Mittwoch, 08. Februar 2023

Viktor Funk: „Wir verstehen nicht, was geschieht“
Eine Liebe, die den Terror überdauert

Viktor Funk erzählt eine Geschichte nach wahren Begebenheiten: Lew überlebt Jahre in einem der berüchtigten Gulag Straflager Stalins auch deshalb, weil ihm die Briefe seiner großen Liebe Swetlana zur moralischen Stütze werden.

Von Nora Karches | 17.01.2023

Viktor Funk: "Wir verstehen nicht, was geschieht"
Zu sehen sind der Autor und das Buchcover
Viktor Funks Recherche für seinen Roman wäre ohne die Ünterstützung der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial nicht möglich gewesen. Seit 2022 ist sie verboten. (Buchcover: Verbrecher Verlag / Foto: Peter Jülich)
„Wie überlebt ein Mensch 13 Jahre Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen?“ Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, reist der Historiker Alexander List, das Alter Ego des Autors Viktor Funk, nach Moskau. Dort trifft er Lew Mischenko.
„Warum interessieren Sie sich für den Gulag?“, fragte Lew. „Ich interessiere mich für Sie, für Menschen, die ein Lager überlebt haben. Das Lagersystem ist einigermaßen gut erforscht, aber was es aus den Menschen macht…“ Er stockte. Er suchte nach den richtigen Worten, die Lew nicht wie ein Versuchskaninchen erscheinen ließen. „Ich will wissen, woher Sie die Kraft nahmen, im Lageralltag nicht zu verzweifeln und danach Wissenschaftler zu werden, woher Sie die Kraft nahmen, danach weiter…“ – „Zu leben?“ – „Ja. Und es zu genießen. Auf den Bildern in Ihrer Wohnung lachen Sie. Ihre Frau lacht.“

Überleben an einem lebensfeindlichen Ort

Die Biografie von Lew Mischenko, der Hauptfigur in Viktor Funks Roman, ist an die reale Biografie des ähnlich klingenden Lew Mischtschenko angelehnt. Dieser war, nachdem er 1941 in Deutschland in Kriegsgefangenschaft geriet, nach Kriegsende in Sowjet-Russland nicht etwa als Held empfangen worden, sondern als Verräter, den man der Kollaboration bezichtigte. Dass er weitere acht Jahre Haft im Gulag Petschora überlebt hat, mag auch daran gelegen haben, dass ihm sein naturwissenschaftlicher Beruf zur Rettung wurde: Als Physiker machte er sich im Kraftwerk des Holzverarbeitungslagers unersetzlich.
An diesen Ort, wo die Temperaturen im Winter auf bis zu minus 47 Grad fallen, möchte Lew im Roman zurückkehren, denn dort wartet ein alter Freund aus der Haft auf ihn. Und so finden die Gespräche mit dem Historiker Alexander List größtenteils während der 32-stündigen Zugfahrt statt.
„‚Kennen Sie das Unschärfeprinzip?‘, fragte Lew. – ‚Sie meinen Heisenberg? Ich kann entweder den Ort oder die Geschwindigkeit eines Teilchens feststellen, aber nicht beides. Das?‘ – ‚Das ist die einfachste Erklärung, aber das genügt. Mit dem Menschen ist es nicht anders, denke ich heute. Entweder Sie leben in dem Moment, oder Sie denken über ihre Angst, Hoffnung oder Verzweiflung nach.‘“

Motive der KZ-Literatur

Das Verdienst des Romans besteht darin, eine Lücke im europäischen Geschichtsbewusstsein zu schließen. Wir alle kennen die KZ-Literatur. Doch über das Gulag-System wissen wir im Vergleich wenig. Viktor Funk zeigt: Es gibt Parallelen in den Berichten ehemaliger Häftlinge.
So tauchen in Lews Erinnerungen Überlebensstrategien auf, die aus Ruth Klügers Buch „Weiter leben“ bekannt sind, etwa das Rezitieren von Versen und Literatur. Und wie Primo Levi in „Die Atempause“ erzählt auch Lew davon, dass der Schrecken des Lagers mit der Entlassung kein Ende findet.
„Schon im Zug merkten wir, dass uns draußen kein einfaches Leben erwartet. Wir hatten in einem kleinen Lager gesessen und jetzt fuhren wir durch ein großes.“
Diese Motive sind keine intertextuellen Verweise. Sie beruhen auf tatsächlichen Erfahrungen von Lew Mischtschenko, den Viktor Funk, so erfährt man im Nachwort, in Moskau getroffen hat. Im Nachwort steht auch, dass die Briefe von Lew und seiner großen Liebe Swetlana fiktiv sind. Und das ist das Grundproblem dieses Romans. Lew Mischtschenkos Empfindungen während der Haft hätte Viktor Funk erfahren können, hätte er die von Orlando Figes‘ veröffentlichten Original-Briefe gelesen.

Liebe und die Kraft, weiterzuleben

Für den inhaftierten Lew Mischtschenko war seine spätere Ehefrau Swetlana die zentrale Bezugsperson. Auf sie konzentrierte sich all seine Hoffnung. Insofern mag es einem beinah überheblich erscheinen, dass es Viktor Funk nicht nötig erschien, für seinen Roman die tiefe menschliche Verbindung des Paares in den historischen Dokumenten nachzuvollziehen. Denn eines der zentralen Motive der Briefe ist die Hoffnung. So schrieb Lew Mischtschenko an Swetlana:
„Ich begriff, dass das Schrecklichste im Leben völlige Hoffnungslosigkeit ist. (…) Jedes ‘Vielleicht‘ durchzustreichen und den Kampf aufzugeben, wenn man noch genug Kraft dafür hat, ist die schlimmste Form des Selbstmords. Es ist fast unerträglich, dies an anderen zu beobachten. Unbegründete Hoffnung - Erlösung für die im Geist und Verstand Schwachen - verärgert mich. Aber der Verlust der Hoffnung bedeutet die Lähmung - oder gar den Tod - der Seele. Sweta, lass uns hoffen, solange wir noch die Kraft dazu haben.“
Im Vergleich erscheinen die fiktiven Briefe blass.

„Ich habe gehofft, dass ich nach Deinem Besuch immer nur Dein Gesicht sehe, wenn ich die Augen schließe. (…) Aber nein, andere Erinnerungen sind stärker.“

Ein Land, das seine Vergangenheit leugnet

Dass die Originale aufregender, philosophisch dichter und literarischer sind als die Briefe im Roman, zeigt die Begrenztheit des literarischen Vorhabens von Viktor Funk. „Wir verstehen nicht, was geschieht“ ist lesenswert als Auseinandersetzung mit der Frage, welche Zukunft Russland hat als Land, das seine Vergangenheit leugnet.
Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, woher ein Mensch die Kraft nimmt, weiterzuleben, sollte die echten, 2012 veröffentlichten Briefe des Ehepaars Lew und Swetlana Mischtschenko lesen.
Viktor Funk: „Wir verstehen nicht, was geschieht“
Verbrecher Verlag, Berlin
156 Seiten, 20 Euro.

Orlando Figes: „Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne. Eine Geschichte von Liebe und Überleben in Zeiten des Terrors“
Übersetzt aus dem Englischen von Bernd Rullkötter
Hanser Berlin Verlag, Berlin
384 Seiten, 24,90 Euro.