard Strauss, Beethoven, Schubert, Händel oder Ligeti. Die übliche Vorgehensweise für die Musikausstattung eines Filmes interessierte Kubrick nicht:

Die Arbeitsweise

"Einen Film zu drehen ist wie der Versuch, auf einem Rummelplatz "Krieg und Frieden" zu schreiben. Aber wenn endlich alles geschafft ist, dann entsteht ein Glücksgefühl von solch einer Intensität, wie es selten im Leben vorkommt."

So beschreibt Stanley Kubrick das Innenleben eines Regisseurs, die Kernelemente seiner Arbeit deutet er auch an:

"Gründlichkeit, Beharrlichkeit, Liebe zum Produkt und die ständige Bereitschaft, Neuland zu betreten."

Mut zum Risiko

All diese Eigenschaften benötigte Stanley Kubrick insbesondere für seinen Film "2001: Odyssee im Weltraum" aus dem Jahr 1968. Das Risiko, mit diesem Mammutprojekt zu scheitern, war immens.

"Wie hat er den Mut gehabt, seiner eigenen Inspiration zu vertrauen, als er solche Unternehmen anging, und noch gar nicht abzusehen war, wie so ein Film einmal aussehen würde? Und dafür trotzdem Millionen und Abermillionen zu investieren", fragt sich auch heute noch Volker Schlöndorff, einer der international erfolgreichsten deutschen Regisseure.

"Das ist eine ganz, ganz besondere, großartige Eigenschaft von Kubrick! Bei allen Zweifeln muss er doch ein großes Urvertrauen in sich gehabt haben. Ich hätte nicht die Geduld gehabt - die unendliche, pedantische Geduld von Kubrick - den Effekten der Schwerelosigkeit so nachzugehen. Den unendlichen Aufwand, den das erfordert. Auch die Angst vor den Kosten hätte es mir unmöglich gemacht, solche Maschinen zu erfinden, mit denen er dann die Schwerelosigkeit dargestellt hat."

In Hollywood herrschte zunächst Zweifel, ob ein Film wie "2001: Odyssee im Weltraum" überhaupt gelinge könnte. Anfang der 1960er-Jahre hatte Kubrick große Probleme, eine Filmproduktionsfirma zu finden, die bereit war, ein derart ambitioniertes Projekt in Angriff zu nehmen. Gewagt hat es dann schließlich der amerikanische Filmkonzern Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Der Einsatz wurde belohnt, "2001" wurde der finanziell erfolgreichste Film des Jahres 1968 und spielte bereits im Startjahr ein Vielfaches seiner Produktionskosten wieder ein.

Bei seinen folgenden Filmen gelang ihm das nicht immer. "Barry Lyndon", eine Historiendrama, der 1976 in die Kinos kam, war finanziell nicht erfolgreich. "Full Metal Jacket" war dann wiederum in der Produktion günstig und den Kino ein Kassenschlager.

Genau, aber kompromissbereit

Stanley Kubrick strebte bei seiner Arbeit stets größte Genauigkeit an. Aber natürlich müssen bei einer Produktion für einen abendfüllenden Spielfilm auch Zugeständnisse gemacht werden. Jan Harlan kann sich noch gut an die Vorbereitungen für Kubricks Vietnamkriegs-Drama "Full Metal Jacket" erinnern.

"Es mussten mindestens sieben Schauspieler gefunden werden, die junge Rekruten verkörpern konnten. Beim Alter dieser Schauspieler sah sich Kubrick zu einem Kompromiss genötigt: Er war da durchaus flexibel. Er war überhaupt nicht stur. Viele Leute meinen immer, er sei ein solcher Perfektionist. Alles muss genau richtig sein. Das stimmt natürlich nicht. Denken Sie an "Full Metal Jacket". Die Leute hätten 19 Jahre alt sein müssen. Das wäre richtig gewesen. Wir haben es auch versucht. Für "Full Metal Jacket" hatten wir über 2000 Casting-Tapes.
Und wir fanden einfach nicht sieben Schauspieler, die gut waren. 19-jährige junge Männer sind einfach noch nicht richtig erwachsen. Die sind zwar körperlich und physisch und auch intellektuell vollkommen da, aber nicht in ihrer Emotion. Deshalb sind sie so geeignet für die Armee. Wartet man, bis die 25 sind, dann ist es vorbei. Das wussten schon die alten Spartaner in Griechenland. Die hatten 16-Jährige. War einfach lächerlich. Wir hätten vielleicht einen oder zwei gefunden.
Das ist der Grund warum solche Leute wie DiCaprio solche unglaublichen Seltenheiten sind. Der Mann war gut mit 12 - und der blieb immer gut. Finden Sie mal sieben davon! Das ist gar nicht so einfach. Dann haben wir uns entschlossen, eben auf Matthew Modine zu gehen und Arliss Howard und so weiter. Und dann war's ganz einfach. Aber die waren halt alle natürlich eigentlich zu alt! Also, gewissermaßen falsch für eine Aufnahme im Marine Corps. Es war also auch ein Zugeständnis von Kubrick. Es war ihm wichtiger, gute Schauspieler zu haben, als die richtige Altersgruppe."

Filmemacher und Familienmensch

Seit 1968 wohnte und arbeitete Stanley Kubrick dauerhaft in England. 1978 kaufte er ein großes Anwesen in der Nähe von London. Dort fand er - im Kreise seiner Familie und engsten Mitarbeiter - die nötige Ruhe, um neue Filmprojekte zu entwickeln und Dreharbeiten vorzubereiten. Jan Harlan, Schwager und ausführender Produzent von Stanley Kubrick, erinnert sich:

"Familienmann. Ging nicht gerne weg. Hatte die drei Töchter. Viele Hunde und Katzen. Das war sein tägliches Umfeld. Sah sehr viele Filme. Las ständig. Aber während der zweiten Woche Wimbledon zum Beispiel war unser Büro ganz still. Denn da sah Stanley Kubrick jedes Spiel. Das mochte er sehr. Ich weiß noch genau: Wir sahen einmal ein Spiel zusammen. Das war McEnroe gegen Boris Becker. Und Stanley war also ganz aufgeregt. Und sagte dann anschließend: It's fantastic. No film can be ever so exciting. Das ist auch eine Seite von Stanley Kubrick."

Bereits seit Anfang der 1960er-Jahre entstanden alle Kubrick-Filme fast ausschließlich in England. Sogar sein Vietnam-Film "Full Metal Jacket" wurde komplett in der Nähe von London gedreht.

"Für Kubrick kam es ja überhaupt nicht in Frage, nach Vietnam zu gehen. Er wollte zuhause bleiben. Das ist ihm ja auch dann sehr gelungen. Wir haben 50 Palmen gekauft in Spanien. Wir haben auch kleines Gestrüpp gekauft. Das ist nicht echt. Aus Taiwan. Und so sind wir nicht aufs Land gegangen, sondern in eine kaputte Stadt."

Eine Dschungel-Kulisse war für "Full Metal Jacket" nicht erforderlich. Denn der Film spielt während der sogenannten Tet-Offensive. In dieser Phase wurde der Krieg hauptsächlich in den vietnamesischen Städten ausgetragen.

"Das haben wir alles in einem ehemaligen Gaswerk im Osten von London gemacht: Beckton. Das wurde längst nicht mehr benutzt. Und wir durften dahin. Wir durften auch die Gebäude sprengen und das alles verändern. Weil, die wollten das sowieso alles loswerden. Das war einmal eines der größten Kohle-Gaswerke Europas. Mit 2.000 Arbeitern."

Kubrick war dafür berühmt, dass er einzelne Szenen extrem häufig wiederholte. 40, 50 oder gar über 100 Einstellungen sollen es teilweise gewesen sein. Seine genaue und zeitintensive Arbeitsweise wurde noch einmal anschaulich nachvollziehbar, als das Deutsche Filmmuseum die Aufgabe übernahm, den umfangreichen Nachlass des Regisseurs zu erschließen. Vier Jahre nach Kubricks Tod schickte das Museum einen erfahrenen Archivar nach London.

Katharina Kubrick (l), Stieftochter von Stanley Kubrick, und ihr Onkel, der Produzent Jan Harlan, stehen in der Ausstellung "Kubricks 2001. 50 Jahre A Space Odyssey" im Deutschen Filmmuseum an der Reproduktion eines "Discovery Raumanzugs". (Arne Dedert/ dpa )Katharina Kubrick (l), Stieftochter von Stanley Kubrick, und ihr Onkel, der Produzent Jan Harlan bei der Ausstellung "Kubricks 2001. 50 Jahre A Space Odysee" (Arne Dedert/ dpa )

Das Ziel war eine große Ausstellung über Stanley Kubrick. Der spätere große Erfolg dieser Ausstellung war damals noch nicht abzusehen. Inzwischen wurde die Ausstellung weltweit in rund 20 Städten gezeigt. Weit über eine Million Besucher besichtigten bisher den Kubrick-Nachlass.

Die Arbeit mit den Schauspielern

Bei den Dreharbeiten zu Kubricks Ehedrama "Eyes Wide Shut" im Jahr 1998 spielte Sky du Mont eine lange Szene mit Nicole Kidman. Laut Drehbuch sollte er die Hauptdarstellerin verführen. Doch bevor es dazu kam, war für den Schauspieler zunächst einmal tagelanges Warten angesagt. Sky du Monts Mutter lebte zu dieser Zeit in London. Er saß in ihrer Wohnung und wartete darauf, an den Set gerufen zu werden. Einen direkten Kontakt zu Kubrick hatte es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Dann plötzlich - an einem späten Nachmittag - kam der Anruf von einem Mitarbeiter des Regisseurs.

"Ja, sie werden jetzt abgeholt. Er möchte probieren. Er möchte die Szene probieren. Und ich setzte mich also ins Auto, und wurde dorthin gefahren. Und dort saß ich dann noch einmal in der Garderobe drei Tage. Und plötzlich, ich hörte schon den Ruf: It's a Wrap! - also ist Drehschluss - zog meinen Smoking aus, war gerade dabei meine Fliege auszuziehen, als dann der 25. Regieassistent kam und sagte: Nein, Mr. Kubrick möchte gerne noch eine Probe haben. Und ich ging also runter und sie spielten die Musik ein. Und Kubrick sagte gar nichts. Sagte nur: That's! Und ich tanzte mit Nicole und sollte den Text sagen. Und ich war so unvorbereitet, dass mir der Text nicht wirklich einfiel. Und dann sagte er nur: Danke! Und ich fuhr nachhause. Und dann riefen an diesem Abend ich glaube vier Leute an, die gesagt haben: Kubrick hasst Schauspieler, die ihren Text nicht können. Daraufhin habe ich gesagt: Ich kann meinen Text. Das war nur so überraschend, und er hat eine solche Persönlichkeit, dass ich wie gelähmt war."

Der Schock der ersten Begegnung verflog. Schon der nächste Drehtag lief für Sky du Mont deutlich normaler ab.

"Und dann fingen wir an so kleine Takes zu drehen und zu probieren. Und das gefiel ihm dann anscheinend. Der wurde eigentlich zusehends immer netter. Und da habe ich einen Mann kennengelernt, der mich zutiefst beeindruckt hat. Es war ja so, dass wir aufgenommen haben jeden Take und dann mussten alle das Studio verlassen. Und nur Nicole, er und ich blieben zurück. Selbst der Kameramann musste raus. Und wir gucken uns dann auf einem riesigen Fernseher immer den Take an, den wir gerade gedreht hatten. Da war eine Großaufnahme von mir, wo ich ihr nur nachgucke. Und da hat er gesagt: Da war irgendetwas. Sage ich: Nein, da war nichts. Es stellte sich heraus, dass tatsächlich hinten zwei Komparsen durchs Bild gegangen waren. Er sah alles. Der Regiestil von Kubrick war halt diese unglaubliche Zeit, die er hatte - und auch uns gab. Man hatte nie das Gefühl, dass man nicht sich hinstellen konnte und überlegen, was er da meint. Was sagt der da? Warum? Aha! OK, ich gehe auf meine Marke.
Das ist ein ganz wunderbares Gefühl für einen Schauspieler! Absolute Ruhe! Nichts hat sich bewegt! Ich muss heute noch sagen bei Filmen: Clear the Eyeline! - Das heißt: Wenn ich eine Großaufnahme habe, hat hinter der Kamera und hinter dem Schauspieler, den ich anspiele, niemand zu gehen, zu gähnen, in der Nase zu bohren! Das muss ich in Deutschland alle fünf Minuten sagen! Über so was redete man gar nicht bei Kubrick. Das war selbstverständlich! Und dadurch entstand eine solche Ruhe, eine solche Wärme - dass man den Mut hatte, nackig in die Szene zu springen - und zu spielen."

Im folgenden Jahr erreicht den Schauspieler die Nachricht, dass Stanley Kubrick gestorben ist.

"Als ich es erfahren habe, weiß ich, dass mir die Tränen in die Augen geschossen sind. Und meine Frau mich ganz merkwürdig angeschaut hat. Und ich gesagt habe: Da ist gerade ein ganz großer, großer Mensch von uns gegangen! Er hat Schauspieler geformt! Er hat aus Schauspielern Talente herausgebracht, die nie jemand gesehen hat. Nicht einmal die Schauspieler selber wahrscheinlich."

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