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Einstige Europäische KulturhauptstadtKosice in der Ostslowakei blüht wirtschaftlich auf

Florenz, Amsterdam, Mons und Pilsen waren Europäische Kulturhauptstädte. Neben der Vermittlung des kulturellen Erbes in Europa erhoffen sich die Städte auch wirtschaftliche Vorteile, so auch Kosice. 2013 war die einst vernachlässigte Stadt in der Ostslowakei Kulturhauptstadt und erlebt seitdem einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Von Kilian Kirchgeßner | 24.08.2016

Blick auf das historische Zentrum von der ostslowakischen Stadt Kosice
2013 war die ostslowakische Stadt Kosice Europäische Kulturhauptstadt. (picture alliance / dpa - EPA)
Einer der wichtigsten Räume in der alten Tabakfabrik liegt unter dem Dach. Nina Silanova führt durch das neu renovierte Treppenhaus hinauf; die junge Frau arbeitet in dem Kulturzentrum, das wieder Leben in die alten Fabrikhallen gebracht hat, die lange Jahre vor sich hin gammelten.
"Hier sind die Co-Working-Arbeitsplätze. Da können sich Freiberufler einfach einen Tisch mit Internetanschluss mieten, sie bringen ihren eigenen Computer mit und haben dann hier ihr Büro. Meistens sind es Architekten, Designer, Informatiker. Die Nachfrage ist groß: Wir sind ausgebucht, und dann gibt es noch zwei, drei andere solcher Zentren in Kosice."
Einst vernachlässigter Osten der Slowakei
In der alten Tabakfabrik lässt sich beobachten, womit vor einigen Jahren selbst Optimisten nicht gerechnet hätten: Der einstmals stark vernachlässigte Osten der Slowakei, nur wenige Kilometer entfernt von der ukrainischen Grenze, erlebt einen Aufschwung. In der Tabakfabrik gibt es ein Kino, einen Theatersaal, eine angesagte Bar, eine Handvoll Geschäfte und eben die Büros für Kreative – das alles, sagt Nina Silanova, gehöre eng zusammen; das eine gebe es nicht ohne das andere.
"In den vergangenen Jahren hat sich eins gravierend geändert: Es ist nicht mehr so schwer, hier eine Arbeit zu finden. Viele meiner Freunde, die im Ausland sind, sagen mir: Eines Tages würde ich gern zurückkommen. Sie sind positiv überrascht von den Veränderungen."
Diese Veränderungen haben ihre Wurzeln im Jahr 2013, als Kosice europäische Kulturhauptstadt war. Während dieser Titel vielen Städten ein Jahr lang mehr Aufmerksamkeit beschert und dann keine weiteren Spuren hinterlässt, scheint er in Kosice nachhaltig etwas in Gang gesetzt zu haben. Die Zahl der Übernachtungen zum Beispiel war in den Folgejahren höher als im Kulturhauptstadtjahr selbst. Peter Radkoff, einer der damaligen Organisatoren begründet das so:
"Wir haben das Kulturhauptstadtjahr von Anfang an als Transformationsprojekt verstanden, nicht als Bühne für die Hochkultur. Es ging darum, eine konservative, industriegeprägte Stadt in einen kreativen Standort zu verwandeln. Wir wollten die Kultur aus dem Stadtzentrum in alle Bereiche hineinbringen, und das hat auch geklappt."
Kosice mit seinen 240.000 Einwohnern leidet seit der politischen Wende am Niedergang der einst prägenden Schwerindustrie. Auch heute noch zählt die Arbeitslosigkeit in der ostslowakischen Region mit etwa 15 Prozent zur höchsten im ganzen Land – aber es gibt endlich auch gute Nachrichten aus der einst vernachlässigten Gegend, in die nicht einmal eine Autobahn führt. Bürgermeister Richard Rasi hat eine klare Vorstellung, wohin diese Entwicklung gehen soll:
"Seit 2013 erhöht sich jedes Jahr die Zahl der Arbeitnehmer im IT-Bereich. Ursprünglich wollten wir bis zum Jahr 2020 erreichen, dass 10.000 Leute in dieser Branche arbeiten – aber tatsächlich haben wir dieses Ziel schon jetzt erreicht."
Mehr Kultur gleich mehr Leben
Mehrere Hochschulen gibt es in Kosice, und die Absolventen blieben neuerdings auch nach ihrem Abschluss vor Ort, anstatt wie früher für die Arbeit in die Hauptstadt Bratislava zu ziehen oder gleich ins Ausland. Die Gleichung sei simpel, sagt der Bürgermeister: Mehr Kultur gleich mehr Leben, mehr Leben gleich mehr Attraktivität für ein urbanes, gebildetes Publikum – und das wiederum locke Investoren und Gründer gleichermaßen an.
"Im IT-Bereich liegen die Durchschnittslöhne bei 1.200 bis 1.300 Euro; das ist deutlich über dem landesweiten Durchschnittslohn. Zudem arbeiten da junge Leute, die hier Wohnungen kaufen und Familien gründen. Deshalb ist das für uns natürlich ein besonders interessantes Feld."
Und es ist ein Rettungsanker für die Region: Der größte Investor, ein amerikanischer Stahl-Hersteller, steckt wegen der sinkenden Weltmarktpreise in einer Dauerkrise. Gute Nachrichten aus anderen Bereichen sind deshalb in Kosice hochwillkommen. Und die kommen auch aus einer Richtung, aus der die wenigsten damit gerechnet hätten: aus dem Osten; von der ukrainischen Grenze, deren Nähe viele Ostslowaken bislang eher als Hemmschuh für die eigene Entwicklung gesehen haben. Jetzt gründen ukrainische Unternehmen immer häufiger ihre Tochterfirmen in Kosice – auf der Flucht vor der Unsicherheit in der Heimat.