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StartseiteKalenderblattEine Legende der Sowjetliteratur22.12.2011

Eine Legende der Sowjetliteratur

Vor 75 Jahren starb der Schriftsteller und Revolutionär Nikolaj Alexejewitsch Ostrowskij

Mit seinem Roman "Wie der Stahl gehärtet" schuf Nikolaj Ostrowskij eines der wichtigsten Werke der Sowjetliteratur. Als er im Alter von 32 Jahren starb, war er selbst zu einem sowjetischen Mythos stilisiert worden. Doch es bestehen Zweifel an der Biografie des Schriftstellers.

Von Ursula Keller

Grabmal von Nikolaj Alexejewitsch Ostrowskij auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau (dpa / picture alliance / Vladimir Raitman)
Grabmal von Nikolaj Alexejewitsch Ostrowskij auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau (dpa / picture alliance / Vladimir Raitman)

1932 erscheint in der Sowjetunion der Roman "Wie der Stahl gehärtet wurde". Der sagenhafte Held dieses Klassikers des Sozialistischen Realismus, Pawel Kortschagin, wird zum Symbol der Epoche. Und als der Autor des Werks Nikolaj Ostrowskij vier Jahre später im Alter von nur 32 Jahren stirbt, ist auch sein Leben bereits zur Legende geworden.

"Wir wollen immer so standhaft und unbeirrbar sein, wie Nikolaj Ostrowskij es war."

Positive, heitere Helden, die ihr Leben ganz den revolutionären Idealen widmen, prägen die Werke der Sowjetliteratur.
Ein solcher Held ist Ostrowskijs Pawka Kortschagin: Von der Schule verwiesen, lernt der Sohn einer Köchin früh die Härte des Lebens der Arbeiterklasse kennen. Seine Feuertaufe durchläuft er im Bürgerkrieg in den Reihen der legendenumwobenen Reiterarmee Budjonnyjs und steht später als Komsomolze und Funktionär unbeirrt im Dienst der Partei. Selbst eine unheilbare Krankheit vermag den Willen des aufrechten Revolutionärs nicht zu brechen. Noch auf dem Krankenbett setzt Pawka Kortschagin seinen Beitrag zum Aufbau der neuen Gesellschaft fort und verfasst einen Roman als sein soziales Vermächtnis.

Der Erfolg des einzigen vollendeten Werks von Nikolaj Ostrowskij geht mit der Überhöhung des Autors einher.

"Alles in Ostrowskij ist Flamme der Aktion und des Kampfes - und diese Flamme wuchs und dehnte sich aus, je enger Nacht und Tod ihn umringten. Er strömte von unermüdlichem Lebensmut und Optimismus über. Und diese Freude verband ihn mit allen kämpfenden und vorwärts schreitenden Völkern der Erde."

Heißt es im Vorwort des französischen Schriftstellers und damals noch glühenden Anhängers des Kommunismus Romain Rolland zu "Wie der Stahl gehärtet wurde".

Ostrowskijs Roman wird von der Literaturpolitik als autobiografischer Lebensbericht dargestellt. Die Witwe des Schriftstellers legte den Grundstein für die biografisch-literarische Legende. Sie zitiert ihn in ihrer Ostrowskij-Biografie:

"Meine Genossen sagten: 'Schreibe darüber, was du selbst gesehen und erlebt hast. Schreibe über die, die du kennst, über das Milieu, aus dem du selbst kommst, über die, die unter den Fahnen der Partei für die Macht der Sowjets kämpften.'"

Gleichwohl bleiben Zweifel an der Sicht des Romans als Ostrowskijs Darstellung seines eigenen Lebens. Im September 1904 in der ukrainischen Provinz geboren und in kleinen Verhältnissen aufgewachsen, schloss Ostrowskij sich früh der Bewegung Lenins an. Ob er jedoch, wie in den sowjetischen Biografien dargestellt, dem Arbeitermilieu entstammte und tatsächlich im Bürgerkrieg kämpfte, gilt mittlerweile als fraglich.

1935 mit dem Leninorden ausgezeichnet, erhält Ostrowskij, sterbenskrank bereits, den Auftrag, die Bevölkerung in einer Neujahrsansprache auf neue Siege und Erfolge einzuschwören.

"Das Jahr 1936 begrüße ich als das beste Jahr meines Lebens, als Jahr voller Wünsche, großer schöpferischer Anstrengung, und es ist eine Sache der Ehre, dass ein alter Komsomolze wie ich diese überstehen wird. Ein alter Komsomolze - wie wunderbar klingt dies. Wir, die neue Generation des Komsomolzenverbandes Lenins, seine Söhne, müssen in diesem Jahr in die erste Reihe des Kampfes und Feuers treten und festen Schritts tapfer voranschreiten.
Auf Wiedersehen meine jungen Freunde. Auf Wiedersehen bei neuen Erfolgen, neuen Siegen des wunderbaren, bedeutenden Morgen!"

Jenes Jahr, das Nikolaj Ostrowskij hier so enthusiastisch begrüßt, wird als Auftakt des Großen Terrors in die Geschichte eingehen, der Millionen das Leben kostet.

Der schwerkranke Schriftsteller, der einen Großteil seines Romans fast gänzlich gelähmt und erblindet im Bett liegend diktiert hatte, stirbt am 22. Dezember 1936.

Das Bild des heroischen, in den Kämpfen des Bürgerkriegs und den ersten Aufbaujahren gestählten Pawka Kortschagin wurde zum Ideal der sowjetischen Jugend. Der Roman "Wie der Stahl gehärtet wurde" war Pflichtlektüre in den Schulen der sozialistischen Staaten und wurde vier Mal verfilmt.

Eine Biografie Nikolaj Ostrowskijs, die den sowjetischen Mythos des Schriftstellers kritisch hinterfragt, steht bis heute aus.

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