Mittwoch, 08. Februar 2023

Thomas Clerc: "Interieur"
Einrichtungsphilosophie eines Stubenhockers

Mehr als 300 Seiten über seine kleine Pariser Wohnung zu schreiben, ist gewagt. Thomas Clerc, Literaturdozent und Schriftsteller, leuchtet in seinem autobiografischen Buch „Interieur“ die private Zone seines Alltags bis in den hintersten Winkel aus.

Von Christoph Vormweg | 24.01.2023

Thomas Clerc: "Interieur"
Hermetisch abgeriegelt zu sein vom Draußen, das ist Wille und Vorrichtung bei Thomas Clerc. In seinem autobiografischen Buch "Interieur" denkt er unter anderem über die Ausstattung der eigenen Wohnung mit Super-Panzerungen und Alarmsystemen nach. (Portraitfoto: Francesca Mantovani / Buchcover: Matthes & Seitz)
Die Funktion der Gardine in den Städten besteht darin, den Einblick in die Privatsphäre zu verwehren. Thomas Clercs Erzähler ist da anders gepolt. Er läuft nicht nur gerne nackt – für alle Nachbarn gut sichtbar - durch seine Pariser Wohnung. Nein, kurz vor seinem Auszug gibt er in seinem Buch „Interieur“ auch noch detailgenaue, ja intime Einblicke in das Allerheiligste.  Eine Lawine von Fakten rollt auf Leserinnen und Leser zu: zu den wann und wo erstandenen, geerbten oder geklauten Küchenutensilien, zum Inventar der Hausapotheke bis hin zu den löchrigen Socken im Kleiderschrank. Nichts bleibt unerwähnt.

Nach Hause kommen

Das führt schon nach wenigen Seiten zu einem Gefühl der Überlastung. Nicht anders wirkt Thomas Clercs Manie, zum Beispiel die unbestimmten Artikel im Schriftbild durch die Zahl 1 zu ersetzen. Damit wollte er sich 2013, bei Erscheinen des Buchs in Frankreich, nicht als Anreger des Vong-Jargons im Internet in Szene setzen, sondern, wie er sagte, „die Zahl im Herzen der Wörter“ platzieren und so „die Neutralität intensivieren“. Komischerweise stellt sich bei der Lektüre dann nach und nach eine innere Ruhe ein. Denn da fühlt sich jemand auf seinen 50 Quadratmetern hundertprozentig zu Hause.
„Kaum zu Hause, schließe ich die Tür reflexartig zweimal ab [...]. Nicht die Verletzung des Eigentums, so unangenehm sie auch sein mag, hat mich dazu animiert, meine Wohnung mit Super-Panzerungen, Alarmsystemen, Überwachungskameras, Türketten, vergitterten Fenstern und anderen paranoiden Gerätschaften zu rüsten. Nein, es ist vielmehr der Wunsch, hermetisch von draußen abgeriegelt zu sein.“

Kein Durchschnittsfranzose

Jeder Raum – bis hin zu der nur einen Quadratmeter großen Toilette mit eigener Bibliothek – ist bis ins Kleinste durchkonzipiert. Thomas Clercs Erzähler, Literaturdozent an einer Vorstadtuniversität, ist ein kauziger, hypochondrisch veranlagter Metropolengockel, der nie mit seinen Lebensgefährtinnen zusammenwohnt. Ständig mokiert er sich über die Marotten der Durchschnittsfranzosen und die Zumutungen der Handwerker. Doch es bleibt auch viel Raum für Selbstironie – etwa beim genussvollen „Einweichen“ in der Badewanne:
„Die Seife, die ich wegen ihres durchsichtigen Farbtons gewählt habe, um gegen 1 für die Harmonie des Raums nachteilige Farbenflut anzukämpfen, heißt Neutralia. Nach eigenen Angaben ist sie nicht säurehaltig. Wie alle Zwangsgestörten mit 1 Hang zur Phobie betreibe ich 1 Sauberkeitskult, und wenn es nach mir ginge, würde ich mich mehrmals täglich waschen, was im Sommer durchaus vorkommt, weil ich meinen eigenen Schweiß-geruch schwer ertrage – es sei denn, er rührt von 1 Liebesspiel her.“

Privatzone eines Universalgelehrten

Für das Buch „Interieur“ dürfte die genau und kompakt formulierende Übersetzerin Nicola Denis weit mehr recherchiert haben als gewohnt: zum einen wegen der vielen technischen Beschreibungen; zum anderen, weil jeder Gegenstand seine eigene Geschichte hat: ob als Marke, in der Familienhistorie oder ganz persönlich. Hinzu kommt die ausufernde Bildung des Erzählers, seine, wie er schreibt, „Grundtendenz zum Universalgelehrten“. Über 700 Bücher haben sich angesammelt, die er alphabetisch in seinen Regalen angeordnet hat.
„Wenn das Bücherregal die wahre Heimat des Schriftstellers ist, müsste dessen Beschreibung 1 ganzen Band füllen, und genau aus diesem Grund beschließe ich hiermit, dieses verschachtelbare Projekt, 1 an Inhalten, vor allem aber an Träumen reiche Matrjoschka, auf später zu verschieben.“

Das Spiel mit den Leseerwartungen

Nach zwei Dritteln des autobiografischen, fragmentarisch angelegten Buchs „Interieur“ bekommt man eine Ahnung seiner Grenzen. Der selbsternannte „Einrichtungsphilosoph“ und manische Archivar seiner selbst, Sternzeichen Stier, schließt – wie gerade gehört - kurzerhand den Inhalt der Bücher aus, um die sein Leben kreist. Damit nicht genug: Auch die gesammelten Begegnungen im letzten beschriebenen Raum, seinem Schlafzimmer, fallen unter den Tisch. Gekonnt lässt Thomas Clerc so einen guten Teil der Leseerwartungen ins Leere laufen. Bleibt der Reiz seiner Fähigkeit zu süffisanter Selbstironie. Mit ihr wirft er seine Leser – weit mehr als seine Leserinnen – immer wieder auf sich selbst zurück: indem er auch sie indirekt durch die Beschreibung von Marotten, Ticks und Neurosen entlarvt. Dennoch ist für die Lektüre seiner handlungsarmen Präzisionsprosa ein langer Atem nötig.
Thomas Clerc: „Interieur“
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2022. 320 Seiten, 28,00 €.