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StartseiteKultur heuteEine Zensur findet doch statt19.12.2004

Eine Zensur findet doch statt

Die Schweiz kürzt ihrer Kunstorganisation "Pro Helvetia" den Etat

<strong>Mit seiner Ausstellung "Swiss-Swiss Democracy" im Schweizer Kulturzentrum in Paris erregt der Künstler Thomas Hirschhorn die Gemüter der Schweizer: Angestachelt durch Berichte in der Boulevardpresse beschloss der Schweizer Ständerat, den Etat der Schweizer Auslandskultur um eine Million Franken zu kürzen - als Strafaktion für die Hirschhorn-Ausstellung.</strong>

Von Katrin Hondl

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Centre Culturel Suisse à Paris

Die, die diese Entscheidung gefällt haben, müssen die Verantwortung übernehmen. Ich übernehme die Verantwortung für meine Arbeit hier. Wenn man die kritisiert, dann steh ich dazu. Ich bin ein Künstler, ich kann mit Kritik leben. Überhaupt kein Problem, nur: Es ist natürlich traurig, wenn aufgrund von Boulevard-Presseberichten und Boulevardmedien-Informationen Entscheidungen gefällt werden, die eine Institution betreffen, die ja unabhängig sein muss von der politischen Logik. Weil sie in ihrer Unabhängigkeit ja genau ihre Mission erfüllt. Nämlich Schweizer Kunst- und Kulturschaffen international und national zu unterstützen. Und zwar vielfältig.

Thomas Hirschhorn benennt den eigentlichen Skandal. Die "Strafaktion" für seine Ausstellung (- der Etat der Kulturstiftung Pro Helvetia wird um eine Million Franken gekürzt -) haben Schweizer Politiker zu verantworten, die allein auf der Basis von Artikeln der Boulevardpresse urteilten. Ohne die Ausstellung überhaupt gesehen zu haben und also ohne irgendeine Auseinandersetzung mit der Kunst. Das Schweizer Boulevard-Blatt "Blick" hatte die Eidgenossen alarmiert: "Die Schweiz wird verhöhnt. Von einem Schweizer!" stand da zu lesen. Und weiter: "Er lässt Blocher bepinkeln, Urnen bekotzen und die Eidgenossenschaft als Gefängnis darstellen."

Das hört sich nach einer Wiederkehr alpenländischer Aktionisten an, nach Pipi-Kacka-Kunst und billiger Provokation. Doch mit Thomas Hirschhorns Arbeit hat all das allerdings nichts zu tun - bei "Swiss-Swiss Democracy" fließen keine Körpersäfte. Hirschhorn will nicht provozieren, sondern die Demokratie "ent-idealisieren".

Für mich ist die Demokratie nie ein Ideal, sondern sie ist nur immer eine Realisation. Und weil sie eine Realisation ist, hat sie Fehler, und deshalb darf ich, muss ich sie kritisieren. Ich finde, es gibt nichts Luxuriöseres als heute zu sagen: "Ich bin Demokrat" - im Angesicht der Welt.

"Im Angesicht der Welt", wo - im Namen der Demokratie - gefoltert und Krieg geführt wird – und im Angesicht der Schweiz, wo der Rechtspopulist Christoph Blocher Justizminister ist und wo Hirschhorn seitdem nicht mehr ausstellt.

Auf dem Plakat zu "Swiss-Swiss Democracy" ist das Foto einer Folterszene aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib zusehen, darunter Schweizer Kantonswappen.

Für zwei Monate hat Hirschhorn das Schweizer Kulturzentrum von oben bis unten umgestaltet in ein - wie er sagt - "Gefäß" für die Auseinandersetzung mit der Demokratie. Mit für seine Kunst typischen einfachen, alltäglichen Materialien - Kartons, Klebeband, Linoleumböden - hat er Räume geschaffen. Zeitungsausschnitte, fotokopierte Texte, Fotos und Schaubilder kleben auf Kartonwänden in Pastellfarben - rot, blau und gelb.

Thomas Hirschhorn im Centre culturel suisse in Paris anlässlich seiner Ausstellung "Swiss Swiss democracy" (AP Archiv)Thomas Hirschhorn im Centre culturel suisse in Paris anlässlich seiner Ausstellung "Swiss Swiss democracy" (AP Archiv)Modelleisenbahnen fahren durch mit Paketband beklebte Berge. Das gleiche braune Klebeband umhüllt Sessel, Sofas und Stühle. Jeden Abend um 19 Uhr gibt es ein Theaterstück – Schillers "Wilhelm Tell", inszeniert von dem Franzosen Gwenael Morin. Der schwächste Part des Hirschhorn-Projekts. Was allerdings nicht an der von der Boulevardpresse monierten und übrigens nur angedeuteten Pinkel-Szene auf ein fotokopiertes Foto des Rechtspopulisten Blocher liegt, sondern in erster Linie am amateurhaften Spiel der Darsteller.

Hirschhorn selbst produziert jeden Tag eine 16-seitige Zeitung. In ihr sind unter anderem die Vorträge nachzulesen, die der Berliner Philosoph Marcus Steinweg täglich um 16 Uhr in der Ausstellung hält. Über den Demokratie-Begriff und Verantwortung, über Antigone und Immanenz-Subjekte, über Kunst, Philosophie und Politik. Gestern zum Beispiel referierte Steinweg über die strukturelle Homologie von Kunst und Philosophie - im Gegensatz zur Politik: Der Kunst gehe es um Formen, der Philosophie um Wahrheit, der Politik dagegen um Interessen.

Die Schweizer Politiker, die jetzt die Stiftung Pro Helvetia für diese Ausstellung mit Geldkürzungen bestrafen, demonstrieren vor allem Des-interesse - an der Kunst.

Ich glaube, das Problem ist immer dieser Versuch von vielen Schweizer Politikern, immer die Geldfrage rein zu bringen. Zum Beispiel habe ich diesen unheimlichen Satz gehört: Man beißt nicht die Hand, die einen füttert. Also, nur schon diese Idee wiederum, dass der Künstler ein Tier ist, das gefüttert werden muss. Und darum darf es nicht die Hand beißen. Also diese Abhängigkeit herstellen zeugt natürlich schon von einer gewissen Kunstfeindlichkeit oder auch von einem fehlenden Kulturverständnis ganz allgemein.

Die Schwächen der Demokratie will Thomas Hirschhorn in seiner Pariser Ausstellung thematisieren - der Schweizer Ständerat mit seiner Strafaktion hat ihn dabei unfreiwillig bestätigt.

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